zur Navigation zum Inhalt
 
19. Jänner 2006

Harnwegsinfekte im Zaum halten

Speziell bei Säuglingen und Kleinkindern wird ein Harnwegsinfekt nicht selten zu spät erkannt. Durch die zeitliche Verzögerung bei der antibiotischen Therapie kann es zu einer Urosepsis und Parenchymschäden der Nieren kommen.

„Die Bezeichnung ‚Harnwegsinfekt’ beschreibt eine Gruppe heterogener Zustände mit dem Nachweis bakterieller Erreger im Harntrakt“, so Dr. Martina Prelog, Innsbrucker Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde auf der 43. Jahrestagung der ÖGKJ Mitte September in St. Pölten. Als Grenze zwischen Kontamination und echter Bakteriurie gelte dabei ein Wachstum von 105 Kolonie-bildenden Einheiten (KBE) pro Milliliter.

Prädisponierende Faktoren

Der Harnwegsinfekt (HWI) zählt zu den häufigsten bakteriellen Erkrankungen des Kindesalters. Prädisponierende Faktoren sind Restharnbildung, obstruktive Veränderungen des Harntrakts und vesiko-ureteraler Reflux (VUR). Prelog: „In 80 bis 90 Prozent wird E. coli für den Infekt verantwortlich gemacht. Bisweilen werden auch Klebsiellen, Pseudomonaden, Proteus und Enterokokken nachgewiesen. Wenn virulente E. coli-Stämme und genetische Faktoren zusammentreffen, führt dies zu einem aufsteigenden HWI mit Beteiligung der Niere, einer Pyelonephritis.“ Je jünger das Kind ist, umso unspezifischer sind die Symptome. Prelog: „Im Neugeborenenalter finden sich häufig Symptome einer Sepsis wie Gewichtsverlust, Zeichen der Kreislaufbeeinträchtigung wie grau-zyanotische Hautfarbe, weiters aufgetriebenes Abdomen und Berührungsempfindlichkeit. Auch Trinkunlust, Lethargie oder Erbrechen können auftreten.“ Ein HWI müsse bei Kindern mit unklarem Fieber immer in Betracht gezogen werden. Bei älteren Mädchen und Knaben kommen Lokalsymptome der Harnwege wie Dysurie, Pollakisurie, abnormer Harndrang, Enuresis sowie Bauch- und Lendenschmerzen häufiger vor. Laut American Association of Pediatrics sind suprapubische Blasenpunktion und als Alternative transurethrale Einmalkatheterisierung erste Wahl zur diagnostischen Harngewinnung bei kritisch kranken Kindern im Alter zwischen zwei Monaten und zwei Jahren, die eine sofortige Therapie benötigen. Beim nicht kritisch kranken Kind dieser Altersgruppe können eventuell auch Harnbeutel verwendet werden; für eine quantitative Harnkultur sind die Proben aber nicht geeignet. Auch der Versuch, einen Mittelstrahlurin zu gewinnen, sei sinnvoll. Bei älteren Mädchen wird eine transurethrale Einmalkatheterisierung empfohlen, während bei älteren Knaben sauberer Mittelstrahlharn gewonnen und im Kühlschrank bis zu 24 Stunden gelagert werden kann. E. coli, Proteus, Klebsiellen und Pseudomonas reduzieren Nitrate zu Nitrit, was beim Streifentest als Farbumschlag zu erkennen ist. „In der Phasenkontrastmikroskopie weist das Vorhandensein von Bakterien (meist Stäbchen) oder von mehr als 10 Leukozyten pro High Power Field mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Vorliegen eines Infektes hin“, so Prelog.

Empirische Antibiotikatherapie

Sobald beim fieberhaft erkrankten Kind der Verdacht auf einen HWI besteht, ist mit einer empi-rischen antibiotischen Therapie zu beginnen. Diese sollte sich an dem in der Region und beim Patienten zu erwartenden Keim- und Resistenzspektrum orientieren. „Ziel der Therapie ist, eine Urosepsis zu verhindern und das Risiko von Nierenschäden zu minimieren“, betonte Prelog. Dehydrierte Kinder, insbesondere Kleinkinder unter 24 Monaten, die oral keine Flüssigkeit aufnehmen können, sollten zur parenteralen Therapie stationär aufgenommen werden. Zur oralen Therapie eignen sich vor allem Cefaclor, Cefalexin oder Cefixim, parenteral verabreicht werden Cefotaxim oder Cefuroxim. „Unter einer adäquaten Behandlung sind eine Sterilität des Harns nach 24 Stunden und ein Abfiebern nach spätestens 48 Stunden zu erwarten“, erläuterte Prelog. Komme es innerhalb von 48 Stunden zu keiner klinischen Besserung, sollte erneut eine Harnkultur abgenommen und die antibiotische Therapie umgestellt werden. Bei Patienten mit einem septischen Krankheitsbild sei eine Kombinationstherapie angezeigt. Die AWMF (Deutsche Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften) empfiehlt in ihrer Leitlinie von 1998 bei Pyelonephritis die rasche Einleitung einer parenteralen Therapie mit einem Breitspektrum Penicillin oder Cephalosporin bzw. Reserveantibiotika bei unempfindlichen Erregern. Nach Ausheilung des fieberhaften HWI wird die DMSA-Szintigraphie angeraten. „Diese Empfehlung ist unter anderem wegen der Strahlenbelastung kritisch zu sehen“, so die Expertin. Auf jeden Fall müsse nach dem ersten nachgewiesenen HWI eine uroradiologische Abklärung erfolgen, um Fehlbildungen und einen VUR auszuschließen. „Obligat sind Sonografie der Nieren und der ableitenden Harnwege zum ehest möglichen Zeitpunkt sowie ein Miktionszystourethrogramm etwa 2 bis 4 Wochen nach Abklingen des Infektes unter antibiotischer Prophylaxe“, erläuterte Prelog. Die Sinnhaftigkeit einer Dauerprophylaxe mit Antibiotika bei VUR wird immer wieder diskutiert. Prelog: „Grundsätzlich würde auch eine gute Schulung der Eltern von betroffenen Kindern und eine dementsprechend frühzeitige Behandlung sowie die regelmäßige (z.B. monatliche) Kontrolle des Mittelstrahlharns auf signifikante Bak-teriurie eine Antibiotikaprophylaxe ersetzen.“ Derzeit sei es allerdings für entsprechende Empfehlungen noch zu früh.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben