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19. Jänner 2006

Suchtprävention: Vorbild sein, Persönlichkeit stärken

Es sind nicht die so genannten „harten“ Drogen, die eine Gefahr für Kinder und Jugendliche darstellen: Die Alltags-drogen heißen bereits bei den 15-Jährigen Nikotin und Alkohol.

Ein Viertel der 15-jährigen Mädchen und ein Fünftel der 15-jährigen Burschen raucht bereits täglich. 20 Prozent der Burschen und 17 Prozent der Mädchen waren schon mindestens viermal betrunken. Das sind Daten aus der international größten und umfangreichsten Kinder- und Jugendstudie, der HBSC-Studie*, die seit 1982 auch in Österreich durchgeführt und alle vier Jahre wiederholt wird. „Eng verknüpft mit dem Konsum von Nikotin und Alkohol ist die psychische Befindlichkeit der Kinder und Jugendlichen“, erklärte Dr. Kristina Fürth vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Medizin- und Gesundheitssoziologie bei einem Symposium zum Thema „Suchtprävention“ anlässlich der 43. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde im September in St. Pölten. „17 Prozent der Mädchen und zehn Prozent der Burschen im Alter von 15 Jahren gaben an, dass sie täglich unter psychischen Beeinträchtigungen wie etwa Nervosität, Ängsten, Niedergeschlagenheit oder Traurigkeit leiden.“

Faktoren für Suchtvermeidung

Der Griff zur Zigarette oder zum Bierglas suggeriert nicht selten eine einfache Problemlösung, um mit belastenden Situationen besser klar zu kommen. „Aber damit verschieben sich die Probleme natürlich nur und können nicht gelöst werden“, hielt Fürth fest. Die Daten der HBSC-Studie zeigen weiters deutlich, welche Faktoren zur Suchtvermeidung bei Jugendlichen relevant sind. Dazu gehört etwa ein stabiles familiäres und soziales Umfeld, Problemlösungskompetenz, Konfliktfähigkeit und die Unterstützung bei der Ausbildung eines gesunden Selbstbewusstseins. „Sucht hat nie nur eine einzige Ursache“, meint auch der Sozialarbeiter Markus Weissensteiner von der Fachstelle für Suchtprävention in St. Pölten. „Neben dem persönlichen Umfeld spielen außerdem die Wirkungsweise und das Suchtpotenzial der konsumierten Substanz, die Verfügbarkeit, der Preis, die Art des Konsums und die Verbreitung eine wesentliche Rolle.“

Wirkung familiärer Muster

Ob ein Jugendlicher frühzeitig und süchtig nach Alkohol und Zigaretten greift, hängt ganz massiv auch davon ab, wie er oder sie die Erwachsenen in seiner Umgebung erlebt. „Wenn etwa Rauchen oder täglicher Alkoholkonsum in der Familie ganz normal ist, werden auch die Kinder und Jugendlichen dieses Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen“, sagte Weissensteiner weiter. Prävention bedeute damit also nicht nur die Stärkung der persönlichen Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen, sondern auch ein stabiles Vorbild durch die erwachsenen Bezugspersonen.

Gute und schlechte Vorbilder

Dies ist ein Aspekt, den auch der Vorstand der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien, Prof. Dr. Max Friedrich, nur bestätigen kann: „Wir werden beobachtet als Eltern, Lehrer, als Kindergärtnerinnen, als Ärztinnen. So ist etwa das Bild des rauchenden Arztes in der Öffentlichkeit kein gutes Vorbild“, setzte Friedrich auch bei seinem eigenen Berufsstand an. Neben der Vorbildwirkung durch die Erwachsenen versteht Friedrich Suchtprävention vor allem auch in einer optimalen Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Hier seien besonders viele Defizite zu finden: „Erziehung heißt ja letztlich anleiten, stützen, führen, lenken, heißt aber auch Emotionen zu vermitteln und miteinander reden zu können.“ Probleme sieht Friedrich denn auch in einer mangelnden Gesprächs-, Streit- und Versöhnungskultur. Stattdessen dominiere die „Verhörerziehung“ mit Fragen wie: „Was hast du auf die Schularbeit?“ oder „Was war heute in der Schule los?“

Gemeinschaftsgefühl stärken

Ein probates Mittel zur Suchtprävention bei Kindern und Jugendlichen sieht Friedrich in der gegenseitigen Unterstützung Jugendlicher, den Peer Groups. Für ihn sind Peer Groups „der beste Schutz und Garant, um nicht in Süchte zu geraten“. Eine optimale Unterstützung von Peer Groups bieten laut Sozialarbeiter Weissensteiner so genannte MultiplikatorInnen, „die den Jugendlichen das Wissen um Suchtfaktoren, -ursachen und –vermeidung nahe bringen können“. Möglichkeiten zur Ausbildung solcher MultiplikatorInnen bieten die Fachstellen für Suchtprävention, die es in jeder Landeshauptstadt gibt.

Restriktiver Umgang

Neben der optimalen Erziehung, der gegenseitigen Unterstützung von Jugendlichen und der Vorbildwirkung der Erwachsenen hält Soziologin Fürth die Preispolitik und Zugangsmöglichkeiten zu Suchtmitteln für einen wesentlichen Faktor in der Suchtentstehung. „Wir haben anhand europäischer Studiendaten untersucht, mit welchen Strategien sich beispielsweise der Zigarettenkonsum reduzieren lässt.“ Im Ergebnis zeigte sich, dass offenbar vor allem eines hilft: Die Preise drastisch zu erhöhen und die Möglichkeiten für Jugendliche, sich Zigaretten zu besorgen, massiv einzuschränken: „Das sind, gesamteuropäisch gesehen, die wirksamsten Methoden zur Prävention der Nikotinabhängigkeit“, sagte Fürth abschließend.

 

 

* Die HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children) wurde von der Weltgesundheitsorganisation initiiert und wird seit 1982 in 35 Ländern Europas und Nord-amerikas durchgeführt. Mit Hilfe eines Fragebogens werden Schülerinnen und Schüler im Alter von neun bis 17 Jahren zu ihrem Gesundheitsverhalten befragt.
Internet: http://www.hbsc.org/countries/austria.html

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