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20. März 2006

Fachleute sind sich uneins über Vitaminpillen

Der Markt mit Vitamin- und Mineralienpräparaten boomt. Doch gleichzeitig tun sich viele Fragen auf: Was nutzen diese Präparate wirklich? Und ist die Unbedenklichkeit der Produkte belegt?

Die Expertenmeinungen sind geteilt: So sieht Privatdozent Oliver Schnell vom Institut für Diabetesforschung an der LMU München durchaus ein Potenzial für Nahrungsergänzungsmittel. Etwa bei Diabetes: Es gebe Substanzen in Zimt, die den Glukosestoffwechsel beeinflussen. Darauf deute eine Studie mit 60 Patienten. Doch ein Problem ist die meist dürftige Datenlage, wie Prof. Hubert Kolb vom evalomed Institut für Gesundheitsforschung in Düsseldorf einräumte: „Oft werden in Studien nicht Wirkungen geprüft, sondern Assoziationen.“ Die Situation habe sich allerdings gebessert, so Kolb. Dank prospektiver Studien mit zum Teil 200.000 Teilnehmern lassen sich nun Effekte einzelner Nährstoffe genau prüfen – und häufig sind dabei die positiven Wirkungen geringer als bisher angenommen.
So enttäuschte Vitamin E in der Women‘s Health Study bei der Prävention kardiovaskulärer Ereignisse. Und in einer Meta-Analyse von 29 Studien mit über 11.000 Teilnehmern hatte Vitamin C bei prophylaktischer Einnahme nur einen geringen Einfluss auf die Dauer eines Schnupfens. Noch einen weiteren Faktor bringen Kritiker ins Spiel: mögliche Schäden durch solche Mittel. So hatte in der HOPE-TOO-Studie prophylaktisch eingenommenes Vitamin E ebenfalls keinen Einfluss auf die Krebsrate oder die Rate kardiovaskulärer Erkrankungen. Stattdessen war nach jahrelanger Einnahme die Herzinsuffizienz-Rate höher als mit Placebo. „Wir können nicht einfach davon ausgehen, dass die Produkte ungefährlich sind“, sagt Prof. Hans Hauner von der TU München.

Für manche Menschen sinnvoll

Seine grundsätzliche Kritik: der Mangel an Definitionen, welche Zusammensetzungen sinnvoll sind. Und: „Durch die Einnahme der Nahrungsergänzungsmittel entsteht das falsche Gefühl, man tut etwas für die Gesundheit, mit der Folge, dass eine gesunde Ernährung vernachlässigt wird.“ Doch Hauner will die Mittel nicht generell verdammen – für manche Menschen könnten sie durchaus geeignet sein. Als Beispiel nannte er etwa die Substitution von Folsäure bei Schwangeren oder Vitamin B12 bei strengen Vegetariern. Was den Konsumenten als Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden darf, damit musste sich auch der Europäische Gerichtshof (EuGH) beschäftigen. Streitfall war eine EU-Richtlinie über Nahrungsergänzungsmittel, nach der seit dem 1. August nur Stoffe in den Handel dürfen, die auf einer Positivliste stehen. Die Bestätigung dieser Richtlinie durch den EuGH hatte bei den Klägern zunächst für Empörung gesorgt.
Inzwischen räumen Kritiker wie die Alliance for Natural Health (ANH) ein, dass der Rechtsspruch doch nicht, wie zunächst angenommen, Auswirkung auf den Vertrieb der meisten Vitamine und Spurenelemente hat, da sich diese auf der Positivliste befinden. Außerdem sei die Aufnahme in die Positivliste durch den neuen Rechtsspruch vereinfacht worden, heißt es in einer Pressemitteilung der ANH. Diese Art von Annäherung der beteiligten Parteien wünscht sich auch Hauner: „Das Gegeneinander von Wissenschaftlern, Industrie und Staat ist der falsche Ansatz.“

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