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5. April 2006

Der Aderlass gegen die bösen Säfte (Narrenturm 50)

Die Praxis des „Zur-Ader-Lassens“ war über Jahrhunderte ein besonders geschätztes Heilverfahren. Lange Zeit kannte man kaum Zurückhaltung, zumal die Humoralpathologie davon ausging, dass ein Mensch 24 Liter Blut habe. Im günstigen Fall kam es bei diesen oft hemmungslosen Blutabzapfungen nur zu Ohnmachten, manchmal aber auch zum Tod.

Die „Vier-Säfte-Lehre“ der hippokratischen Medizin und die daraus von Galen entwickelte Krankheitslehre, die Humoralpathologie, war von der Antike bis ins 19. Jahrhundert die wichtigste medizinische Theorie zur Krankheitsentstehung. Nach diesem klassischen Konzept befinden sich die vier Körpersäfte, lateinisch „Humores“ – Blut, Schleim, schwarze Galle und gelbe Galle – beim gesunden Menschen im Gleichgewicht. Für Krankheitszustände aller Art machte man ein Ungleichgewicht dieser Säfte verantwortlich.

Schädliche Säfte ableiten

Die Beobachtung, dass die Natur oft durch Erbrechen, Durchfälle und Schweißausbrüche schädliche Säfte entfernt, sich damit selbst heilt und auch Blut auf durchaus natürliche Art – Menstruation, Nasenbluten – vom Körper abgestoßen wird, führte zu den so genannten „ableitenden“ therapeutischen Verfahren: die Verabreichung von Abführmitteln, Klistieren und Brechmitteln, die Verschreibung von Schwitzkuren und harntreibenden Mitteln und den Entzug von Blut durch Schröpfen und Blutegel, aber vor allem durch den berühmt-berüchtigten Aderlass. Von den Hippokratikern erfunden und von Galen systematisiert, war der Aderlass ein allseits beliebtes Mittel, die bösen Säfte aus dem Körper zu entfernen und so das Gleichgewicht wieder herzustellen. Im Lauf der Jahrhunderte kam der blutige Eingriff regelrecht in Mode. Schließlich schätzten sogar Gesunde den Aderlass als prophylaktische Maßnahme und wirksames Mittel, um die Folgen von Fress- und Sauforgien zu überwinden. Praktische Eingriffe am Krankenbett galten für die gelehrten Medici, im Volksmund treffend „Maulärzte“ genannt, als nicht standesgemäß. So mussten entweder „Schnittärzte“ oder Bader und Barbiere auf Anordnung des „Bucharztes“ den Aderlass durchführen. Sie orientierten sich oft an den vielfach publizierten Lehrzeichnungen, den Aderlassmännern: Figürlichen Darstellungen, auf denen die geeigneten Venen, die astrologisch günstigen Konstellationen oder auch das Verbot für die Phlebotomia eingezeichnet waren.

Zahlreiche Faktoren mussten berücksichtigt werden

Neben der wichtigen Stellung der Gestirne und Tierkreiszeichen – als besonders gefährlich galt ein Aderlass, wenn sich der Mond im entsprechenden Tierkreiszeichen befand – berücksichtigte man noch Alter, Geschlecht, Klima, Jahreszeit, Windrichtung und das Stadium der Krankheit. Bis zu 30 mögliche „Adern“ wurden beschrieben, und durch die Eröffnung der richtigen Vene versuchte man nicht nur „fauliges und zersetztes“ Blut abzuleiten, sondern auch das kranke Organ zu beeinflussen und die Krankheit zu bekämpfen. Im 16. Jahrhundert erschütterte ein wissenschaftlicher „Aderlassstreit“ die medizinische Welt. Der französische Arzt Pierre Brissot (1478-1522) wandte sich gegen das von alters her herrschende Dogma, dass die Venaesectio an einer dem kranken Organ möglichst weit entfernten Vene auf der entgegengesetzten Seite des Körpers durchzuführen sei. Er propagierte den Aderlass in der Nähe des erkrankten Organs und löste damit einen erbitterten Streit aus. Zum Aderlass saß der Kranke für gewöhnlich auf einem Stuhl und umfasste mit seinem Arm einen Stab. Am gestauten Arm ritzte man nun, klassischerweise mit einem spitzen Messerchen, genannt Lanzette, Phlebotom oder Skalpellus eine Vene.

Schnäpper statt Messer

Im 18. Jahrhundert verwendete man anstelle des Messers häufig Aderlassschnäpper. Bei diesen Geräten katapultiert eine Feder ein kleines Messerchen heraus. Das pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm besitzt in ihren Sammlungen natürlich auch einige dieser „modernen“ Hilfsmittel aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Das aus der Vene spritzende Blut fing man in einer meist mit frommen Motiven verzierten Aderlassschale auf, maß die Menge und beurteilte es nach verschiedenen Kriterien wie Farbe und Gerinnungsfähigkeit, um Hinweise für zusätzliche Thera­pien zu erhalten. „Sobald nun die Fäulnis mit dem Blut ausgeflossen ist, folgt reines Blut, und dann muss man mit dem Blutentziehen aufhören.“ Dieser Hinweis von Hildegard von Bilgen scheint aber oft nicht befolgt worden zu sein, oder es kam einfach kein reines Blut. Bei angenommenen 24 Litern Blut-Gesamtvolumen kannte man beim Aderlass kaum Zurückhaltung. Die Humoralpathologie verschwand erst Mitte des 19. Jahrhunderts endgültig aus der wissenschaftlichen Medizin. In diversen alternativen medizinischen Konzepten ist sie aber auch heute noch von Bedeutung. In der Naturheilkunde, Ethno- und Alternativmedizin sind die so genannten klassischen „ausleitenden und ableitenden Verfahren“ auch heute noch durchaus üblich und werden auch recht häufig eingesetzt.

 „Moderne“ Aderlassschnäpper aus dem 18. und 19. Jahrhundert. (Foto: Regal/Nanut) „Moderne“ Aderlassschnäpper aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Foto: Regal/Nanut

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 14/2006

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