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19. Jänner 2006

Neue Therapierichtlinien zu rheumatischen Erkrankungen

Neue europäische Behandlungsrichtlinien zu einer Reihe von rheumatischen Erkrankungen präsentierten Wissenschaftler Anfang Juni beim Jahreskongress der Europäischen Rheumaliga EULAR 2005 in Wien. Dabei handelt es sich laut EULAR-Präsident Prim. Prof. Dr. Josef Smolen um „globale Gesamtempfehlungen“, die jedoch keinesfalls das individuelle Arzt-Patienten-Gespräch ersetzen sollen. „Es soll nicht vom Wohn- oder Behandlungsort abhängen, ob einer der insgesamt rund 100 Millionen europäischen Rheumapatienten die optimale Therapie erhält“, betonte Smolen. „Mit den Richtlinien wollen wir unter anderem erreichen, dass europaweit einheitlich auf Basis des aktuellen Standes des medizinischen Wissens vorgegangen wird.“ Erarbeitet werden die Therapierichtlinien in Einzelgruppen der Europäischen Rheumaliga. Dabei werden tausende Studien in Metaanalysen evidenzgeprüft. Insgesamt beteiligten sich 19 Rheumatologen aus 13 Ländern an der Ausarbeitung der vorliegenden europäischen Leitlinien, die jeweils zehn Empfehlungen zur Diagnose und Therapie umfassen. EULAR-Präsident Prim. Prof. Dr. Josef Smolen, 2. Medizinische Abteilung – Zentrum für Diagnostik/Therapie rheumatischer Erkrankungen, Krankenhaus Lainz der Stadt Wien, und Klinische Abteilung für Rheumatologie, Univ.-Klinik für Innere Medizin III, AKH Wien: „Das dauert pro Themenbereich ein bis zwei Jahre.“ Auf dem EULAR 2005 wurden nun die neuen Richtlinien zur chronischen Polyarthritis (rheumatoiden Arthritis, RA), zur entzündlichen Gelenks­erkrankung Morbus Bechterew und zur Gicht vorgestellt.

Frühzeitige Arthritis-Behandlung

Bei der chronischen Polyarthritis sind Früherkennung und möglichst frühe Behandlung entscheidend, um Verbesserungen für den Patienten erreichen zu können, stellt die neue RA-Behandlungsrichtlinie der EULAR fest. Bei Patienten mit einem hartnäckigen gelenkszerstörenden Verlauf empfehlen europäische Experten eine möglichst frühzeitige Behandlung mit Basistherapeutika, den so genannten krankheitsmodifizierenden Medikamenten (DMARD). Als Mittel der ersten Wahl soll hier Methotrexat eingesetzt werden. Nicht­steroidale Antirheumatika (NSAR) könnten ebenso wie Steroide eine wichtige Ergänzung darstellen. „Besonders während der Frühphase der Behandlung ist auch eine engmaschige Beobachtung wichtig, um zu sehen, ob Betroffene auf die jeweilige Therapie ansprechen“, fasst Smolen eine weitere Empfehlung zusammen. „Wenn sich keine Änderung zeigt, muss die Behandlung möglichst rasch verändert oder angepasst werden. Es hat keinen Sinn, ein halbes Jahr zuzuwarten.“ Smolen verwies auch auf eine Meta­analyse von 35 Studien über den Nutzen der raschen Zuweisung bei Früharthritis: „Wenn mehr als ein Gelenk entzündet ist, sollte der Patient binnen sechs Wochen nach Symptombeginn von einem Rheumatologen untersucht werden.“

Morbus Bechterew: ­Individuell angepasst

An Morbus Bechterew (Spondylosis ancylosans) leiden in Österreich rund 60.000 Menschen. In einem zweiten Richtlinien-Paket der EULAR wird postuliert, dass die Behandlung an die jeweilige individuelle Erscheinungsform und den Schweregrad angepasst werden müsse. Neben medikamentösen Therapien seien auch andere Maßnahmen wie physikalische Therapien wichtig. NSAR werden als Medikamente der ersten Wahl für Patienten mit Steifigkeit und Schmerzen empfohlen. Wenn diese sich als nicht ausreichend schmerzlindernd erweisen, sollte zusätzlich der Einsatz von Paracetamol und Opioiden oder die Injektion von Steroiden im Entzündungsbereich erwogen werden. „Für Patienten mit einem kontinuierlich schweren Krankheitsverlauf, denen andere Therapien keine Linderung bringen, empfehlen wir den Einsatz von so genannten Biologicals vom Typ der TNF-alpha-Blocker“, zitierte Smolen die Experten-Richtlinie. „Der Einsatz von DMARD vor oder gleichzeitig mit diesen Biologika ist nicht erforderlich.“ Insgesamt werden in der Bechterew-Richtlinie 29 zweckmäßige Interventionen genannt, darunter auch Bisphosphonate, muskelentspannende Mittel, Antidepressiva oder chirurgische Eingriffe.

Gicht: Harnsäuresenkung und Akutkontrolle

Heute weisen mindestens fünf Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer in Mitteleuropa einen zu hohen Harnsäurespiegel auf, der für die schmerzhaften Gichtanfälle verantwortlich ist. „Auch bei der Gicht brauchen wir eine Kombination aus Medikamenten und physikalischen Therapiemaßnahmen, die der jeweils individuellen Situation angepasst sind“, forderte Smolen.

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