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14. Dezember 2005

Die rollende Initiative

Jeder Arzt, der mit rheumatischen Erkrankungen zu tun hat, weiß es: Die Betroffenen kommen meist erst sehr spät. Diese Verzögerung kann jedoch fatale Folgen haben. Denn gerade in der ersten Zeit schreitet die Gelenkzerstörung besonders dramatisch fort; Früherkennung ist also wichtig. „Wenn die Patienten nicht zu uns kommen, gehen wir zu den Patienten“, war die Initialzündung des Rheumabusses, der auf Initiative der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie (ÖGR) von April bis Oktober durch Österreich gerollt ist.
Eine erste Auswertung dieser Rheuma-Aktion des Jahres 2005 präsentierte Prof. Dr. Marcus Köller von der Klinischen Abteilung für Rheumatologie am Wiener AKH Ende November auf der Jahrestagung der ÖGR. An die 60 Ärzte sahen an 46 Standorten rund 2.800 Patienten – in der überwiegenden Mehrzahl (78,2 Prozent) Frauen – mit einem Durchschnittsalter von 67,8 Jahren. Die Dauer der angegebenen Beschwerden, meist Schmerzen, lag durchschnittlich bereits bei 102 Monaten, fast die Hälfte der Betroffenen hatte deswegen noch gar keinen Arzt aufgesucht. Von jenen, die sich in Therapie befanden – rund ein Viertel beim Allgemeinmediziner, nur 5,7 Prozent in rheumatologisch-fachärztlicher Behandlung –, nahmen 40 Prozent NSAR, zehn Prozent Analgetika, 15 Prozent waren physikalische Maßnahmen verschrieben worden. Erstaunlicherweise wurde die Intensität der Schmerzen von jenen, die NSAR nahmen, immer noch mit 60 mm auf der 100 mm Visuellen Analogskala (VAS) angegeben, von jenen, die ohne Therapie waren, mit 55. „Es ist anzunehmen, dass erst eine sehr hohe Schmerzintensität überhaupt zum Arzt führt“, interpretierte Köller die Ergebnisse.
Erwartungsgemäß bestanden rund 60 Prozent der Beschwerden aufgrund von degenerativen Gelenk- oder Wirbelsäulenerkrankungen, 2,5 Prozent der Rheumabus-Besucher litten an einer gesicherten rheumatoiden Arthritis (RA), von denen jedoch nur die Hälfte bei einem Rheumatologen in Betreuung steht und jeder Siebente noch gar nicht ärztlich behandelt worden ist. Bei 2,2 Prozent bestand aufgrund von Anamnese und klinischer Untersuchung der hochgradige Verdacht auf eine RA, sie wurden an ein Schwerpunktzentrum weiterverwiesen.
Köllers Resümee: Die Erfahrung, dass Menschen mit Beschwerden des Bewegungsapparates und chronischen Schmerzen viel zu spät einen Arzt aufsuchen, hat sich bestätigt. Diese Ordinationsschwellenangst mag daran liegen, dass „die Beschwerden einerseits bagatellisiert oder als Schicksal hingenommen werden“. Andererseits sei es für viele aus geografischen Gründen recht beschwerlich, Spezialeinrichtungen aufzusuchen. „Im Großteil Österreich besteht diesbezüglich ein Versorgungs­defizit“, so Köller.

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