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29. März 2006

Zwei Gesichter, ein Kopf, ein Körper (Narrenturm 49)

Zahlreiche Präparate im pathologisch- anatomischen Bundesmuseum in Wien zeigen dramatisch, wie viele Störungen bei der Entwicklung einer menschlichen Eizelle möglich sind.

Es sind traurige Launen der Natur, die dicht aneinandergereiht als Feucht- oder Trockenpräparate in den Regalen des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums im Narrenturm den – durchaus auch fachkundigen – Besucher beklemmen, gleichzeitig aber auch faszinieren und neugierig machen. Neugierig machen auf die Ursachen derartiger Störungen und Entgleisungen bei der Entwicklung zum gesunden Menschen. Eine der seltensten Missbildungen ist die Doppelgesichtigkeit.

Gestörte Entwicklung eines Zwillings

Zwei Gesichter, ein Kopf, ein Körper: Diprosopus nennt es die Teratologie. Die Ursache und Entstehung dieser extrem seltenen Missbildung ist auch heute noch nicht vollständig geklärt. Gestört ist hier die Entwicklung eines Zwillings aus einer befruchteten Eizelle in den ersten drei Wochen der Gestation. Die totale Teilung in zwei Individuen scheint bei dieser Missbildung nicht erfolgt zu sein. Von den extremsten Formen mit zwei separaten Köpfen oder zwei kompletten Gesichtern – zwei Münder, zwei Nasen und vier Augen – bis zu eher milden Formen mit nur zwei Nasen gibt es alle nur denkbaren Abstufungen. Da diese Anomalien meist auch noch mit Missbildungen und Fehlen anderer Organe, häufig auch mit Anencephalie, kombiniert sind, kommen diese Foeten zumeist als Totgeburten zur Welt. 1:180.000 bis 1:15.000.000 beträgt die errechnete Inzidenz der Diprosopie. Seit 1682 gibt es angeblich nur 85 beschriebene Fälle. Menschliche Skulpturen mit der Darstellung von Doppelmissbildungen gibt es aber bereits seit der Jungsteinzeit. Die älteste Statue mit zwei getrennten Köpfen – datiert um 6500 v. Chr. – fand man 1962 in der Türkei. Um 1000 v. Chr. datiert man die Terrakottafiguren, die Arbeiter 1938 in einer Ziegelfabrik in Tlatilco, einem Ortsteil von Mexico City, fanden. Wegen ihrer Eleganz nannte man die Figürchen die „Pretty Ladies von Tlatlico“. Das Bemerkenswerte an diesen Hunderten, sieben bis 30 Zentimeter großen Frauen­figuren waren einige auffallend bizarre Objekte von Frauen mit Stummelhänden, zwei Köpfen auf einem Hals, zwei Gesichtern auf einem Kopf und ähnlich phantastisch anmutenden Darstellungen. Jahrzehnte hindurch hielten Archäologen und Kunsthistoriker diese Darstellungen für Phantasiegebilde der Künstler und siedelten sie im Reich der Mythologie an. Erst der Internist Gordon Bendersky aus Philadelphia erkannte den Zusammenhang dieser Figuren mit medizinischen Darstellungen. Er entdeckte, dass es sich bei den seltsamen Terrakottastatuetten um reale Darstellungen von teratologisch bekannten Missbildungen des Kopfes handelte. Einige dieser Figürchen zeigten eindeutig unterschiedliche Ausbildungsstadien der sehr seltenen Zweigesichtigkeit in typischer Weise. Damit begann für Bendersky eine jahrelange Forschung in dieser Richtung.

Medizinische Darstellungen

Heute ist er davon überzeugt, dass die etwa 3.000 Jahre alten Figuren der „schönen Damen von Tlatlico“ eine der frühesten „wissenschaftlichen medizinischen Illustrationen“ sind. Sozusagen ein neolithisches „bildgebendes Verfahren“ zur Darstellung von Doppelmissbildungen. Erstaunlich an diesen kleinen Tonstatuen ist die absolut naturgetreue, sogar in anatomischen Details hervorragende genaue Darstellung dieser medizinischen Abnormitäten. Die Künstler von Tlatlico hatten also nicht ihre ausufernde künstlerische Phantasie spielen lassen, sie hatten diese Fälle von Diprosopie sehr genau studiert. 2.000 Jahre lang blieben sie da die Einzigen. Erst aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind wieder halbwegs anatomiegerechte Illustrationen von Diprosopie bekannt. Alle diese überraschenden genauen Bilder stammen aber von Künstlern, die ihre Werke mit Sicherheit ohne die Hilfe von Ärzten oder Anatomen herstellten. Samuel Thomas ­Soemmering (1755 - 1830), das Universalgenie aus der Goethezeit, war der erste Anatom, der 1791 in seinem Buch „Abbildungen und Beschreibungen einiger Missgeburten“ drei Feten mit Diprosopie anatomisch korrekt darstellte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 13/2006

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