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23. Jänner 2006

Künstliches Fieber gegen Rheuma

Hyperthermie imitiert die Physiologie des Fiebers.
Die moderate Ganzkörper-Hyperthermie hilft unter anderem bei schmerzhaften Erkrankungen des Bewegungsapparates.

Fieber ist keine Erkrankung, sondern ein natürliches Instrument des Organismus zur Aktivierung unserer inneren Heilkräfte. Viele Menschen aber haben die Fähigkeit zu fiebern verloren. Die Ganzkörper-Hyperthermie macht sich diese Heilkraft zunutze, sie erzeugt künstlich Fieber und erzielt damit offenbar erstaunliche Erfolge, besonders bei chronisch degenerativen und entzündlichen rheumatischen Erkrankungen und rezidivierenden Infekten, berichtet Dr. Ralf Kleef, Institut für Hyperthermie in Wien im Gespräch mit rheumaplus. Auch bei onkologischen Patienten, bei denen die Hyperthermie nicht alternativ, sondern begleitend zur Chemo- und Strahlentherapie eingesetzt wird, kommt es zu erfreulichen Stabilisierungen und besseren Verträglichkeit dieser klassischen Therapieverfahren.

Milde und moderate Hyperthermie

Bei einer Ganzkörperhyperthermie-Behandlung wird die Körperkerntemperatur der Patienten in einem Wärmebett mit Hilfe von indirekter, komplett reflexionsgestreuter Infrarotstrahlung und reflektierenden, wärmestauenden Folien, die eine Art Zelt um den Patienten bilden, erhöht. Bei der milden Ganzkörperhyperthermie wird die Körperkerntemperatur auf Temperaturniveaus zwischen 37,5°C und 38,0°C erhöht, bei der in Wien vorwiegend eingesetzten moderaten Ganzkörperhyperthermie werden Temperaturen zwischen 38,0°C und 40,5°C erzielt.
Meist werden Serien von bis zu acht Anwendungen in wöchentlichen Abständen durchgeführt. Jede Behandlung dauert etwa drei bis vier Stunden, bei Langzeittherapie unter einer modifizierten Neuroleptanalgesie etwa acht bis zehn Stunden. Während der gesamten Behandlung werden zahlreiche Körperfunktionen über intensivmedizinische Monitore überwacht (rektale Temperatursonde für Körperkerntemperatur, EKG, Sauerstoffsättigung, Blutdruck, Atem- und Pulsfrequenz) und kontinuierlich Sauerstoff und Flüssigkeit (über einen intravenösen Zugang) zugeführt. Die Patienten werden vor Behandlungsbeginn klinisch und laborchemisch genau untersucht und Kontraindikationen ausgeschlossen, vor allem frische Thrombosen und Thromboembolien, Herzinsuffizienz, Epilepsien und Hirntumoren.

Fehlsteuerung regulieren

Welche Wirkprinzipien stehen dahinter? Kleef: "Ich sehe die Hyperthermie als einen Versuch, regulierend in ein fehlgesteuertes System einzugreifen. Ein wesentliches Wirkprinzip der Ganzkörperhyperthermie ist die Optimierung der Stoffwechselprozesse im Bereich der Endstrombahn von Lymph- und Blutgefäßsystem (Grundsystem nach Pischinger), die verbesserte Durchblutung von Organen und Geweben und die optimale Versorgung der Zellen mit Sauerstoff und Nährstoffen. Moderate Hyperthermie wirkt aber auch regulierend auf das Immunsystem. So wird eine Stimulation lymphozytärer Zelladhäsionsmoleküle, Aktivierung von Lymphozyten und Stimulierung der natürlichen Killer-Zell-Aktivität und gesteigerte Synthese von Hitzeschockproteinen beschrieben."
Bei herkömmlichen Wärmemethoden wie Sauna, Rotlicht oder Infrarotwärmekabinen wird zwar die Peripherie erwärmt, der Körperkern bleibt aber kühl. Im Gegensatz dazu erwärmt Infrarotwärme das Kapillarbett und transportiert die Wärme nach innen, womit auch tatsächlich die Physiologie des Fiebers imitiert wird.

Hyperthermie wird grundsätzlich nicht alternativ zu anderen Therapieverfahren eingesetzt, sondern als wertvolles Adjuvans zu einer Reihe verschiedener Therapieverfahren, zu denen neben Chemo- und Antibiotikatherapien auch zahlreiche Naturheilverfahren, Antioxidantientherapien oder verschiedene Massagetechniken zählen, betont Kleef. Anwendungsgebiete sind schmerzhafte Erkrankungen des Bewegungsapparates (vor allem rheumatische Erkrankungen, aber auch Zustände nach schlecht heilenden Verletzungen oder Fasciitis), onkologische Erkrankungen, chronisch rezidivierende Infekte, Chronisches Fatigue-Syndrom, Fibromyalgie etc.
Ein Drittel der Patienten zeigt einen sehr guten Therapieerfolg, ein Drittel weist zumindest eine klare Stabilisierung der Problematik auf und bei etwa einem Drittel haben sich die Erwartungen nicht erfüllt, wobei allerdings eine negative Präselektion der Patienten besteht, erklärt Kleef.
Die Kosten betragen derzeit 219 Euro pro Behandlung. Sie werden mittlerweile von Zusatzversicherungen gänzlich, von Gebietskrankenkassen beziehungsweise deren Unterstützungsfonds (bei eingehender Begründung) vor allem bei therapieresistenten Fällen immer häufiger zumindest teilweise, übernommen. Großer Wert wird auf die fortlaufende Dokumentation und Evaluation der Lebensqualität aller Patienten mittels elektronischer validierter Fragebögen zur Lebensqualität gelegt.

Dr. Klaus Huber, rheuma plus 2/2003

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