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24. Jänner 2006

Schlechtes Theater

Manchmal kommt halt viel zusammen. Die Horror-Kassendefizit-Prognosen der Herren aus Hauptverband und Kassen erwiesen sich als taktische Angstmache. Der für 2005 prognostizierte Verlust von 418 Millionen schrumpfte auf 73 Millionen. Dann wurde auch noch der Rohbericht des Rechnungshofes über die Chefärzte bekannt. 2004 wurden 313 Kollegen mit 41,2 Millionen Euro „chefärztlich“ entlohnt. Durchschnittlich schlappe 131.000 Euro pro „leitendem Arzt“ (Quelle: Duden). Über Aufgaben, Dienstzeiten und Nebenjobs darf andernorts nachgelesen werden. Dass die Wiener Gebietskrankenkasse mit einem Minus von 75,4 Millionen einen ordentlichen Beitrag leistet, ist unbestritten. Dass die Großstadtkasse mit den anderen kranken Kassen nur schwer vergleichbar ist, ist weithin bekannt. Dass der Solidaritätsausgleich unter den Kassen zu wünschen übrig lässt, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Und gerade da gilt es in Wien einen neuen Kassenvertrag abzuschließen. Wie nicht anders zu erwarten, war das Angebot, die Honorarsumme um 2,5 Prozent zu erhöhen, eine Provokation. Eilig hatte man es auf Kassenseite auch nicht. Schließlich läuft der Vertrag ja zu den alten Konditionen vorerst weiter. Und das spart Geld. Die generöse Verbesserung des Angebotes auf 2,9 Prozent stellte sich nunmehr nach Umrechnung hinsichtlich Tarifanhebung als Chuzpe heraus: 1,2% Tarifanhebung in Zeiten, wo Personal- und Betriebskosten in den Ordinationen um ein Vielfaches steigen. Frei gewordene Kapazitäten in der Kassenbürokratie werden ja nicht eingespart. Da ist die Gewerkschaft vor. Apropos Gewerkschaft: Wie würde sich WGKK-Obmann Bittner als Gewerkschafter fühlen, würde man ihm zumuten, mit so einem Angebot nach Hause zu kommen? Wie wär’s mit der Einführung einer 45-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich bei „Druck & Papier“? Also bitte aufwachen: Auch Kassenärzte haben ein Anrecht auf eine ordentliche Honorierung. Ein Blick über die Grenze zeigt, wie schnell das Fass zum Überlaufen kommen kann. Soweit sollte es hier gar nicht kommen. Bitte Schluss mit der Posse: Lieber Obmann Bittner, schließen Sie endlich – ohne weiteres Taktieren und Verzögern – einen Vertrag mit den Vertrags-„Partnern“ Ärzte ab, den Sie als Gewerkschafter auch vertreten könnten. Und weil wir schon beim Wünschen sind: Eine indexgebunde Automatik könnte dieses zweijährliche Stegreiftheater beenden und die gebundenen Ressourcen für produktives Arbeiten frei machen.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 4/2006

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