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19. Jänner 2006

Sport tut bei Osteoarthrosen gut

Zur Thematik Sport bei Osteoarthrosen ergeben sich unterschiedliche Sichtweisen und Fragestellungen: Wird die Entwicklung einer Osteoarthrose durch Sport gefördert? Welche Rolle spielt Bewegungstherapie in der Behandlung manifester Osteoarthrosen? In welchem Ausmaß dürfen welche Sportarten bei manifesten Osteoarthrosen ausgeübt werden? Die folgende Übersicht gibt Antworten auf diese Fragen.

Osteoarthrosen durch ­Sportausübung

Es ist heute unbestritten, dass sportliche Betätigung epidemiologisch nicht nur zum Wohlbefinden und zur gesteigerten Lebensqualität beiträgt, sondern in der Prävention von Krankheiten eine wesentliche Rolle spielt und möglicherweise zur Lebensverlängerung beiträgt.
Gesunde Gelenke: Andererseits steht immer wieder die Frage im Raum, ob die gesteigerte Beanspruchung von Gelenken im Rahmen der sportlichen Betätigung zu einer rascheren Arthrosebildung beiträgt. Diese Frage wird in der internationalen Literatur als „Wear and tear“ (gebrauchen und verschleißen) bezeichnet. In experimentellen Tierversuchen hat sich gezeigt, dass selbst eine lebenslange moderate Belastung zu keiner gesteigerten Arthrosebildung beiträgt. Beaglehunde liefen über einen Zeitraum von 550 Wochen vier Kilometer pro Tag, fünf Tage in der Woche, mit einem Gewichtszusatz entsprechend 130 Prozent ihres Körpergewichtes und zeigten im Vergleich zu einer normal bewegten Kontrollgruppe keine gesteigerten Arthrosezeichen. Bei einer Erhöhung des Laufumfanges kommt es zwar zu einer Abnahme der Knorpeldicke und des Proteoglykangehaltes, jedoch zu keiner degenerativen Gelenkserkrankung. Eine weitere Erhöhung des Belastungsumfanges stimuliert zusätzlich die subchondrale Knochenneubildung, eine typische Arthrose bildet sich jedoch noch immer nicht aus. Bei einer unphysiologischen Belastung im Sinne von Druck und Schwerkräften kommt es hingegen selbst bei gesunden Gelenken in relativ kurzer Zeit zur Ausbildung einer Arthrose.
Vorgeschädigte Gelenke: Ganz anders sieht die Situation im Tierversuch bei bereits vorgeschädigten Gelenken aus. Instabile, subluxierte oder dysplastische Gelenke reagieren selbst auf normale sportliche Belastung mit Degeneration. Gleiches gilt auch für Gelenke, die ihrer normalen sensomotorischen Kontrolle beraubt wurden, zum Beispiel durch Bandverletzungen. Als Ursache für diesen Degenerationsprozess werden Mikrotraumen angesehen, die aufgrund der fortlaufenden sportlichen Beanspruchung keine Zeit zur Ausheilung bekommen. Der langsame Stoffwechsel der Knorpelzelle spielt hier die entscheidende Rolle. Am Menschen zeigen sich in großen epidemiologischen Untersuchungen durchaus ähnliche Ergebnisse. Der in Großbritannien durchgeführte Allied Dumbar National Fitness Survey erbrachte Hinweise, dass lebenslange körperliche Aktivität keine gesteigerte Inzidenz einer Knieosteoarthrose in höherem Lebensalter ergibt. Allerdings zeigte sich auch in dieser Untersuchung, dass eine vorhergehende Knieverletzung eine deutlich höhere Inzidenz einer Arthroseentwicklung nach sich zog. Die Risikosteigerung ist erheblich, die Odds Ratio beträgt 8,0 (95 Prozent Konfidenz­intervall, 2,0 bis 32). Auch prospektive Studien bestätigen diese Daten. In prospektiven Kohortenstudien an früheren Medizinstudenten zeigte sich, dass die kumulative Inzidenz, an einer Osteoarthrose zu erkranken, bei jener Gruppe, die im Laufe ihrer Jugend Gelenksverletzungen durchgemacht hatte, fast 14 Prozent betrug. In der verletzungsfreien Gruppe betrug die Inzidenz weniger als die Hälfte, nämlich sechs Prozent. Die chirurgische Versorgung von Bandverletzungen des Kniegelenkes scheint an dieser Situation wenig zu ändern: Patienten nach einer chirurgisch sanierten isolierten Verletzung des vorderen Kreuzbandes haben ein zehnfach erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens an einer Arthrose des operierten Kniegelenkes zu erkranken. Eine zusätzliche Meniskusentfernung verdoppelt dieses Risiko. Alle diese Befunde stimmen darin überein, dass die Ausübung von so genannten High-impact-sports, also Sportarten mit großen Gelenksbelastungen (Stop and go, rascher Richtungswechsel, Fremdeinwirkung), das Risiko einer Osteoarthrose der beanspruchten Gelenke wesentlich erhöhen. Eine wesentliche Rolle in der Arthroseentstehung kommt auch der gelenkstabilisierenden Muskulatur zu. Das komplexe System der Sensomotorik (früher Propriozeption) mit den vielfältigen Rezeptoren in Bändern, Sehnen und der Muskulatur trägt wesentlich zu einem koordinierten und zeitmäßig richtig abgestimmten Ablauf des Muskeleinsatzes zur Gelenksstabilisierung bei. Störungen dieses Systems durch Gelenksverletzungen begünstigen die Entstehung einer Arthrose. Auch die Kraft der gelenkstabilisierenden Muskulatur ist ein wesentlicher Faktor. Eine rezente Publikation zeigte, dass die Kraftausdauer des Musculus quadriceps einen signifikanten Prädiktor für die Entwicklung einer Kniegelenksarthrose im Fünf-Jahres-Beobachtungszeitraum darstellt. Zusammenfassung: Eine Gelenksverletzung ist der stärkste Prädiktor für die Entwicklung einer Osteoarthrose des Gelenkes in den darauf folgenden Jahren. High-impact-Sportarten erhöhen das Risiko, an einer Osteoarthrose zu erkranken. Übergewicht mit einem Body-Mass-Index über 30 ist ebenfalls ein wesentlicher Risikofaktor für die Entwicklung einer Osteoarthrose. Gesunde Gelenke werden durch moderate Sportarten wie Joggen, Gehen, Schwimmen oder Radfahren nicht frühzeitig geschädigt.

Bewegungstherapie bei Osteoarthrose

Grundsätzlich gilt für den Arthrosepatienten: weiterhin kontrollierte körperliche Aktivität, Vermeidung von unphysiologischer Stressbelastung der Gelenke, Gewichtskontrolle, Vermeidung von Übergewicht. Bewegungstherapie sollte zwei- bis dreimal pro Woche, zunächst über vier bis sechs Wochen durchgeführt werden. Die Zielsetzung besteht in einer Verbesserung einerseits der aeroben Ausdauer, andererseits der Sensomotorik und der Muskelkraft der gelenkstabilisierenden Muskulatur. Muskuläre Dysbalancen müssen behoben werden, dies impliziert auch das Stretching von verkürzten Muskelgruppen. Am Beispiel des Kniegelenkes ist besonders die Kräftigungsübung inklusive der neuromuskulären Elektrostimulation des M. quadriceps und für die Kniebeuger von großer Bedeutung. Diese stabilisiert einerseits das Kniegelenk, andererseits kommt es auch zu einer deutlichen Schmerzreduktion, deren genauer Mechanismus noch unklar ist. Ausdauertraining sollte nach den allgemeinen Grundsätzen von moderater Intensität, mit einer Trainingsherzfrequenz entsprechend 50 bis 75 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme, jeweils 20 bis 30 Minuten lang drei- bis viermal pro Woche ausgeübt werden. Bewegungstherapie in der Behandlung der Kniegelenksarthrose ist eine evidenzbasierte Therapieform. Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2005 zeigt sowohl für ausdauerorientierte als auch für kraftorientierte Bewegungsübungen einen eindeutigen, signifikanten Benefit bezüglich Schmerzreduktion und Funktionsverbesserung. Für Hüftgelenksarthrosen ist aufgrund der zu geringen Studienzahl derzeit noch keine endgültige Aussage möglich. Zusammenfassung: Bewegungstherapie zur Behandlung von Gelenksarthrosen sollte alle Komponenten der neuromuskulären Funktionsfähigkeit umfassen, nämlich Sensomotorik, Kraft und Ausdauer. Die Therapie ist evidenzbasiert wirksam.

Sport bei Patienten mit manifesten Arthrosen

Ärzte werden häufig mit der Frage konfrontiert, ob Patienten mit manifesten Arthrosen Sport ausüben können und sollen. Diese Frage lässt sich nicht von Vornherein eindeutig beantworten, Zusatzinformationen sind notwendig. Diese umfassen:

  •  Wie lange betreibt der Patient bereits diese Sportart? Ist er darin erfahren, oder ist er darin ein Anfänger?
  • Wie alt ist der Patient?
  • Wie ist es um seine motorische Lernfähigkeit bestellt?
  • Wie verträgt sich die angestrebte Sportart von ihrer Charakteristik her mit der Biomechanik des erkrankten Gelenkes?
  • Wie ist der aktuelle Status der muskulären Leistungsfähigkeit (mit all ihren Komponenten) des erkrankten Gelenkes zu beurteilen?
  • Welchem Persönlichkeitstyp gehört der Patient an? Besteht die Gefahr eines „Analgetikamissbrauches“, um gelenkbelastende Sportarten schmerzarm durchführen zu können?

Empfehlenswerte ­Sportarten

  • Schwimmen, Aquajogging: Hier kommt es zu einer Gewichtsreduktion und damit zur verminderten Gelenks-belastung durch den Wasserauftrieb. Die Wassertemperatur kann zu einer verbesserten Gelenksbeweglichkeit beitragen. Beim Schwimmen sollte dem Kraul- oder Rückenschwimmen der Vorzug gegeben werden, da beim Brustschwimmen die Hyperextension der Halswirbelsäule und die verstärkte Lendenlordose zu muskulären Dysbalancen führen können. Aquajogging mit variablen Gewichtswesten kann sehr gut die Gelenksbelastung dosieren und auch für ein entsprechendes kardiovaskuläres Ausdauertraining sorgen.
  • Radfahren: Entweder im Freien oder auf dem Fahrradergometer. Hier ist besonders auf Einschränkungen des Bewegungsumfanges zu achten. Der Sattel sollte möglichst hochgestellt sein, um am unteren Totpunkt eine weitgehende Kniegelenksstreckung zu erzielen. Der Tretwiderstand sollte gering gehalten werden und dafür die Umdrehungszahl (Kadenz) gesteigert werden (high speed cycling). Zu beachten ist, dass Radfahren kein ausgesprochenes Krafttraining darstellt, hier sind immer wieder Missverständnisse sowohl mit Patienten als auch mit Ärzten zu beobachten. Radfahren sorgt für ein exzellentes Durchbewegen des Gelenkes mit geringer Gelenksbelastung, daneben werden die Ausdauer und die kardiovaskuläre Fitness verbessert. Radfahren ersetzt jedoch weder Kräftigungsübungen noch sensomotorisches Training.
  • Jogging – Walking: Ungeübte Patienten sollten vor dem Joggen unbedingt mit Gehen beginnen. Die Gelenksbelastung beim Gehen am Kniegelenk beträgt zwischen 30 und 50 Prozent jener Belastung, die beim Jogging auftritt. Auf gutes Schuhwerk ist zu achten. Das in letzter Zeit immer populärer werdende Nordic Walking beeinflusst die Biomechanik des Ganges im positiven Sinne: Die Schritte werden länger, dadurch ist die Entlastungsphase und damit die Knorpelregeneration verlängert, außerdem wird durch den Stockeinsatz die Belastung des Kniegelenkes in der Standphase verringert. Ähnliches gilt für den Skilanglauf im klassischen Stil.

Zusammenfassung: Zu den empfehlenswerten Sportarten für Patienten mit Gelenksarthrosen der unteren Extremität zählen Ausdauersportarten mit geringer Gelenksbelastung wie Schwimmen, Aquajogging, Gehen und Laufen und natürlich Radfahren beziehungsweise Fahrradergometertraining. Gerade bei Sportanfängern mit manifesten Arthrosen sollte unbedingt eine entsprechende Bewegungstherapie dem Sportbeginn vorausgehen. Bei langjährigen, erfahrenen Sportlern, die eine Arthrose entwickeln, ist im Einzelfall über die Weiterführung des Sportes zu entscheiden, beziehungsweise ein Umstieg auf eine andere, weniger belastende Sportart zu empfehlen. Auch hier muss unbedingt ein bewegungstherapeutisches Programm durchgeführt werden, um bestehende Defizite auszugleichen und dem Patienten auch ein arthrosegerechtes Verhalten in seiner Sportart mitzugeben.

Kontakt: *) Prim. Prof. Dr. Michael Quittan
Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Kaiser-Franz-Josef-Spital/ SMZ Süd, Kundratstrasse 3, 1100 Wien, Tel.01/60191-3401, Fax: 01/60191-3409, E-Mail:

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