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1. Februar 2006

Das zerfressene Gesicht der Armut (Narrenturm 41)

Kaum zu glauben: Es gibt eine mittelalterliche Seuche, die heute noch in 53 Ländern der Erde wütet, vorwiegend kleine Kinder betrifft und eine Sterblichkeit von 85 Prozent hat, aber nur wenigen durchschnittlichen mitteleuropäischen Ärzten bekannt ist. Die Krankheit Noma könnte mit relativ einfachen Mitteln schon im Anfangsstadium geheilt werden, doch das Geld fehlt.

„Noma“ oder „Wangenbrand“ heißt die bakterielle Erkrankung, die unterernährte Menschen mit extrem geschwächten Abwehrkräften befällt und in kurzer Zeit Gewebe und Knochen des Gesichtes zerfrisst. Die Moulage mit der Musealnummer 19.991 im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm aus dem Jahr 1899 zeigt, dass diese Erkrankung in der vorantibiotischen Ära auch in unseren Breiten – aus denen sie zum Glück heute praktisch vollständig verschwunden ist – bei Kindern und Jugendlichen auftrat. Die letzten Fälle in Europa gab es im 20. Jahrhundert in den Konzentrations- und Gefangenenlagern während des Zweiten Weltkrieges. 1945 berichtete ein britischer Zahnarzt im British Dental Journal über 18 jugendliche Patienten mit Noma, die er im Konzentrationslager Bergen-Belsen gefunden hatte. Noma, diese schwerste Form einer gangränos-ulzerösen Mundschleimhauterkrankung, die praktisch nur bei Patienten mit sehr schlechtem Ernährungszustand auftritt, schreitet ohne Therapie unaufhaltsam fort, befällt Lippen, Zahnfleisch, Schleimhäute und Kieferknochen und perforiert schließlich die Wange. Nach Angaben der WHO sterben derzeit allein in Afrika jährlich etwa 80.000 bis 90.000 Kinder an Noma, vorwiegend Zwei- bis Sechsjährige. Überleben die Kinder die Infektion, machen entsetzliche Entstellungen und Behinderungen im Gesicht ein normales Essen und Sprechen unmöglich.

Armut als Krankheitsursache

Ein Noma-Kranker wird für seine Umgebung zu einem Monster. Zehntausende Kinder vegetieren so heute in Afrika. Die Zahl kann allerdings nur grob geschätzt werden, da die Opfer meist aus Angst vor Schande versteckt und manchmal sogar, ausgestoßen aus ihrer Dorfgemeinschaft, zu einem qualvollen Tod verurteilt sind. Ursache der Krankheit sind Fusobakterien, Borrelien, Pseudomonaden und Enterokokken. Voraussetzung für deren zerstörerisches Wirken ist aber ein geschwächtes Immunsystem, Unterernährung und mangelnde Hygiene, kurzum Armut. Noma ist keine ansteckende Erkrankung und tritt nie bei gesunden Menschen auf. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch kommt nicht vor. Betroffen sind in erster Linie unterernährte Kinder mit einem nach den üblichen Kinderkrankheiten wie Mumps und Masern äußerst geschwächtem Immunsystem. Selten erkranken auch Erwachsene, wenn ihre Abwehrkräfte durch Schwangerschaft oder Krankheiten wie etwa Malaria, Röteln oder Meningitis nahezu zum Erliegen kommen. Noma oder Cancrum oris, wie die Krankheit wissenschaftlich exakt heißt, verläuft in mehreren Phasen: Es beginnt relativ harmlos mit einer Gingivitis. In dieser Phase könnte die Krankheit noch mit Mundspülungen und Antibiotika, üblicherweise Penicillinderivaten, bekämpft werden. In der zweiten Phase bilden sich rote bis purpurfarbene harte Knoten in den befallenen Mundregionen. Die Entzündung breitet sich aus, das Gewebe schwillt an und die Patienten leiden unter starken Schmerzen und fiebern hoch. Auch in dieser Phase kann die Krankheit mit entsprechender Therapie noch gestoppt und geheilt werden. Bedingt durch die furchtbaren Schmerzen, verweigern viele Kinder aber jetzt die Nahrung, und die Situation der ohnehin schon mangelernährten Kleinkinder verschlechtert sich damit dramatisch. Viele von ihnen verhungern. In der dritten Phase der Krankheit führt die gestörte Blutversorgung zu fortschreitenden Gewebs- und Knochennekrosen. Das Gesicht verfärbt sich schwarz, das Gewebe löst sich auf und neben riesigen Löchern in den Wangen werden manchmal auch der Kiefer, die Wangenknochen und die Augenhöhle „angefressen“.

Viele Kinder verhungern

Durch Narbenbildung in späteren Phasen der Krankheit kommt es häufig zu Kiefersperren, die Essen und Trinken hochgradig erschweren oder sogar ganz unmöglich machen. Viele Kinder verhungern, da sie selbst nicht genug Nahrung aufnehmen können und auf Grund ihrer Entstellung mit den anderen nicht an einem Tisch sitzen dürfen. Ohne Therapie ist die Erkrankung in den meisten Fällen tödlich. Im Frühstadium kann Noma noch relativ einfach mit Antibiotika und ausreichender eiweiß- und vitaminreicher Ernährung behandelt werden. Später ist eine Behandlung oft nur mehr mit höchst aufwändiger plastischer Chirurgie mit Gewebs- und Knochentransplantation möglich. Eine Therapie, die viel Geld kostet und manchmal im Heimatland des Betroffenen gar nicht durchgeführt werden kann. Neben der WHO kümmern sich heute einige Hilfsorganisationen um Noma-Patienten. Sie betreiben Aufklärungsarbeit und schicken regelmäßig Ärzteteams mit plastischen Chirurgen und Anästhesisten, die nicht nur operieren, sondern die ansässigen Ärzte unterstützen und schulen, damit sie in Zukunft ihre Landsleute auch selbst operieren können. Die erfolgreichste Therapie wäre allerdings die Vermeidung der Krankheit durch eine allgemeine Besserung der Lebensbedingungen. Ausreichende Ernährung und bessere hygienische Verhältnisse würden schon genügen, um die Krankheit zu verhindern. Aber davon ist die Welt noch Lichtjahre entfernt.

Weitere Informationen:
www.nomahospital.org/index.html
www.noma-project.de
www.afro.who.int/noma/index.html

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 5/2006

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