zur Navigation zum Inhalt
 
21. Februar 2006

Die Erfrierung des Infanteristen Otto S. (Narrenturm Teil 44)

Die Moulage der schweren Erfrierungen eines jungen Infanteristen zeigt nicht nur die medizinischen Grauslichkeiten eines Krieges, sondern erinnert auch an das heute nicht mehr existierende und fast vergessene Rothschild-Spital im 18. Bezirk in Wien und den dort tätigen Chirurgen und Urologen Prof. Dr. Otto Zuckerkandl, einen Pionier der Urologie.

Zu der von Dr. Alphons Raimund Poller im Jahr 1915 hergestellten Moulage mit der Musealnummer 17.384 im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm gibt es auch einen kurzen Auszug aus der Krankengeschichte mit Anamnese, Status und Dekurs: „Congelatio III. phlegmonos. ped. dext. et. sin. Patient Infanterist Otto S., 20 Jahre, Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 1, hat sich Anfang Jänner 1915 auf dem nördlichen Kriegsschauplatze bei Gorlice-Galizien beide Füße erfroren. – Am 7. Febr. kam er auf die chirurgische Abteilung im Rothschildspitale in Wien – Oberstabsarzt Prof. Dr. Otto Zuckerkandl – wo folgender status präs. erhoben wurde: Der rechte Vorderfuß bis in die Knöchelgegend vollständig mumifiziert; handbreit über den Malleolen nach Abtragung vereiternder Congelationsblasen sämmtliche Sehnen freiliegend. Achillessehne nekrotisch. Das Talocruralgelenk breit klaffend, offen liegend. – Am linken Fuß derselbe Befund, nur sind die Veränderungen weniger deutlich ausgeprägt. Am 9. Februar 1915 Amputation beider unterer Extremitäten im mittleren Drittel des Unterschenkels, mit seitlichem Hautmuskellappen. Am 12. Februar Heilung per primam intention.“ Der bedauernswerte Infanterist hatte also „noch einmal Glück“ gehabt. Dank der raschen Amputation beider unterer Extremitäten konnte eine damals mit Sicherheit tödlich verlaufende Sepsis gerade noch verhindert und damit sein Leben gerettet werden. Was diese beidseitigen Amputationen aber für einen 20 Jahre alten Mann im Jahr 1915 bedeutete, lässt sich auch heute noch ohne viel Fantasie gut nachvollziehen. Gerettet wurde das Leben des jungen Soldaten im Rothschild-Spital am Währinger Gürtel im 18. Wiener Gemeindebezirk. Das 1872 eröffnete Spital der israelitischen Kultusgemeinde war eine Stiftung des Freiherrn Anselm von Rothschild, der das Krankenhaus aus eigenen Mitteln erbauen ließ und es dann der Kultusgemeinde übergab. Bei seiner Eröffnung war das Spital in vielen technischen und spitalshygienischen Details ein mustergültiges Vorbild für andere Spitalsbauten. Viele Ärzte aus der damals weltberühmten II. Wiener medizinischen Schule praktizierten hier: Der Internist Leopod Oser (1839–1910), der als Spitalsdirektor – neben seinen bedeutenden medizinischen Leistungen – mit seinem Organisationstalent und Einfluss dafür sorgte, dass das Rothschild-Spital ein modernes, den damaligen Anforderungen entsprechendes Krankenhaus wurde und auch blieb. International bekannter aber ist der Chirurg Otto Zuckerkandl (1861–19a21), der Bruder des berühmten Anatomen Emil Zuckerkandl. Otto Zuckerkandl, Schüler von Leopold von Dittel, dem Begründer der Urologie, war als Chirurg und Urologe Vorstand der chirurgischen Abteilung im Rothschild-Spital, die er nach und nach zu einer weltweit bekannten und berühmten chirurgisch-urologischen Abteilung ausbaute. Zuckerkandl gilt heute noch als einer der maßgeblichen Pioniere der Urologie in Europa. Der „Zuckerkandl-Preis“, eine Auszeichnung, die die „Österreichische Gesellschaft für Urologie“ für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Urologie vergibt, erinnert an den Begründer und ersten Präsidenten dieser Gesellschaft. In der NS-Zeit war das Rothschild-Spital das einzige Spital Wiens, das jüdische Kranke aufnehmen durfte. Der später weltberühmte Psychiater Viktor E. Frankl leitete von 1940 bis zu seiner Deportation ins Konzentrationslager 1942 die neurologische Abteilung des Hauses. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude durch Bomben schwer beschädigt, und von 1945 bis 1956 diente es als Flüchtlingslager. Ende der 1950er Jahre entschloss sich die Kultusgemeinde, da die Adaptierung oder der Neubau eines modernen Spitals ungeheure Kosten verursacht hätte, das Spitalsgelände an die Wiener Handelskammer zu verkaufen. Seit 1963 befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Rothschild-Spitals die bekannte Erwachsenenbildungsin­stitution der Wiener Wirtschaftkammer, das WIFI.

 Das Rothschild-Spital in Wien. Heute steht dort das WIFI .
Foto: Regal/Nanut

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 8/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben