zur Navigation zum Inhalt
 
20. März 2006

Dick oder dünn – den Weg bahnen wohl die Gene

Erbanlagen scheinen mehr Einfluss auf das Gewicht eines Menschen zu haben als sein Umfeld und seine Erziehung. Sie sind nämlich für viel Bewegung und Notzeiten ausgelegt.

Bei einem lässt schon ein Stück Kuchen die Fettpolster schwellen. Der andere kann zwei Stück Torte essen, ohne zuzunehmen. Diese Vermutung meist beleibter Menschen ist nicht ganz verkehrt. Die Bedeutung der Erbanlagen hatte der US-Psychiater Albert Stun­kard schon in den 1980er-Jahren in einer Weg weisenden Studie entdeckt, als er das Gewicht von über 500 adoptierten Kindern untersuchte. Es glich dem ihrer biologischen Eltern viel stärker als dem ihrer Erzieher. Klar ist, dass unsere Gene für Menschen ausgelegt sind, die sich viel bewegen und Notzeiten erleiden müssen. Bei einem Bürojob und allzeit griffbereiter Nahrung führt ein Fettspeicherprogramm im Körper daher oft zu Übergewicht. Die in der Evolution gebildeten Programme haben einen beachtlichen Einfluss auf das Gewicht, erinnert der Ernährungspsychologe Prof. Volker Pudel von der Universität Göttingen. Warum aber gibt es schlanke Büromenschen, die weder Sport treiben noch Diäten benötigen? Auch dies liegt zumindest zum Teil im Erbgut. „Die Nahrung wird je nach genetischer Ausstattung unterschiedlich verwertet“, sagt Prof. Annette Schürmann, Pharmakologin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke (DIfE).

Gestörter Rezeptor als Ursache?

Erste Zusammenhänge sind schon entdeckt: Einige Dicke haben eine veränderte Andockstelle für Sättigungshormone. Menschen mit diesem gestörten Melanocortin-4-Rezeptor etwa können das körpereigene Signal für Sättigung nicht oder kaum noch empfangen, essen daher mehr und werden dicker. Bei anderen, allerdings sehr wenigen Menschen, ist das Gen für das Sättigungshormon Leptin gestört. Das von Fettzellen produzierte Leptin habe bei Übergewichtigen eine große Bedeutung, sagt Schürmann. Je mehr Fettzellen ein Mensch besitzt, desto mehr Leptin produziere er. Der Körper reagiere jedoch nicht ausreichend auf diese übermäßige Hormonausschüttung, da er gegen das Hormon resistent geworden sei. „Das Hormon bindet zum Beispiel schlechter an den Rezeptor oder das Signal wird nur abgeschwächt weitergeleitet.“ So kann es den Essensdrang nicht mehr stoppen. „Die einfachste Methode ist, früh genug das Gewicht zu kontrollieren und die Essensgewohnheiten umzustellen, bevor die Waage 20 Kilo zu viel anzeigt“, meint Schürmann. Je stärker das Gleichgewicht der verschiedenen Botenstoffe aus den Fugen geraten sei, umso schwerer sei es, dieses wieder herzustellen.

Geschmack wird durch Gene beeinflusst

Doch werden nicht nur die Nahrungsverwertung und die Lust aufs Essen von den Genen beeinflusst, sondern auch der Geschmack. Menschen mit einer bestimmten Genvariante haben eine Abneigung gegen Kohl und Spinat. Sie können deren Bitterstoffe besonders gut wahrnehmen, hat Prof. Dr. Wolfgang Meyerhof vom DIfE herausgefunden. Wer die Bitterstoffe nicht wahrnimmt, tendiert zu erhöhtem Fettkonsum. In einigen Jahrzehnten sei es gut möglich, dass Ärzte spezifische Ernährungsratschläge geben, wenn das genetische Profil bekannt ist.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben