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28. Februar 2006

Ein Körper mit zwei Seelen (Narrenturm Teil 45)

Im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm findet sich eine Reihe von Präparaten und Zeichnungen zu verschiedensten Doppelmissbildungen. Auch zur wahrscheinlich seltensten: dem Dicephalus.

Bis in das 17. Jahrhundert war es für eine Frau nicht nur aus anatomischen – weil geburtshinderlichen – Gründen gefährlich, eine Missbildung auf die Welt zu bringen. Da es noch keine wissenschaftlichen Theorien über die Entstehung von Fehlbildungen gab, herrschten abenteuerliche und abergläubische Spekulationen über diese „wunderbarlichen, seltzamen und erschröcklichen Kindsgepurten“ vor. Hatte die arme Gebärende Glück, so wurde ihr nur ein liederlicher und sündhafter Lebenswandel unterstellt, wofür Gott sie eben mit einem Monster strafte. Hatte sie Pech, verdächtigte man sie des geschlechtlichen Verkehrs mit niemand Geringerem als dem Beelzebub, und gar nicht selten endete das Schicksal dieser „lasterhaften Weibsperson“ auf dem Scheiterhaufen.

Eindrucksvolle Fehlbildung

Zwillingsgeburten sind an sich schon selten. Noch seltener sind Doppelfehlbildungen, die so genannten siamesischen Zwillinge, mit einer Inzidenz von 1 auf 70.000 Geburten bzw. 1 auf 300 monozygote Zwillingsschwangerschaften. Aber noch viel, viel seltener – eine Inzidenz ist gar nicht bekannt – ist der Dicephalus, die Sonderform einer symmetrischen Doppelfehlbildung: ein Körper mit zwei Köpfen. Die Dicephali gehören zu den eindruckvollsten Doppelfehlbildungen, die die Teratologie kennt. Nicht nur weil sie lebensfähig sind, sondern weil hier tatsächlich zwei – meist sogar sehr unterschiedli–nen. Dicephali sind prinzipiell lebensfähig, sterben aber, wenn nicht schon bei der erheblich erschwerten Geburt, so doch meist früh an zusätzlich gehäuft vorkommenden Herzfehlern. Nur wenige Dicephali werden älter als ein paar Tage. Darstellungen und Beschreibungen davon finden sich weltweit in vielen alten Kulturen. Auf babylonischen Keilschrifttafeln ebenso wie in südamerikanischen Andenkulturen. Detaillierte Angaben über „hässliche Monster“ entdeckte man auch im antiken Rom. Zahlreiche Darstellungen von Fehlbildungen, aber auch von phantastischen Wundergestalten – oft Mischwesen aus Mensch und Tier, bei denen den Berichterstattern wohl die Fantasie durchging – zeugen vom Interesse der Menschen an allem, was außerhalb der Norm ist.

Beliebte Flugblattmotive

Beliebte Motive auf den so genannten Einblattdrucken – illus­trierte Flugblätter aus dem 16. Jahrhundert, die als Vorläufer der Zeitungen, genauer, der sensationsgeilen „Revolverblätter“ gelten – waren ebenfalls medizinische Darstellungen. Hier präsentierte man naturalistische, aber nicht immer richtige Zeichnungen von besonders spektakulären Missgeburten in marktschreierischer Art. Im Text, oft in Reimform, kommentierte man die „Monster“ als Wunder- oder Teufelsgeburten, als Strafe Gottes oder Werk des Teufels. Neben anderen Darstellungen von Dicephali ist hier die Darstellung eines erwachsenen, doppelköpfigen, türkischen Bogenschützen aus dem Jahr 1697 besonders interessant. Um 1490 lebte angeblich auch am schottischen Königshof ein „Wundergebilde“ mit zwei Köpfen. Der gute Sänger verblüffte seine Zuhörer mit seiner Fähigkeit, zweistimmig singen zu können. Er soll 28 Jahre alt geworden sein. Weltweit sind derzeit nur fünf Fälle von lebenden Doppelbildungen vom Typ Dicephalus dokumentiert. Die bekanntesten sind hier wohl die beiden 1990 in Minnesota geborenen Schwestern Abigail und Britanny Hensel. Sie sind zweiköpfig, haben zwei Arme – ein dritter, funktionsuntüchtiger hinter dem Kopf wurde amputiert – und zwei Beine. Ihre zwei Wirbelsäulen vereinigen sich im Becken. Sie haben zwei Herzen, ­einen ­gemeinsamen Kreislauf, drei oder vier Lungen, so genau lässt sich das nicht unterscheiden, zwei Mägen, drei Nieren, aber nur eine Leber, einen Dick- und Dünndarm, ein Paar Ovarien und einen Uterus. Faszinierend ist, dass, obwohl beide recht eigenständige und auch eigenwillige Persönlichkeiten sind, sie die Bewegungen ihrer Arme und Beine ohne Probleme vollständig koordinieren können. Sie spielen Basketball, schwimmen und fahren Rad. Sie können trotz ihres nur teilweise verknüpften Nervensystems Klavier spielen und jede mit ihrer eigenen Hand schreiben. Der Versuch einer Trennung kam aus medizinischen und ethischen Gründen aber nicht in Frage. Jedem Zwilling wäre dann ja nur ein Arm und ein Bein geblieben.

 Dicephalus
Präparat aus dem pathologisch-anatomischen Bundesmuseum.

Foto: Regal/Nanut

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 9/2006

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