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19. Jänner 2006

Stillen und Medikamente – ein Widerspruch?

Nicht selten wird stillenden Frauen, wenn eine medikamentöse Behandlung notwendig ist, gleich zum Abstillen geraten. Eine Maßnahme, die allerdings, bei genauerer Betrachtung, sehr oft gar nicht notwendig ist.

„Die Furcht vor medikamentösen Schädigungen beim Kind oder bei der Mutter führt dazu, dass notwendige Therapien gar unterlassen werden“, kritisierte die Embryologin Dr. Doreen Hannemann vom Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie Berlin in ihrem Vortrag anlässlich der 43. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde Mitte September in St. Pölten. „Bei einer differenzierten Auseinandersetzung mit Arzneimitteln in der Stillzeit findet sich jedoch meist eine medikamentöse Alternative, die das Stillen auch während der Behandlung erlaubt.“

Genau hinschauen

Zwar gehen die meisten von der Mutter aufgenommenen Substanzen in die Muttermilch über, allerdings ist die Wirkung auf den Säugling abhängig von der Physiologie des Transportes in die Brustdrüse und von der Resorption im kindlichen Organismus. Zunächst sollte gefragt werden: Sind die Medikamente, die ihr verabreicht werden, überhaupt oral verfügbar? Wie groß ist der Anteil, der resorbiert wird, was auch von der Molekülgröße abhängt sowie von der Metabolisierung und Exkretion im mütterlichen Organismus. Beim Kind sind die noch nicht voll entwickelten Metabolisierungs- und Ausscheidungsmechanismen zu hinterfragen. (s. auch Interview unten). Welche Fragen sollen nun gestellt werden, bevor einer stillenden Frau ein Medikament verschrieben wird? „Wir können uns hier an Medikamenten orientieren, die auch bei Neugeborenen und Säuglingen sowie bei Kindern eingesetzt werden“, schlug Hannemann vor. „Wenn wir wissen, dass das Medikament von diesen Gruppen gut vertragen wurde, können wir davon ausgehen, dass auch die Mutter damit behandelt werden kann.“ Weitere Anhaltspunkte liefern Daten zum Übergang des Medikaments in die Muttermilch und eventuell bereits beschriebene Symptome bei Kindern. „Auch die Frage nach der Arzneimittelkonzentration im Säuglingsplasma und der relativen Dosis ist natürlich zu stellen“, hielt Hannemann weiter fest. Medikamente, die eine kurze Halbwertszeit haben, sind in der Regel nicht so problematisch, wie jene, die eine Halbwertszeit von mehr als 24 Stunden aufweisen. Eine Akutbehandlung ist unproblematischer als eine Langzeittherapie. Auch das Alter des Kindes, die Dosis und die Art der Applikation des Medikaments spielen eine wichtige Rolle. „Eine wichtige Größe für den Übergang des Medikaments in die Muttermilch ist die relative Dosis“, sagte Hannemann weiter. Damit ist der prozentuelle Anteil an der mütterlichen Tagesdosis pro Kilogramm Körpergewicht gemeint, den ein vollgestillter Säugling pro Kilogramm Körpergewicht erhält. Weniger zuverlässig ist der sogenannte M/P-Quotient, der die Medikamentenkonzentration im mütterlichen Plasma ausdrückt, da dieser nur einen Hinweis darauf liefert, ob das Medikament in der Muttermilch angereichert wird, aber nicht darauf, wie hoch die Dosis ist, die zum Kind gelangt.„Wir empfehlen grundsätzlich, Medikamente einzusetzen, die schon lange in Verwendung sind. Wenig problematisch sind dabei jene Therapeutika, die nicht oder schlecht oral verfügbar sind oder beim Neugeborenen verwendet werden dürfen“, hielt Hannemann weiter fest. Ein Abstillen ist bei den meisten Analgetika nicht erforderlich. Mittel der ersten Wahl ist hier Paracetamol, gefolgt von Ibuprofen. Erlaubt sind viele Antibiotika. Dazu gehören Cephalosporine, Penicillinderivate und Erythromycin. Unproblematisch sind auch einige Antihistaminika, wie etwa Dimetinden, Cetrizin und Loratadin. Auch Kardiaka, wie Digoxin oder Digitoxin, machen keine Probleme. „Es ist auch jede Hormonsubstitution auf Normalwerte möglich, ebenso wie Antazida, H2-Blocker und Antiepileptika“, so Hannemann. Auch eine Antikoagulationsbehandlung mit Heparinen oder oralen Antikoagulantien stellt laut Hannemann kein Problem dar, ebensowenig die Pille. „Wenn reine Gestagen-Präparate oder Kombinationspräparate mit niedrigem Östrogenanteil gewählt werden, ist es durchaus möglich, trotzdem zu stillen.“

Stillen nach Narkose

Nach einer Sectio wird der Mutter meist nicht sofort erlaubt, ihr Kind zu stillen. „Das ist Unsinn“, sagte Hannemann. „Das Kind bekommt ja schon während der Narkose der Mutter über die Plazenta einen Großteil der Narkotika übertragen.“ Was danach noch in der Colostrum-Milch vorhanden ist, sei so verschwindend gering, dass das Stillen unproblematisch ist. Generell kommt es weitaus seltener zu Arzneimittelzwischenfällen bei gestillten Kindern, deren Mütter Medikamente erhalten, als gemeinhin angenommen. Eine kanadische Studie mit 838 Mutter-Kind-Paaren, bei denen die Mütter eine medikamentöse Therapie erhielten, konnte in keinem einzigen Fall schwere Symptome feststellen (Shinya Ito et al., Am J Obstet Gyn 1993; 168; 1393-99). Schwere Symptome wurden als solche definiert, die eine ärztliche Behandlung notwendig machen.“ Leichte Symptome wie etwa weicher Stuhl fanden sich unter Antibiotikatherapie. Unter Therapie mit Sedativa, Antidepressiva und Antiepileptika konnte eine leichte Sedierung festgestellt werden. Abschließend hielt Hannemann fest, dass „durch genaue Information unnötiges Abstillen vermieden und die Mutter trotzdem adäquat behandelt werden kann“.

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Wohin bei Fragen und Problemen?
Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Berlin,
Tel.: 0049/ 30 3030 8111, E-mail: (Ein vergleichbares österreichisches Institut besteht nicht.)

Sabine Fisch, Ärzte Woche 9/2001

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