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19. Jänner 2006

Rotaviren: Häufigste Erreger kindlicher Diarrhoe

Rotavirusinfektionen stellen die oftmalige Ursache schwerer dehydrierender Gastroenteritiden im Kleinkindesalter dar. Mehr als 125 Millionen Kinder weltweit erkranken jährlich an Rotavirus (RV)-assoziierter Durchfallerkrankung.

In den Entwicklungsländern sterben immer noch mehr als 400. 000 Kinder an der RV-Infektion, berichtete Dr. Pamela Rendi-Wagner, Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Med. Univ. ­Wien, im Rahmen der 43. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde Mitte September in St. Pölten.

Virusproblem auch bei uns

Die Rotavirusinfektionen treten in Entwicklungs- und Industrieländern gleich häufig auf. Während RV-Infektionen in Entwicklungsländern jedoch Ursache hoher Mortalität sind, wurden die infantile RV-assoziierte Morbidität und ihre Kosten in den entwickelten Staaten lange Zeit vernachlässigt. Allein bei Kindern unter fünf Jahren gibt es jährlich 111 Millionen Fälle von RV-Gastroenteritis. Diese führen zu 25 Millionen Arztbesuchen (bei einem von fünf Erkrankten), zwei Millionen Spitalsaufenthalten und 440.000 Todesfällen. 2003 wurden in Österreich 4.344 Kinder wegen RV-Erkrankungen hospitalisiert, der langjährige Mittelwert liegt bei 3.600 hospitalisierten Kindern pro Jahr. Typischerweise ist in der kalten Jahreszeit (November bis Februar) eine hohe Aktivität der Erreger zu beobachten, während die Inzidenz in den warmen Monaten (ab April) deutlich niedriger ist. Am stärksten betroffen ist die Altersgruppe unter zwei Lebensjahren. In Österreich ist eine Hospitalisierung am häufigsten um den zehnten Lebensmonat notwendig. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Spital liegt pro Kind bei 4,7 Tagen, die Krankheitsdauer bei 5,8 Tagen. Wenn zusätzlich die Kosten für ambulante Behandlungen und die indirekten Kosten etwa für die zu Hause versorgten Kinder betrachtet werden, lässt sich der enorme mit Rotaviren assoziierte Kostenaufwand abschätzen und damit das große Interesse an der Entwicklung eines RV-Impfprogramms verstehen. Die Erkrankungsinzidenz ist in hoch und niedrig entwickelten Ländern vergleichbar, kann also durch hygienische Maßnahmen nicht wirkungsvoll eingedämmt werden. Die Impfung ist daher die einzig sinnvolle Maßnahme, betonte Rendi-Wagner. Die wichtigsten Serotypen der RV-Viren sind die Stämme G1 (53 Prozent) sowie G2, G3, G4 und P1a, die gemeinsam für mehr als 80 Prozent der RV-Gastroenteritiden verantwortlich sind. Aus zahlreichen Untersuchungen lässt sich ableiten, dass praktisch jedes Kind bis zum dritten Lebensjahr eine belastbare Immunität durch Erkrankung erworben hat. Die Impfung soll die natürliche Immunantwort imitieren, welche die Inzidenz weiterer Infektionen senkt. 1998 kam mit Rotashield der erste RV-Impfstoff auf den Markt. Er zeigte zwar ausgezeichnete Wirksamkeit, wurde aber wegen des Verdachts auf gehäufte Intussuszeption bereits nach acht Monaten wieder vom Markt genommen.

Neue Impfstoffe helfen

Nunmehr stehen zwei neue Rotavirus-Vakzine vor der allgemeinen Zulassung: Rotarix® (von der Firma GSK entwickelt) und Rotateq® (SanofiPasteur). Rotarix® ist ein attenuierter humaner Lebendimpfstoff, monovalent mit breiter Kreuzimmunität. Er wird als Schluckimpfung in zwei Dosen ab der vollendeten fünften Lebenswoche verabreicht, wobei ein Mindestabstand von drei Wochen einzuhalten ist. Auch Rotateq® enthält attenuierte RV-Lebendvakzine, ist allerdings pentavalent. Dieser flüssige Impfstoff wird ebenfalls peroral verabreicht, und zwar in drei Dosen ab der sechsten Lebenswoche mit einem Intervall von jeweils ein bis zwei Monaten. Die gleichzeitige Verabreichung mit Routineimpfstoffen ist möglich. Beide Impfstoffe haben ein ähnliches Wirkprofil. Sie haben in Studien eine vergleichbar gute Wirksamkeit gezeigt: einen etwa 70-prozentigen Schutz gegen jegliche RV-induzierte Durchfälle und einen 90-prozentigen Schutz gegen schwere RV-Gastroenteritis-Erkrankungen. Der Schutz fällt auch nach zwei Jahren nur geringfügig auf etwa 72 bzw. 85 Prozent ab (Daten für Rotarix®). Beide Impfstoffe werden ausgezeichnet vertragen, bei unerwünschten Nebenwirkungen gab es keine statistisch signifikanten Unterschiede zu Placebo, insbesondere nicht bei Fieber, Erbrechen, Durchfall oder Unruhe. Es gab auch keine Häufung von Invagination. „Die beiden Impfstoffe stellen einen wesentlichen Fortschritt in gesundheitlicher und volkswirtschaftlicher Hinsicht dar“, betonte Rendi-Wagner. Offen bleibe noch die Schutzdauer ohne natürliche Boosterung und die Kosten für den Impfstoff.

Dr. Klaus Huber, Ärzte Woche 9/2001

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