zur Navigation zum Inhalt
 
8. März 2006

Vom Flohglas zum wissenschaftlichen Instrument (Narrenturm Teil 46)

Mit über 400 historischen Instrumenten ist die Mikroskop-Sammlung des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums in Wien eine der größten ihrer Art in Europa. Der Schwerpunkt liegt bei den technisch, aber auch ästhetisch faszinierenden Mikroskopen des 18. und 19. Jahrhunderts.

Trotz intensiver Forschung ist es bis heute nicht gelungen, den oder die Erfinder des Mikroskops zweifelsfrei zu benennen. Waren es niederländische Brillenmacher oder vielleicht doch italienische Forscher um Galileo Galilei oder erfand jede Gruppe unabhängig voneinander etwa um 1600 diesen „natürlichen Ableger des Fernrohrs“? Das Teleskop war von Anfang an ein anerkanntes Instrument, dessen Nutzen für die erhabene Wissenschaft der Astronomie außer Zweifel stand. Diese Anerkennung wurde dem Mikroskop nicht so schnell zuteil. Lange Zeit war es nur Spielzeug für „allerley Ergötzliches“, wie „Insectenbelustigung“ und „microskopische Gemüths- und Augen-Ergötzung“ in den vornehmen Salons. Damals gab es ja Läuse und Flöhe in Hülle und Fülle und die waren auch die bevorzugten Schauobjekte der frühen Mikroskopie. „Flohgläser“ nannte man diese ersten einfachen Mikroskope deshalb. Erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts begann man die Vergrößerungsgläser auch für wissenschaftliche Untersuchungen anzuwenden.

Spielraum für Fantasie

Die ersten Mikroskope waren die komplizierter gebauten so genannten zusammengesetzten Mikroskope. Sie bestanden zumindest aus zwei Linsen, dem Objektiv und dem Okular, und zwei gegeneinander verschiebbaren Tuben aus Pappe. Die Bildqualität war, besonders bei stärkeren Vergrößerungen, durch die sphärische und chromatische Aberration katastrophal schlecht. Farbsäume und Unschärfe machten die untersuchten Objekte fast unkenntlich. Der Fantasie des Untersuchers war Tür und Tor geöffnet. Dieses Problem, das erst im 19. Jahrhundert gelöst wurde, umging der niederländische Tuchhändler Antoni van Leeuwenhoek (1632–1723) auf genial einfache Weise: Er konstruierte Mikroskope mit nur einer einzigen, bloß wenige Millimeter großen, allerdings perfekt geschliffenen Vergrößerungslinse. Damit erreichte er bis zu 266-fache Vergrößerungen und eine sensationelle Bildqualität. Leeuwenhoek, der möglicherweise mit dem Bau von Mikroskopen zur Qualitätsprüfung von Stoffen begonnen hatte, schliff, goss oder blies sich seine Linsen selbst und baute auch die mechanischen Teile seiner Mikroskope ohne jede fremde Hilfe. Er war eifersüchtig darauf bedacht, die Geheimnisse seiner Mikroskope nicht preiszugeben. Wann der Tuchhändler sich mehr und mehr für naturkundliche Studien zu interessieren begann, ist nicht bekannt. Jedenfalls mikroskopierte er, zunächst als Hobby, einfach alles, was ihm unter die Finger kam. Ab 1673 begann er auf Vermittlung des Delfter Arztes Reignier de Graaf eine Korrespondenz mit der Royal Society in London, die den ungebildeten Tuchhändler aus Delft, der nicht einmal Latein konnte, zunächst einmal verspottete, aber dennoch seine Studien und Aufsehen erregenden Berichte überprüfte und bald erkannte, dass er in allem Recht hatte. In 190 Briefen, die er übersetzen lassen musste, teilte er der Gesellschaft seine sensationellen mikroskopischen Beobachtungen mit. 1680 ernannte ihn die vornehme wissenschaftliche Gesellschaft zu ihrem Mitglied. 1699 wurde er auch korrespondierendes Mitglied der Pariser Akademie. Nimmt man heute dieses unscheinbare suppenlöffelgroße Messingtäfelchen mit der winzigen Linse und dem recht groben Gewinde für die Fixierung und Fokussierung der Präparate in die Hand, kann man sich kaum vorstellen, wie jemand mit diesem Instrument rote Blutkörperchen, den „Blutumlauf“, Spermien, die Querstreifung der Muskulatur und „kleine Lebewesen“ – Bakterien in seinem Zahnbelag – erkennen und identifizieren konnte. Tatsächlich gibt es Forscher, die Leeuwenhoeks Behauptung anzweifeln, er hätte all seine Entdeckungen nur mit den einlinsigen Mikroskopen gemacht. Es gibt jedenfalls Hinweise, dass der Geheimniskrämer Leeuwenhoek seine Bewunderer getäuscht hat. Möglicherweise verfügte er tatsächlich über ein weiteres sehr leistungsfähiges Mikroskop, das er aber immer geheim hielt. Allerdings ist bis heute keine solches geheimnisvolles Instrument aufgetaucht.

 

 detail

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 10/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben