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28. Februar 2006

Alle glücklich – oder was?

Nach einem Verhandlungsmarathon hatten sich Wiener Gebietskrankenkasse und Ärztekammer in den Morgenstunden des 24. Februars geeinigt. Der vertragslose Zustand ab Juli 2006 ist damit vom Tisch. Die angedrohten Ordinations-Schließtage im März abgesagt. Alles Wonne. Kammerfunktio-näre verkündeten Stolz einen Abschluss über der Inflationsrate. Die Gebietskrankenkasse zeigte sich zufrieden, konnte doch die „Schnittstellenfunktion“ den Hausärzten übertragen werden. Vielen Kassenärzten fiel angesichts des Ausganges der Verhandlungen ein Stein vom Herzen. Waren doch die Vertragsärzte seitens ihrer Standesführung ob des primären Kassenangebotes, die Honorarsumme over all um 2,5 Prozent zu erhöhen, auf Protest und Solidarität eingeschworen worden. Bei einer Inflationsrate von 2,3 Prozent und einer Leistungssteigerung von 2 Prozent wäre nämlich nicht nur nichts übrig geblieben. Die Wiener Kassenärzte hätten vielmehr die Tradition der Vergangenheit fortgesetzt, durch Mehrarbeit die Teuer-ungen ihres Ordinationsbetriebes abzu-fangen. Die Erhöhung des Angebotes auf 2,9 Prozent – noch immer der Honorar-summe – knapp vor Weihnachten stellte eine gekonnte mediale Mogelpackung dar. Mit einem Abschluss über den Zeitraum von zwei Jahren und einem Plus von 5,4 Millionen Euro für die Allgemeinmediziner und 3,7 Millionen für die Fachärzte ist nun ein Ergebnis erzielt worden, das über der Inflationsrate liegt. Darauf kann man schon stolz sein. Für die Praktiker bedeutet dies immerhin eine Scheinwerterhöhung um Euro 1,70. Damit liegen zumindest sie über den geforderten 4,5 Prozent. Bei den Fachärzten schaut es weniger super aus – sie schrammen mit dem Ergebnis knapp über der prognostizierten Inflati-onsrate. Alles natürlich vorausgesetzt, es werden im klein Geschriebenen Tarif-prozentsätze festgeschrieben und nicht Honorarvolumina. In letzterem Fall könnte es sonst ein böses Erwachen geben. Bei all dem vorauseilenden Lob für das Verhandlungsteam – es steht ihm noch harte Arbeit ins Haus, bis die Vereinbarung in die richtige Formulierung gegossen und seitens aller Gremien abgesegnet ist. Wenn dann einiges gelungen ist, wird auch einiges auf der Strecke geblieben sein: e-Card-Kosten-Abgeltung dürfte vergessen und ABS geschluckt worden sein. Dabei wurden die Kosten der e-Card seitens der Kammer immerhin mit Euro 980 pro anno beziffert Damit wären z.B. bei den Praktikern schon wieder 15 Prozent ihres Zuwachses weg.Auf der Strecke geblieben sind auch alle jene Angebote der Kammer an die Kasse, den Leistungskatalog dem medizinischen Standard der Gegenwart anzupassen. Dieses Angebot war zwar gut gemeint, aber in Anbetracht der hochgerechneten Kosten von plus 50 Prozent des Honorarvolumens bestenfalls vorweihnachtliches Wunschdenken. Es enthebt jedoch die Verhandlungsteams dennoch nicht ihrer Pflicht, sich nach diesem Abschluss sofort an die Arbeit zu machen und diese Aufgabe vor der nächsten Vertragsverhandlung in zwei Jahren zu lösen.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 9/2006

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