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14. Februar 2006

Der diagnostische Blick mit dem Hörrohr (Narrenturm 43)

Unter den vielen historischen medizinischen Instrumenten im pathologisch-anatomischen Museum im Narrenturm findet man auch die ersten Geräte, die die Diagnostik in der Medizin auf eine anatomische Grundlage stellten und sie damit revolutionierten: die Stethoskope, die bis zur Entdeckung der Röntgenstrahlen wichtigsten diagnostischen Hilfsmittel der Medizin.

Das Stethoskop gilt heute als das klassische Attribut des Arztes. Dabei ist dieses einfache Instrument eine relativ junge Erfindung. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte der französische Arzt René Théophile Hyacinthe Laennec (1781–1826) die Idee, Herz und Lunge mit einem Zylinder aus gerolltem Papier abzuhören. Eine Konstruktion, aus der er wegen des überraschenden Erfolges ein hölzernes Hörrohr, den Vorläufer des heutigen Stethoskops, entwickelte. Jahrhundertelang bestand die ärztliche Diagnostik aus einer ausführlichen Anamnese, dem genauen Betrachten und Betasten des Körpers – der Inspektion und Palpation –, und der Harnschau, der Beurteilung des frischen Urins nach Farbe, Geruch und Geschmack. Das bauchige Harnglas war daher lange Zeit das Symbol des Arztes. Abgelöst wurde dieses Attribut des Heilberufes erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich das neue französische Modeinstrument, das zunächst nur sehr zögernd verwendete Stethoskop, gar zur „Signatur des wissenschaftlichen Arztes“ entwickelte. Am Beginn des 19. Jahrhunderts hörte der Arzt seine Patienten in seiner Heimatstadt Paris direkt mit seinem Ohr am Thorax ab. Als Laennec im Jahr 1816 das bei einer überaus beleibten, vollbusigen Dame tun wollte, hatte er angeblich seine Königsidee. Sei es aus sittlichen Gründen, sei es einfach aufgrund der Tatsache, dass er wegen der Leibesfülle der Dame nichts hörte, rollte er jedenfalls sein Notizbuch zusammen und legte den Zylinder an die Brust der Patientin. Zu seiner Überraschung hörte er damit die Herzgeräusche besser als je zuvor. Und er erinnerte sich auch an ein akustisches Phänomen, das ihm seit seiner Kindheit bekannt war: „Wenn man ein Ohr an das Ende eines hölzernen Balkens legt, kann man einen Nadelstich am anderen Ende sehr deutlich hören.“ Das brachte ihn auf die Idee, ein Hörrohr aus Holz zu basteln. Seine Erfindung, die sich hervorragend bewährte, nannte er Stethoskop: den Brustspäher. Seine klassische umfangreiche Untersuchung über das Stethoskop und dessen Verwendung publizierte Laennec 1819 unter dem Titel „Die mittelbare Auskultation“.

Mit zwei Ohren hören

Das neumodische „Spielzeug“ verbreitete sich in Europa nur stockend. Erst um 1850 setzte sich die Auskultation und Perkussion überall durch, nicht zuletzt durch den Wiener Internisten Joseph Skoda, der die Laennecsche Methode vereinfachte und sie damit lehr- und lernbar machte. Die Stethoskope wurden laufend verbessert, und 1852 schuf der New Yorker Arzt George P. Camman das auch heute noch übliche binaurale Stethoskop für beide Ohren. Trotz aller modernen bildgebenden Verfahren und diagnostischen Technologien ist das relativ einfache Stethoskop in der Hand des Könners – die allerdings werden durch mangelnde Übung immer seltener – auch heute noch eines der wichtigsten diagnostischen Instrumente des Arztes. Und das charakteristische Kennzeichen des Berufsstandes, abgesehen einmal vom Stirnspiegel, mit dem mehr oder weniger begabte Witzezeichner auch heute noch einen Arzt charakterisieren – warum, ist nicht klar; außer HNO-Spezialisten verwendet praktisch kein Arzt mehr den durchlöcherten Spiegel als Beleuchtung seines Arbeitsfeldes. Jedes Kind im Spital identifiziert am Stethoskop aus der Masse der vorbeikommenden Weißröcke sofort die Ärztin oder den Arzt. Nur der Eingeweihte weiß allerdings, dass der Träger meist umso weniger damit anzufangen weiß, je lässiger und auffälliger die Auskultationsstöpsel an seinem Hals baumeln. Mit der Erfindung des Stethoskops prägte Laennec die medizinische Zukunft. Das Zeitalter der physikalischen Krankenuntersuchung begann. Die Krankheit, bei der bisher das subjektive Empfinden des Patienten im Vordergrund stand, konnte nun erstmals durch objektiv erhobene physische Veränderungen im Körperinneren beschrieben werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 7/2006

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