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23. Jänner 2006

Reiz-Reaktions-Mechanismen im Bad

Spezielle Balneotherapie bei Rheuma und Dermatitiden

Balneotherapien haben als gesundheitsfördernde Maßnahmen eine lange Tradition. Was sich zunächst auf empirische Erfahrungen und theoretische naturwissenschaftliche Ansätze gründete, ist heute weitgehend wissenschaftlich begründet, betont Prof. Dr. Helmut G. Pratzel, Professor für Physikalische Medizin, Balneologie und Klimatologie sowie akademischer Direktor am Institut für Balneologie und Klimatologie der Universität München.

Was Bäder bewirken können

Die charakteristischen Einflussfaktoren von medizinischen Bädern - also Bädern mit Wirkstoffzusatz - liegen in den mechanischen, thermischen und chemischen Komponenten, die bei Kurbehandlungen ebenso auftreten wie in der eigenen Badewanne. Zu den mechanischen Kräften gehören der hydrostatische Druck und der Auftrieb. Der hydrostatische Druck führt zu einer Volumenverschiebung aus den peripheren venösen Gefäßen in intrathorakale Bluträume und zur deutlichen Zunahme des zentralvenösen Drucks und des Herzzeitvolumens. Der statische Auftrieb entlastet Muskulatur und Bewegungsapparat nahezu vollständig, woraus eine Verbesserung der neuromuskulären Funktionsfähigkeit mit positivem Trainingseffekt bei Patienten mit Bewegungseinschränkung resultiert. Kalte Bäder führen zur Vasokonstriktion, steigern die Muskeldurchblutung und stimulieren die ACTH- und Histamin-Freisetzung. Warme Bäder hingegen - die "Wohlfühltemperatur" liegt bei 32 bis 34 Grad Celsius - lösen durch die Erregung der Wärmerezeptoren der Haut eine periphere Vasodilatation aus, die Muskeldurchblutung sinkt um 30 Prozent. Außerdem werden eine Reihe gefäßaktiver Substanzen, wie zum Beispiel Acetylcholin, freigesetzt. Diese Reaktionen sind allein auf das Bad zurückzuführen. Lipoidlösliche medizinische Badezusätze mit hoher perkutaner Wirkstoffabsorption induzieren zusätzlich pharmakologische Effekte. Klinisch ausgezeichnet dokumentiert sind Eigenschaften und Wirksamkeit von wasserlöslichem schwefelhaltigem Schieferöl (Ichthyol®, hell). Sulfonierte Schieferöle wirken antipruriginös, antiphlogistisch und antibakteriell, steigern die Durchblutung und wirken schmerzstillend - und damit ausgezeichnet auf die vorrangigen Symptome bei chronischen Erkrankungen der Haut (Neurodermitis, Psoriasis) und des rheumatischen Formenkreises. Ichthyol®, hell (Ichtho-Bad®) kann dabei die Symptome lindern und den Arzneimittel-Bedarf reduzieren. Im Zusammenhang mit balneologischen Behandlungen sind die Reaktionen nach drei bis sechs Heilbädern bemerkenswert: Bei Gesunden kommt es in der Regel zunächst zur Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens, bei Kranken zu überschießenden Herdreaktionen. Nach weiteren Anwendungen tritt der Heilerfolg ein.

Eine Hauptthese der Balneologie

Hierin sieht Pratzel eine Hauptthese der Balneologie: das Reiz-Reaktions-Schema. Es basiert darauf, dass der Organismus durch eine periphere Reizung auf immunologischer, humoraler und regulatorischer Ebene zu einer Reaktion provoziert wird. Balneologische Anwendungen stimulieren über die Haut zunächst periphere, autonom reagierende Abwehrmechanismen. Wenn nun an der Haut durch den balneologischen Reiz eine starke Immunosuppression erfolgt, mit der die periphere Abwehr überfordert ist, mobilisiert der Organismus alle verbliebenen Abwehrkräfte - nach der Immunschwächung kommt es zur überschießenden Abwehrreaktion, zur Beeinflussung, beispielsweise der antigenpräsentierenden Langerhans-Zellen, und Freisetzung von ACTH, Adrenalin und Endorphin. Das bedeutet: Der Reiz in der Peripherie (=Haut) provoziert eine Immunreaktion im Organismus, von der im System vorliegende Krankheitsherde profitieren. Die Faktoren Wärme, Immersion und Wirkstoff-Applikation bilden zusammen mit der These vom Reiz-Reaktions-Mechanimus eine medizinisch relevante Basis für die Anwendung medizinischer Bäder. Je nach Krankheitsbild können Voll-, Sitz- oder Teilbäder durchgeführt werden. Bei einigen medizinischen Badezusätzen, zum Beispiel Ichtho-Bad®, kann eine verstärkte Wirkung durch direktes Auftragen auf die erkrankte Stelle erzielt werden.

Dr. Klaus Huber, rheuma plus 1/2003

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