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19. Jänner 2006

Europa soll barrierefrei werden

Der hohe Stellenwert der Medizin im Management rheumatischer Erkrankungen ist offensichtlich. Nicht so offensichtlich ist hingegen die fundamentale Bedeutung von Themen wie Mobilität, Diskriminierung, Transport, Erziehung und Beschäftigung. „Wir können zwar oft die Krankheit nicht heilen, wohl aber die Hürden zwischen dem Rheumakranken und seiner Umgebung beseitigen“, appellierte Prof. Dr. Neil Betteridge, Vorsitzender von Arthritis Care – UK*, Vizepräsident der EULAR Social Leagues, London, UK. „Wenn Sie einen Rheumatiker auffordern, über seine Erkrankung zu sprechen, wird er nicht nur über seine Medikamente und seinen Schmerz reden, sondern gleichermaßen auch über seine Probleme klagen, in einen Bus zu steigen, in ein Amt zu gelangen oder bestimmte Einkäufe zu tätigen.“ In der EU leiden über 100 Millionen Menschen an irgendeiner Form von Arthritis, die damit die häufigste chronische Erkrankung darstellt. Arthritis führt in ihrem Verlauf in erheblichem Ausmaß zu Behinderung.

Behindertenanteil steigt

In der jetzigen EU sind 14,5 Prozent der Bevölkerung behindert, mit den neuen Mitgliedsländern wird der Anteil auf 25 Prozent steigen. Die direkten, vor allem für Therapien anfallenden, und die indirekten, hauptsächlich durch Arbeitsausfall, Produktivitätsverlust etc. verursachten Kosten muskuloskeletaler Erkrankungen sind enorm. Trotzdem wird nach wie vor in Europa viel zu wenig für Rheuma und für Behinderte getan. Der Ausschluss von behinderten Menschen aus der Gesellschaft erfolgt großteils nicht wegen der Behinderung, sondern wegen der Barrieren der Gesellschaft. Das betrifft viele Ebenen, wie vor allem Erziehung, Transportwesen, den Zugang zu Dienstleistungsangeboten und Waren. Betteridge: „In London haben nur 43 der 253 U-Bahnstationen Zugänge für Behinderte. In Italien sind nur 20 Prozent der öffentlichen Gebäude für Behinderte voll zugänglich. 70 Prozent der Pariser Kinos haben keinen Zugang für Rollstühle.“ Die Europäische Gemeinschaft ist aufgefordert, auf EU-Ebene eine Direktive zu erstellen, die für all diese Bereiche einen gleichberechtigten Zugang für Behinderte und Nichtbehinderte gewährleistet, forderte Betteridge, der viele dieser Probleme aus eigener Erfahrung kennt. Bei ihm wurde nämlich im Alter von drei Jahren eine schwere juvenile Arthritis diagnostiziert. Ein wesentlicher Faktor, um rheumatisch bedingte Behinderungen zu verhindern, sind die Frühdiagnose und die Frühtherapie. Es ist eindeutig bewiesen, dass die Diagnose und der Therapiebeginn innerhalb der ersten sechs Monate nach Symptombeginn in weitaus besserem Ausmaß ermöglichen, die Gelenkszerstörung bei rheumatoider Arthritis zu verlangsamen oder zu stoppen.

Frühe Therapie spart langfristig Kosten

„Dadurch bekommen die Patienten weniger Behinderungen und behalten eine bessere Lebensqualität. Zusätzlich werden der Gesellschaft wesentliche Kosten erspart“, betonte Prof. Dr. Liana Euller-Ziegler, Service de Rhumatologie, CHU Archet I, Nizza, Frankreich. Tatsächlich liegen jedoch in der Praxis oft Welten zwischen optimaler und tatsächlicher Therapie, kritisierte Euller-Ziegler. „Es muss gesichert werden, dass alle EU-Bürger mit Arthritis und muskuloskeletalen Erkrankungen unabhängig von ihrem Wohnort Zugang zu optimalen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen zur Optimierung ihrer Lebensqualität und Unabhängigkeit erhalten**.“ Davon sind wir jedoch derzeit weit entfernt: Die Bestrebungen der Regierungen, kurzfristig Kosten einzusparen, verursachen langfristig erhebliche Mehrkosten.

* Arthritis Care ist die größte freiwillige Hilfsorganisation mit und für Personen mit Arthritis in Großbritannien
** Das EULAR-Konsensus-Dokument mit den detaillierten Forderungen ist abrufbar unter www.paremanifesto.org

Dr. Klaus Huber, rheuma plus 2/2005

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