zur Navigation zum Inhalt
 
17. Jänner 2006

Arbeitnehmerschutz entstand in Wien (Narrenturm 39)

Zerfressene Unterkieferpräparate im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm dokumentieren eine der furchtbarsten Folgen arbeitsbedingter Gesundheitsschäden im 19. Jahrhundert. Die von Phosphornekrosen befallenen Unterkiefer stammen durchwegs von jungen Arbeiterinnen aus den damals neu entstandenen Zünd­holzfabriken.

Eingeatmete Phosphordämpfe führten früher häufig zu eitriger Osteomyelitis und Kiefernekrosen bei den Arbeiterinnen in Zündholzfabriken. Erschwerend für diese bedauernswerten jungen Frauen kam noch dazu, dass man für ihr Leiden zunächst einmal sie selbst verantwortlich machte. Man sah die Krankheit, die man vermutlich als luetisch interpretierte, wie so oft in der Geschichte der Medizin als „Folge eines ausschweifenden Lebenswandels“. Die Erfindung des Zündholzes begann wie so vieles mit der Alchemie. Eher zufällig entdeckte der deutsche Alchemist Hennig Brand bei der üblichen Suche nach der Formel zur Herstellung von Gold 1669 den Phosphor. Bis Phosphor zum Feuermachen verwendet wurde, sollte es jedoch noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts dauern. So etwa um das Jahr 1830 schien dann die Zeit reif zu sein für die Erfindung des Zündholzes. Wegen unterschiedlicher Rezepturen und oft gleichzeitig verlaufender Entwicklungen in verschiedenen Ländern lässt sich heute „der Erfinder“ des so genannten Reibungszündholzes oder Streichholzes nicht eindeutig benennen. Durch das Zündholz war jedenfalls das Feuermachen, einst eine fast heilige Handlung, im wahrsten Sinn des Wortes kinderleicht geworden. Das kleine Stäbchen mit dem runden Kopf war in kürzester Zeit ein Verkaufsschlager. Überall dort, wo es genügend Holz gab, schossen Zündholzfabriken förmlich aus dem Boden. In Wien gab es 1833 bereits drei davon.

Beliebtes Mordinstrument

Die Phosphorstreichhölzer brannten zwar sehr gut an – eine leichte Reibung an einer rauen Fläche genügte. Dadurch hatten sie aber auch eine höchst unangenehme Eigenschaft: Sie entzündeten sich ganz leicht von selbst, und viele Menschen und Häuser wurden dadurch ein Raub der Flammen. Die Toxizität des weißen Phosphors war ebenfalls ein großes Problem. Kinder starben, wenn sie an den Hölzchen lutschten, und Zündhölzer waren bald ein beliebtes, preiswertes und noch dazu frei erhältliches Mittel für Mord, Selbstmord und Abtreibungen. Furchtbarer noch waren aber die heimtückischen Phosphornekrosen in den Kieferknochen, von der besonders die „Eintaucherinnen“ in den Zündholzfabriken, meist junge Mädchen und Frauen, betroffen waren. „An erkrankten Zähnen bilden sich Eiterherde, die zusammenfließende Abszesse bilden. Bald tritt blutgemischte Jauche aus, der Knochenstücke beigemengt sind. Der Knochen ist angefressen und ragt ganz nackt in die Mundhöhle hinein“, heißt es drastisch in einer zeitgenössischen medizinischen Beschreibung. Die Betroffenen waren oft grässlich entstellt. Lange Zeit sah man die bedauernswerten erkrankten Frauen aber nicht als Opfer ihres Berufes. Man verachtete sie sogar wegen ihres vermeintlich liederlichen Lebenswandels. Erst als immer häufiger Frauen mit zerstörten Kieferknochen ins Wiedner Spital in Wien kamen und 1843 gleich fünf junge Mädchen mit Nekrosen des Unterkiefers hier behandelt werden mussten, wurden der Primarius der Chirurgie, Friedrich Wilhelm Loriser (1817-1895), und sein Assistent stutzig. Sie bemerkten, dass alle ihre Patientinnen in Zündholzfabriken arbeiteten. Bei einem Besuch an der Arbeitsstätte der Mädchen war für Loriser die Ätiologie der Erkrankung bald klar: Alle Mädchen atmeten täglich 13 Stunden lang hochgiftige Phosphordämpfe ein. Bei schlechten Zähnen bewirkte der Phosphor durch Schädigung des Endothels der Knochengefäße diese furchtbaren Veränderungen am Knochen, in denen sekundär Periostitis und schließlich eine Osteomyelitis entstand.

Schlimme Arbeitsbedingungen

Loriser beschrieb in der Folge nicht nur als Erster die Phosphornekrose und entlarvte sie als Berufskrankheit, er begann auch vehement auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Zündholzfabriken hinzuweisen. Die Luft war hier vor allem im Winter, wenn nicht gelüftet wurde, mit Phosphordämpfen derart geschwängert, dass angeblich der Atem der Arbeiterinnen bei Dunkelheit manchmal leuchtete. Loriser erreichte durch seine Hartnäckigkeit auch das heute noch berühmte Hofkanzlei-Dekret vom 7. Oktober 1846 mit genauen Bestimmungen zu den Arbeitsbedingungen in Zündholzfabriken. Das Dekret, das unter anderem Frauen und Kinder grundsätzlich von dieser Arbeit ausschloss, ist in die Geschichte der Arbeiterschutzgesetzgebung eingegangen. Da aber weiterhin viele Fälle von Phosphornekrosen in den Wiener Spitälern auftauchten, musste man zusätzlich Fabriksinspektoren schaffen, um Durchführung und Einhaltung der gesetzlichen Maßnahmen zu überwachen. Die Veränderungen von Arbeitsbedingungen und die dabei entstehenden Schädigungen sind übrigens einer der Forschungsschwerpunkte des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums im Narrenturm.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 3/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben