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22. März 2006

Die Reliquie behält ihr Geheimnis (Narrenturm 48)

Seit über hundert Jahren beschäftigt ein Totenkopf, genauer gesagt nur eine „Calva“, also ein Schädel ohne Unterkiefer und Schädelbasis, Historiker und Anthropologen, Musikwissenschaftler und Gerichtsmediziner. Ist er es, oder ist er es nicht, der Kopf des Musikgenies?

Seit 1940 liegt auf einem Samtpolster im Tresor des Mozarteums in Salzburg der obere Teil eines Schädels. Doch ob er tatsächlich jener von Wolfgang Amadeus Mozart ist, kann trotz aufwändiger DNA-Analysen noch immer nicht mit hundertprozentiger Sicherheit gesagt werden. Im Mozarteum selbst ist der Schädel nur seriösen, handverlesenen Forschern zugänglich. Wer trotzdem die umstrittene Reliquie des genialsten Tonsetzers aller Zeiten, zumindest als Kopie, einmal sehen will, dem sei ein Besuch im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm in Wien empfohlen.

Original und Gibsabguss

In der Schädelsammlung des weltbekannten Anatomen Joseph Hyrtl (1810-1894), aus der auch das Original in Salzburg stammt, befindet sich hier neben anderen interessanten Objekten auch ein naturgetreuer Gipsabguss des berühmten „Mozart-Schädels“. Der auf der Stirn aufgeklebte berühmte handschriftliche Text ist auf dieser Kopie, im Gegensatz zum Salzburger Original, noch gut lesbar. Hyrtl selbst hat auf diesem orangeroten Papierstreifen in sechs Zeilen die ihm überlieferte Fundgeschichte des Schädels vermerkt: „Vom Todtengräber Jos. Rothmayer, welcher sich die Stelle merkte, wo er Mozarts Sarg einscharrte, bei der Leerung der Gemeingrube 1801 gerettet und von seinem Nachfolger Jos. Radschopf meinem Bruder Jakob geschenkt. 1842.“

Begraben in einem Schacht mit 15 anderen

Als Mozart 1791 starb, beerdigte man ihn am St. Marxer Friedhof in Wien nach den damals gültigen Vorschriften in einem „allgemeinen einfachen Grab“. Das war üblicherweise ein Schachtgrab, in das 16 Särge, je vier übereinander, gestellt wurden. Da um diese Zeit in Wien die Schädellehre des Arztes Franz Josef Gall (1758–1828) – er glaubte, aus Form und knöchernen Vorwölbungen des Schädels Charakter und geistige Anlagen eines Menschen ablesen zu können – groß in Mode war, boomte in Wien damals die Jagd nach Köpfen berühmter Menschen. Ein guter Nebenverdienst für die miserabel bezahlten Wiener Totengräber. So scheint es durchaus nicht ungewöhnlich, dass sich der Friedhofsbedienstete vorsorglich die Stelle, wo er Mozart verscharrte – der Mann war ja kein Unbekannter – merkte oder markierte, um die Gebeine später zu verscherbeln. Als man die „Gemeingrube“ zehn Jahre später zur Neubelegung öffnete, „rettete“ der Totengräber Josef Rothmayer den Mozart-Kopf. Wahrscheinlich aus Angst vor Strafe wegen Leichenfledderei verkaufte er aber „die kostbare Reliquie“ nicht, sondern gab den Schädel innerhalb der Familie weiter. 1842 erhielt der etwas skurrile Kupferstecher, Maler und Bildhauer Jakob Hyrtl den Schädel von einem Totengräber des St. Marxer Friedhofs. Nach dem Tod Jakob Hyrtls 1868 ging das makabre Erbstück in den Besitz des älteren Hyrtl-Bruders Joseph über. Der berühmte Anatom untersuchte den Schädel, verglich ihn mit einer (heute verschollenen) Totenmaske und hielt ihn für echt. Hyrtl dürfte auch die Schädelbasis abgesägt haben, um den so „ungewöhnlich großen“ Gehörgang zu präparieren. Das Präparat sei ihm, bemerkte Hyrtl später, wegen seiner Sehschwäche leider „gänzlich misslungen“.

Geschichte voller Widersprüche

Er bewahrte es jedenfalls „wie ein Heiligtum auf einem silbergestickten samtenen Polster unter einem Glassturz“ auf, sprach aber nicht viel von seinem Schatz, um „nicht von Neugierigen überlaufen zu werden“. Unmittelbar nach Hyrtls Tod 1894 verschwand der Schädel auf mysteriöse Weise. Erst sieben Jahre später tauchte das verschollene Objekt in einer Kiste im Mödlinger Waisenhaus – die Anstalt war die Universalerbin des gewaltigen Hyrtl’schen Vermögens – wieder auf. Gemäß Hyrtls schriftlichem Wunsch übergab Joseph Schöffel, der Bürgermeister von Mödling, den Schädel der Stadt Salzburg. Ab 1902 stellte man die Reliquie in Mozarts Geburtshaus in der Getreidegasse öffentlich aus. Da dies viele Besucher für pietätlos hielten und sich beschwerten, kam der Schädel 1940 ins Mozarteum. Mit der Aufstellung in Salzburg begann eine verwirrende Geschichte voller Ungereimtheiten, Widersprüche, Kontroversen und Rätsel. Die Frage, ob der Mozartschädel echt ist, wird überlagert von der Ungewissheit, ob der in Salzburg gezeigte tatsächlich jener Schädel ist, den Hyrtl für den Mozart’schen hielt. Bereits 1902 waren erste Zweifel laut geworden. Bei diversen historischen, medizinischen und anthropologischen Untersuchungen und Rekonstruktionen in den letzten Jahrzehnten kamen durchaus prominente, seriöse und gewissenhafte Gutachter immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die Frage „Ist es jetzt Mozart, oder ist er es nicht?“ konnte auch durch die aktuellsten, höchst aufwändigen DNA-Vergleiche mit Skeletten aus dem Grab der Mozarts in Salzburg nicht geklärt werden. Denn nicht einmal die von dort exhumierten Skelette waren genetisch miteinander verwandt. Familiengräber im heutigen Sinn gab es ja zu jener Zeit noch nicht. Das Rätsel um Mozarts Schädel ist also nach wie vor ungelöst.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 12/2006

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