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19. Jänner 2006

Pädiatrisches Lob für die Frau Minister

Die Ärzteschaft hat so ihre liebe Not mit ihr. Doch die Anerkennung einer Fachgruppe hat sie sich erworben: Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat ist „Paediater’s Darling“ geworden. Sie wurde von der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde mit der Theodor-Escherich-Plakette ausgezeichnet.

Nach den von der Statistik-Austria gemeldeten Ergebnissen der natürlichen Bevölkerungsbewegung für vergangenes Jahr verzeichnete Wien – erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg – mehr Lebendgeborene als Sterbefälle. Doch nicht nur eine steigende Geburtenzahl in der Bundeshauptstadt spricht gegen finanzielle Kürzungen in der Pä­diatrie. Vielmehr bedürfen die Patienten einer intensiveren Betreuung und spezialisierter Zentren. Diesbezüglich kann über erfreuliche Entwicklungen berichtet werden. Prof. Dr. Wilhelm Müller, Vorstand der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz, freut sich über essentielle Fortschritte in diesem von der Politik oft stiefmütterlich behandelten Fachgebiet, die er im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE kommentiert.

Die Auszeichnung einer medizinischen Fachgesellschaft für einen ranghohen Politiker ist eher eine Seltenheit. Wie ist Maria Rauch-Kallat zu „Paediater’s Darling“ geworden?
Müller: Unsere Gesundheitsministerin ist erstmals eine Politikerin, die man getrost als Lobbyistin für Kinder und Jugendliche bezeichnen kann. Ich bin wirklich angenehm von ihr überrascht worden, auf Ministerniveau stellt sie eine rühmliche Ausnahme dar. Das, was in ihrer Kompetenz gestanden ist, hat sie auch gemacht. Und dafür, dass sie das Gebot der Stunde erkannt hat, für die Zukunftsgeneration etwas tun zu müssen, hat sie auch die höchste Auszeichnung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) erhalten. Neben der Erstellung des Österreichischen Gesundheitsplanes für Kinder hat Rauch-Kallat auch den Plan, eine ständige Kommission für Belange kranker Kinder und Jugendlicher im Bundesministerium zu etablieren.

Was sind die wesentlichen Konsequenzen dieser guten Zusammenarbeit?
Müller: Im Gesundheitsplan finden sich Themen wie die Optimierung der Akut- und Notfallversorgung in der Stadt und am Land, die Kinderrehabilitation oder Ausbildungsprobleme in der Pädiatrie. Als Ergebnis konnten regionale Zentren für brandverletzte Kinder und Jugendliche, für Lebertransplantation, Dialyse und Nierentransplantation, pädiatrisch rekonstruktive Genitalchirurgie, Epilepsie-Chirurgie sowie für Stammzelltransplantation und Stoffwechselstörungen definiert werden. Ein wichtiger Reformschritt ist auch in der Ausbildung gelungen. Nach über 12-jährigem Bemühen durch die ÖGKJ und trotz ständiger Ablehnung durch die Österreichische Ärztekammer wurde nun endlich vom Bundesministerium für Gesundheit und Frauen der Spezialisierung in der Kinder- und Jugendheilkunde Rechnung getragen. Analog zur Medizin für Erwachsene wurden sechs Additivfächer zugelassen.

Um welche Additivfächer handelt es sich?
Müller: Mit der Novelle des Gesundheits- und Krankenpflegegesetztes werden sechs Zusatzfächer zum Sonderfach geschaffen: Kardiologie, Pulmologie/Allergologie, Hämatologie/Onkologie, Neonatologie/Intensivmedizin, Neuropädiatrie und Endokrinologie. Leider sind die Bereiche Gastroenterologie/Hepatologie und Nephrologie noch nicht vertreten. Dennoch ist dies ein Meilenstein und ein Anknüpfungspunkt an die euro­päische Pädiatrie. Mit diesem Schritt wird Österreich auf internationalem Niveau wettbewerbsfähig. Wir können den ehemaligen Ostländern als Versorgungssystem für Kinder mit komplexen Krankheitsbildern dienen und die dafür ausgebildeten Spezialisten anbieten. Österreich wird dadurch auch immer mehr zum pädiatrischen Ausbildungszentrum für Kolleginnen und Kollegen aus diesen Ländern werden. Auch bei den Pflegeberufen gibt es Neuerungen. So konnte eine spezialisierte Ausbildung für Kinder-Intensivpflege erarbeitet werden.

Sind derartige Vorschläge nicht auf Widerstände gestoßen?
Müller: Obwohl es nicht einzusehen ist, warum Spezialausbildungen in der Kinder- und Jugendheilkunde nicht wie in der Erwachsenenmedizin möglich sein sollen, finden derartige Reformvorschläge relativ wenig Anklang. Immer wieder stoßen wir auf Vorbehalte der Gesundheitsreferate einzelner Bundesländer, oft wurden unsere Forderungen abgelehnt. Hingegen werden vorgetäuschte gesundheitsökonomische Machwerke als große Reformen angesehen. Offenbar fehlt hier immer noch das Verständnis für die Notwendigkeit von speziell für Kinder geschaffenen Stellen. Positiv zu erwähnen sind hier aber etwa die zuständigen Personen in Kärnten, der Steiermark oder Wien.

Warum wird der gesundheitspolitische Rotstift bevorzugt in der Kinderheilkunde angesetzt?
Müller: Seit Jahren werden die sinkende Kinderzahl und die generell geringe Patientenanzahl als Argument für finanzielle Kürzungen angeführt, so als wäre dieses Fach ökonomisch nicht rentabel. Für ein betroffenes Kind ist es aber unbedeutend, wie statistisch relevant seine Krankheit ist. Die Patienten haben auf jeden Fall das Recht, die bestmögliche Behandlung zu erfahren. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass die Pädiatrie bei weniger Kindern auch weniger Existenzberechtigung hat.

Das Argument der sinkenden Kinderanzahl wird durch die Migration, zumindest in Wien, entkräftet.
Müller: Während österreichweit die Geburtenrate stagniert, steigt sie in der Bundeshauptstadt erstmals seit 1978, bedingt durch die Mi­gration, wieder an. Dieser Trend wird weiter anhalten. Allein im letzten Halbjahr war ein relativer Zuwachs von 4,1 Prozent zu verzeichnen. Vor allem in Wien darf daher nicht mit dem Rotstift drübergegangen werden. Ein Abbau von Betten geht in die absolut falsche Richtung. Schließlich gibt es hier zu Epidemiezeiten bereits jetzt zu wenig verfügbare Betten auf Kinderstationen.

In den anderen Bundesländern sind allerdings keine derartigen Zuwächse zu verzeichnen ...
Müller: Tatsächlich haben wir es, etwa in der Steiermark, mit einer geringeren Anzahl von Kindern zu tun. Umstrukturierungen sollten allerdings nicht zu einem Abbau, sondern etwa zu einer Umwidmung zu Betten für Begleitpersonen führen.

Diesbezüglich hat sich ja einiges getan ...
Müller: Tatsächlich sieht der Österreichische Strukturplan Gesundheit (ÖSG) 2006 vor, dass auf 100 pädiatrische Plätze 75 Begleitpersonenbetten kommen müssen. Auch die Vollauslastung einer Kinderabteilung wurde nun mit 75 Prozent festgemacht. Schließlich können wir nur schwer Säuglinge mit älteren Kindern zusammenlegen, nicht zuletzt angesichts der Infektiosität vieler Krankheiten.

Muss sich die Kinderheilkunde heute nicht neu definieren?
Müller: Die „Kinderkrankheiten“ haben heute ganz andere Inhalte und Dimensionen als früher. Allein im Bereich der Suchtprävention ist dringender Handlungsbedarf gegeben. So wurde vor 15 Jahren einmal im Monat ein Kind mit Alkoholintoxikation in unserer Klinik behandelt, heuer waren es rund 140 Kinder, die mit Suchtmittelvergiftung eingeliefert werden mussten. Natürlich entsprechen chronisch kranke Kinder zahlenmäßig oft einer Minderheit der Minderheit. Hier bedarf es dennoch Spezialisten, die mitunter zwar wenige Kinder behandeln, aber auf qualitativ hohem Niveau. Diese Möglichkeit muss in ganz Österreich gegeben sein.

Ist in der Pädiatrie Platz für Subdisziplinen?
Müller: Es muss hier Spezialfächer geben! Wenn wir diese Kompetenz nicht anbieten können, dann tritt der Umstand ein, dass die Kinder zwangsläufig von den Erwachsenenmedizinern behandelt werden müssen. Diese Defizite in der Pä­diatrie, vor allem bei speziellen, komplexen Krankheitsbildern, können nur durch eine gesetzmäßig veranlagte Erweiterung unseres Leistungsspektrums ausgeglichen werden. Zumindest in den großen Kinderkliniken der Universitäten sollten diese Angebote vorhanden sein. Die Basis muss aber eine Spezialausbildung sein, die gesetzlich verankert ist. Darin sehe ich auch die Garantie, dass dieses Angebot in österreichischen Zentren existiert und dementsprechend gelehrt werden muss. Daher sind die neuen Verhandlungsergebnisse so wichtig.

Welche Aufgaben warten in Ihrem verbleibenden Amtsjahr noch auf Sie?
Müller: Es sollte einen verbindlichen Plan für pädiatrische Rehabilitations-Einrichtungen geben. Nach schweren Unfällen, wie Schädel-Hirn-Traumata, müssen eigens auf kindliche Bedürfnisse abgestimmte Möglichkeiten geschaffen werden. Hier darf es kein Mitlaufen der Kinder auf Erwachsenenabteilungen geben. Es genügt nicht, wenn ein einzelnes Zentrum in Wien existiert, sodass ein Kind aus Innsbruck, aus dem familiären Umfeld gerissen, viele Kilometer von zu Hause über Wochen hinweg behandelt wird. Dies halte ich für nicht zumutbar. Wir haben die Pflicht, unseren Kindern eine flächendeckende, qualitativ hochwertige Betreuung anbieten zu können.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 9/2001

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