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9. Februar 2006

Der „Barthsche Riese“ und andere Hünen (Narrenturm 42)

Wien im Jahr 1783: Bei Umbettungsarbeiten im Zuge der endgültigen Auflösung des Friedhofs auf dem Stephansplatz werden die Knochen eines Riesen gefunden. Sie sollen von einem türkischen Soldaten stammen, der bei der letzten Türken­belagerung Wiens in Gefangenschaft geriet und dann als Türsteher und Lakai im Dienst des Fürsten Pathyany war.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war der wegen seiner Skurrilität und Geldgier berühmt-berüchtigte Augenarzt Joseph Barth (1745–1818) ein allgemein bekanntes Wiener Original. Barth gilt als Begründer der Wiener Schule der Augenheilkunde und war gleichzeitig Inhaber der Lehrkanzel für Anatomie an der Medizinischen Fakultät in Wien. Unter seiner Leitung erfuhr das anatomische Studium in Wien einen kräftigen Aufschwung. Für seinen privaten Augenarzt ließ Kaiser Josef II. sogar einen neuen anatomischen Lehrsaal errichten. Barth und sein Prosektor Joseph Ehrenritter legten unter anderem eine Sammlung von 1.576 anatomischen Musealpräparaten an. Ein Bombenangriff im Jahr 1945 vernichtete diese Sammlung allerdings fast vollständig. Zerstört wurden dabei auch die Knochen des „Barthschen Riesen“, die sich vor dem Krieg im Anatomischen Museum in Wien befanden. Gefunden waren die überdimensionalen Knochen bereits 1783 worden, im Zuge der Umbettungsarbeiten bei der endgültigen Auflösung des Friedhofs auf dem Stephansplatz.

Der Riese auf dem Friedhof

Die Körpergröße des vermutlich türkischen Mannes, der bei der letzten Türkenbelagerung in Gefangenschaft geraten war und sich anschließend als Türsteher bei Fürst Pathyany verdingt hatte, wurde auf gewaltige zwei Meter und 35,2 bis 44,4 Zentimeter geschätzt. Im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm befindet sich heute unter der Musealnummer 10.122 ein auf einem Holzbrett montierter Gipsabguss dieses berühmten Präparates. Es handelt sich dabei um den Abguss des rechten Hüftbeins, des rechten Femurs und der zugehörigen Tibia. Geschichten von riesigen Wesen finden sich seit Urzeiten überall auf der Erde. Und wenn man nicht vielfach Funde von Tierfossilien – beeindruckende Mammutknochen oder Knochen von Dinosauriern – fälschlicherweise für Knochen von Riesen-Menschen hielt, so waren es sicher die durch Krankheit oder eine Laune der Natur extrem großwüchsigen Menschen, die als Vorbild für die sagenhaften Riesen herhalten mussten. In Märchen, Sagen, Mythen und Legenden fast aller Länder und Völker tummeln sich zahlreiche Giganten, denen meist auch noch übermenschliche Kräfte zugeschrieben wurden.

Klassisches Beispiel Goliath

Praktisch immer gelingt es aber den „normalen“ Menschen, die oft grantigen, bösartigen und gefährlichen Riesen mit List und Tücke zu besiegen. Ein geradezu klassisches Beispiel ist hier der alttestamentarische Goliath aus dem 1. Buch Samuel, 17. Kapitel: Seine Größe wird in den üblichen Bibelübersetzungen mit sechs Ellen und einer Handbreit angegeben. Das würde einer Körpergröße von über drei Metern entsprechen. In der Medizin ist allerdings kein Mensch von solcher Köpergröße bekannt. Ältere Quellen, wie etwa die Schriftrollen aus den Höhlen von Qumran, geben für Goliath allerdings eine Körpergröße von nur zwei Metern an.

Riesenwuchs und Gigantismus

Vermutlich wurden hier bei der Umrechnung ins metrische System unterschiedliche Maße für die Elle verwendet. In einer Zeit, als die Durchschnittsgröße der Männer um 1,60 Meter lag, war Goliath – sofern er tatsächlich historisch ist – auch mit zwei Metern immer noch eine recht beeindruckende Erscheinung. Bei einer Körpergröße von 30 Zentimetern über dem Durchschnittswert der Bevölkerung spricht man heute von Riesenwuchs. Die Körpergröße europä­ischer Hünen würde also etwa bei 205 Zentimetern bei Männern und 195 Zentimetern bei Frauen beginnen. Echter Gigantismus fängt bei einer Größe von mehr als 2,30 Metern an. Nach dem Guinness-Buch der Rekorde war der größte Mensch aller Zeiten der Amerikaner Robert Wadlow. Mit fünf Jahren maß er bereits 1,63 Meter. Als er 1940 mit 22 Jahren starb, war er 2,72 Meter groß. Andere Quellen nennen die größte verbürgte Körperhöhe eines Menschen mit 2,83 Metern. Die soll der finnische Riese Schereschewski erreicht haben. Am Ende des 19. Jahrhunderts galt der Salzburger Franz Winkelmeier (1860–1887) – der Riese von Lengau – mit 2,58 Metern als der größte Mensch der Welt. Seine Maße wurden ihm sogar vom berühmten Pathologen Rudolf Virchow bestätigt. Marianne Wedde, die mit 2,55 Metern größte Frau aller Zeiten, starb 1885.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 6/2006

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