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25. Jänner 2006

Jellineks Elektropathologisches Museum (Narrenturm 40)

Die pathologisch-anatomischen Präparate aus der Sammlung des Arztes Stefan Jellinek erinnern an die oft vergessenen Gefahren der Elektrizität und an die Anfänge der Gewerbemedizin.

Im September 2002 schloss das bis dahin als Geheimtipp geltende weltweit einzigartige Elektro­pathologische Museum in Wien seine Pforten. Das weitere Schicksal der 1906 bei der Hygieneausstellung in Wien erstmals gezeigten Sammlung des Arztes und Elektropathologen Stefan Jellinek (1871-1968) war zu diesem Zeitpunkt höchst ungewiss. Heute ist die Sammlung im Besitz des Technischen Museums in Wien, Teile davon finden bei Sonderausstellungen Verwendung. Aus konservatorischen Gründen und da man im Technischen Museum nicht so wirklich etwas damit anfangen konnte, kamen viele der pathologisch-anatomischen Präparate in den Narrenturm.

Unerforschte Verletzungen

Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Gewerbemedizin, wie man die Arbeitsmedizin damals nannte, bereits als Spezialgebiet in Forschung und Praxis etabliert. Die vielfältigen körperlichen Schädigungen durch die Arbeit mit chemischen Substanzen in Fabriken und Bergwerken waren erkannt und es wurde auch versucht, sie zu verhindern.
Verletzungen durch Elektrizität, sei es durch die damals noch relativ neue Technologie des elektrischen Stromes oder durch Blitz, waren aber praktisch unerforscht. In der Medizin hatten sich allerdings schon mehrere Dogmen darüber etabliert: Stromschläge von gewisser Stärke sah man als absolut tödlich an und versuchte daher gar nicht erst, irgendwelche Re­animationsmaßnahmen zu beginnen. Ein weiteres Dogma betraf schwere elektrische Verbrennungen und Verletzungen an Extremitäten: Aus Angst vor der Sepsis amputierte man hier wie bei anderen Verletzungen so rasch wie möglich. In dieser Phase begann Stefan Jellinek, ein junger Internist am Wiedener Krankenhaus in Wien, sich systematisch mit Elektrizität und der Einwirkung von Strom auf den menschlichen Körper zu beschäftigen. Ebenso systematisch begann er Objekte zu sammeln, die bei elektrischen Unfällen eine Rolle gespielt hatten. Durch seine klinischen Studien und „Beobachtungen an Elektrizitätsarbeitern“ – so der Titel einer Arbeit in der Wiener klinischen Wochenschrift – konnte Jellinek die Dogmen der damaligen Lehrmeinungen bald entthronen.

Scheintod durch Strom

So erkannte er, dass der Tod durch Elektrizität durchaus kein irreparabler, sondern im Gegenteil eher ein „Scheintod durch Elektrizität“ war und sofortige Wiederbelebungsversuche oft zu überraschenden Erfolgen führten. Da er bei fast jedem Elektro­unfall – war er bei Starkstromarbeiten passiert, durch Blitz oder im Haushalt – am Unfallort erschien, um völlig uneigennützig und noch dazu unbezahlt zu helfen, war Stefan Jellinek in Wien bald eine Berühmtheit. Die Elektrizitätsarbeiter verehrten ihn als Freund und Helfer. Jellineks Eintreffen am Unfallort war für sie fast gleichbedeutend mit der Errettung aus allen Gefahren. Seine klinischen Erfolge und Forschungen über Stromunfälle machten ihn schließlich auf der ganzen Welt bekannt. 1929 wurde für Jellinek in Wien eine eigene Lehrkanzel für Elektropathologie geschaffen, die erste und einzige weltweit. Gemeinsam mit dem Chirurgen Anton von Eiselsberg stürzte er auch das zweite Dogma über Stromunfälle. Gegen die Meinung fast aller Autoritäten konnte er zeigen, dass auch bei ausgedehnten elektrischen Verletzungen oder Verbrennungen nicht – wie damals üblich – sofort amputiert werden musste, sondern durchaus zugewartet werden konnte. Auch wenn große Gelenke oder Knochen dabei eröffnet oder freigelegt waren, kam es bei dieser Art von Verletzungen kaum zu septischen Zuständen. Mit seiner Erkenntnis der „Selbstheilung“ von Stromverletzungen rettete Jellinek viele Patienten vor dem leichtfertigen Verlust ihrer Gliedmaßen. Aber Jellineks Bestreben war nicht nur die Erforschung und Behandlung elektrischer Unfälle, er wollte auch neue Rettungsbehelfe entwickeln und aktive Unfallverhütung betreiben. Das Rüstzeug für diese neuen Aufgaben der Wiener elektropathologischen Schule sollte sein Elektropathologisches Museum liefern. Der fanatische Sammler hortete unermüdlich, manchmal auch recht kurioses Material von Unfällen mit technischer oder atmosphärischer Elektrizität und ließ zu Lehr- und Forschungszwecken hunderte pathologisch-anatomische Präparate, Fotografien, Aquarelle und Moulagen herstellen.

Odyssee durch Wien

Aufgaben und Ziele des Rettungswesens, Blitzschutz, elektrische Spurenkunde und Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren der Elektrizität wollte Jellinek in seinem Museum illustrieren und auf die vielfältigen Wechselwirkungen mit Pathologie, Gerichtsmedizin, Biologie, Technologie und Kriminologie hinweisen. Das Elektropathologische Museum der Universität Wien wurde am 29. Oktober 1936 glanzvoll eröffnet. Wie so viele große Geister wurde auch Stefan Jellinek 1938 aus Österreich vertrieben. In England, in Oxford am Queen‘s College fand er eine neue Heim- und Arbeitsstätte. Nach dem Krieg kam Jellinek wieder mehrmals jährlich nach Wien. Noch mit über 90 Jahren hielt er an der Technischen Hochschule Vorlesungen über Ursachen, Verhütung und Behandlung elektrischer Unfälle. Sein Quartier nahm er dann in seinem Museum, wo er auf einem eisernen Feldbett inmitten seiner Schätze schlief. Die Sammlung Jellinek, die vor knapp hundert Jahren erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde, kann seit ihrem Bestehen auf eine wahre Odyssee durch Wien zurückblicken. Durchschnittlich alle zehn Jahre musste das Museum seine Heimstätte wechseln. Die in vielen Eröffnungsansprachen ausgedrückte Zuversicht, die Sammlung habe jetzt endlich eine endgültige Unterkunft gefunden, war immer verfrüht. Trotzdem sollte die Hoffnung, dass diese weltweit einzigartige Sammlung wieder einmal irgendwo in Wien als Elektropathologisches Museum feierlich eröffnet wird, nicht ganz aufgegeben werden.

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Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 4/2006

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