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21. Februar 2006

Über Rollenspiel zur „Befreiung“ finden

Das Therapeuten-Duo Dr. Mag. Manuela Mätzener und Babak Kaweh bietet in Wien spezielle Gesundheitsseminare für Ärzte und Patienten an. Über die systemische Aufstellung gilt es, mögliche innerfamiliäre Konflikte als Ursache für augenblick-liche Leiden zu erkennen.

Migräne, Essstörungen, Probleme des Bewegungsapparates – das sind Leiden, die in Arztpraxen stark vertreten sind. Oft sind die Ursachen schwer erkennbar, oft auch die Therapien nicht sehr erfolgreich. Das Therapeuten-Duo Mätzener und Kaweh bietet in Wien für Patienten und Ärzte Gesundheitsseminare an, in denen insbesondere diese Leiden angegangen werden. Ihrer Ansicht nach handelt es sich hierbei häufig um Symptome von unbewältigten familiären Konflikten. Als Lösungsstrategie bieten sie die systemische Familienaufstellung an. Die systemische Familienaufstellung, ursprünglich von der amerikanischen Familientherapeutin Virginia Satir (1916 – 1988) begründet und dann von dem Deutschen Bert Hellinger weiter entwickelt, hat in den letzten Jahren die Szene der Psychothera-peuten kräftig aufgemischt. Keine andere der vielen hundert verbreiteten Therapieformen sorgt für vergleichbaren Aufruhr. „Esoterische Scharlanterie“, unken die einen und halten diese Behandlung für gemeingefährlich. „Die Familienaufsteller“, jubeln die anderen, „haben die Wende in der Psycho-logie eingeläutet.“ Was passiert bei einer Aufstellung? Wie gehen auch Mätzener und Kaweh vor? Der Ablauf ist in der Regel immer gleich. In einem kurzen Vorgespräch schildert der Klient sein Problem. Eine Anam-nese zur persönlichen Lebens- und Krankheitsgeschichte ist nicht gefragt. Der Therapeut interessiert sich ausschließlich für „wichtige Ereignisse“ in der Familiengeschichte. Gab es Trennungen, Scheidungen oder Selbstmorde? Abgetriebene oder tot geborene Kinder? Kriegsopfer oder sonstige früh verstorbene Ahnen?

Unbewusste Verstrickungen plagen die „Familienseele“

Nach dem Konzept der Familienaufsteller hat jede Familie eine Seele, die alle Mitglieder schicksalhaft verbindet. Deshalb dürfe man in einer Familie niemanden ausschließen. Das bestrafe die „Familienseele“ mit Krankheit für die engsten Angehörigen oder Nachkommen, die sich nun mit dem unbewussten Schicksal dieses Ausgeschlossenen identifizieren würden. Magersucht oder Depression, Allergien oder Selbstmord – das seien alles mögliche Folgen der „unbewussten Verstrickungen“ innerhalb der Familie. Hilfe für den „verstrickten“ Klienten nahe erst dort, wo die „Ordnungen der Liebe“ wieder hergestellt werden. Aufstellungsarbeit läuft in einer Gruppe von mehreren freiwilligen Teilnehmern in der Art eines therapeutischen Rollenspiels ab: Der Klient wählt – und das möglichst ohne viel zu überlegen – Personen aus, die als „Repräsentanten“ fungieren sollen, als Stellvertreter für sich selbst und für die als wichtig benannten Mitglieder seiner Familie. Dann schiebt er sie im Raum umher – am besten aus einer spontanen Empfindung heraus.

Der Klient schaut zu

Wenn er für alle einen Platz gefunden hat, wird der Klient zum Zuschauer. Der Therapeut erfragt die Gefühle der Repräsentanten in der jeweiligen Position, in der sie sich gerade befinden. In dem „inneren Familien-Bild“ werden Beziehungen, Spannungen, Dynamiken sichtbar. Die Aufgabe des Familienaufstellers liegt nun darin, an der Konstellation so lange zu arbeiten, bis allfällige Spannungen aufgehoben werden. Babek: „Durch das Sprechen bestimmter Sätze und den Austausch von Gesten eröffnen sich dem Klienten überraschende und wirksame Einsichten.“ Ziel ist immer, eine „Befreiung aus der Verstrickung“ herbeizuführen. Manchmal gelingt das nach einem Rollenspiel, das selten länger als eine halbe Stunde dauert, sofort, manchmal wird dem Klienten auch nur ein wertvoller Anstoß gegeben.

Wildfremde Gefühle

Diese Therapieform klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Kein stundenlanges Herumliegen auf der Couch des Psychoanalytikers ist nötig, kein endloses Gerede über Kindheitsprobleme etc. Stattdessen nehmen wildfremde Menschen den Platz von Familienmitgliedern ein, und nicht nur das, sie erleben auch tatsächlich deren Gefühle, wie Teilnehmer immer wieder erzählen. Wie ist das möglich? Wie soll man so etwas glauben können? „Ich habe selbst keine Erklärung dafür“, bekennt Kaweh, der in Köln Medizin studiert hat. „Ich war selber zunächst misstrauisch, bis ich zufällig bei einem Studienaufenthalt in Hawaii bei einer Aufstellung mitgemacht hatte. Ich wollte zuerst gar nicht, aber Freunde drängten mich dazu. Ein Mann aus Argentinien wählte mich als Repräsentanten für seinen Bruder. Es dauerte nicht lange und ich verspürte schreckliche Schmerzen im rechten Arm. Wie ich später erfuhr, hatte dieser Bruder, den ich nicht kenne, gerade eine Armamputation hinter sich. Dieses Erlebnis hat mich davon überzeugt, dass irgendetwas an der Familienaufstellung dran sein muss. Und ich begann mich näher damit zu beschäftigen.“

Bandscheibenvorfall geheilt: Last von Schultern genommen

Inzwischen hat Kaweh mehr als 70 Aufstellungen selbst geleitet. Er erzählt, dass er zusammen mit seiner Partnerin einmal eine junge Frau mit einem massiven Bandscheibenvorfall geheilt hat: „In der Aufstellung zeigte sich, dass sie sich seit ihrer Kindheit permanent zu viel psychische Last aufgebürdet hatte. Und sie lernte, diese Last auf ihren Schultern wieder abzulegen. Die Bandscheiben-Beschwerden gingen zurück und ihr Leiden war nach einiger Zeit komplett verschwunden. Bei einer medizinischen Nachuntersuchung konnte das auch bestätigt werden.“ Bleibt auch manchmal der Erfolg aus? „Ja – dann, wenn der Klient nicht eine gewisse Wucht mitbringt. Wenn er nur aus Neugier kommt und mit keinem wirklichen Interesse“, antwortet Kaweh.

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