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10. Jänner 2006

Ein architektonisches Unikum (Narrenturm 38)

Das pathologisch-anatomische Bundesmuseum präsentiert seine einzigartigen Sammlungen in einem ebenso einzigartigen Gebäude, dem 1782 erbauten festungsähnlichen Narrenturm. Die architektonische und technische Besonderheit fehlt in keinem ernsthaften Wien-Reiseführer und muss meist als Beispiel für die dunkle und etwas morbide Seite der Bundeshauptstadt herhalten.

Der unbestritten etwas düstere, fünfgeschossige „Thurm mit seinen Behältern für die Wahnwitzigen“ war zu seiner Zeit eine durchaus fortschrittliche medizinische Institution. Auch wenn das festungsähnliche Bauwerk mit seinen 139 Zellen, den schweren Eichentüren, den Ketten, den eisernen Ringen an den Wänden und den schmalen schießschartenartigen Fenstern eher an ein Gefängnis als an ein Krankenhaus erinnert, dokumentiert dieses Gebäude doch den Beginn der „Irrenpflege“ in Europa. So befremdlich und unmenschlich uns diese „Pflege“ heute auch erscheinen mag, der Narrenturm war zur Zeit seiner Errichtung ein riesiger Fortschritt in der Pflege von Geisteskranken und linderte deren Schicksal in Wien dramatisch. Bis dahin hatte man die „Wahnwitzigen“ wie Verbrecher in alte Gefängnisse eingesperrt und „ließ sie in ihrem eigenen Unrathe verfaulen“, und das nicht nur in der Habsburger-Monarchie. Der Narrenturm war das einzige Gebäude, das im Zuge der Gründung des Allgemeinen Krankenhauses im Jahr 1782 tatsächlich von Grund auf neu errichtet wurde. Für den gewaltigen Komplex des Allgemeinen Krankenhauses ließ Josef II. ja das bereits bestehende Großarmenhaus „nur“ baulich adaptieren.

Eigenwilliger Bau

Architektonisch ist der eigenwillige, festungsartige Baukörper ein Unikum und bis heute heftig diskutiert. Es scheint gesichert, dass der Kaiser selbst großen Einfluss nahm. Er kannte vermutlich, wie sein planungsbeauftragter Spitalsdirektor, der Arzt Joseph von Quarin, die monumentalen, aber nie ausgeführten Pläne für das riesige, ebenfalls kreisrund und radial geplante Pariser Zentralspital, das Hôtel Dieu. Orientierte sich der Bau an dieser damals aktuellen französischen Revolutionsarchitektur oder war es nur die Sparsamkeit des Kaisers, der hier auf kleinstem Raum möglichst viele Patienten unterbringen wollte? Der Narrenturm ist sicher kein so genanntes „Panoptikum“, ein Gebäudetypus, der die Überwachung einer größtmöglichen Anzahl von Menschen mit geringstem Personalaufwand sichern soll. Bei einem derart konstruierten Gebäude haben wenige Wärter im Zentrum eines zylindrischen Gebäudes einen perfekten Einblick in alle Zellen: eine ideale Konstruktion für Gefängnisse, Fabriken, Krankenhäuser, Schulen und natürlich auch Irrenanstalten. Der Narrenturm als panoptisches System ist eine These, die immer wieder in architektonischen Beschreibungen auftaucht, aber mit Sicherheit falsch ist, wie man sich bei einem Rundgang im Turm leicht selbst überzeugen kann. Die Zellen sind ringförmig außen herum angeordnet und konnten so von den Wärtern im Sehnengebäude, das den runden Innenhof in zwei kleine Segmente teilt und in allen Geschossen mit dem Ringbau verbunden ist, nicht eingesehen werden. Eher unwahrscheinlich erscheint auch die These von Alfred Stohl, der im Narrenturm „Europas einziges erhaltenes Großdenkmal der Alchemie“ sieht, und dies mit einer wilden Mischung aus Numerologie, Zahlenmystik, Tarot, Astronomie und okkulter hermetischer, rosenkreuzerischer und freimaurerischer Symbolik zu entschlüsseln versucht.

Blitzableiter oder Blitzfänger?

Höchst interessant dagegen ist die Geschichte der Blitzableiter im Narrenturm, die der Architekt DI Thomas Kratschmer berichtet. Am ältesten Modell des Narrenturms, das möglicherweise sogar das Baumodell ist, findet sich entlang des Dachfirstes ein kreisförmiger Draht mit vier eisernen Spitzen: eindeutig ein Blitzableiter. Seine Halterungen sind im Innenhof des Turms noch im Original erhalten. Laut Kratschmer sind es die Reste eines der ältesten Blitzableiters der Welt, vielleicht sogar des ältesten. Benjamin Franklin erfand den Blitzableiter 1752 und unabhängig von Franklin baute 1754 der mährische Pfarrer Prokop Divis den weltweit ersten geerdeten Leiter in seinem Pfarrgarten in Primetice. Divis wollte damals aus der Atmosphäre Elektrizität absaugen und so Gewitter verhindern. Daneben experimentierte Divis auch mit Reibungselektrizität und versuchte diese „neu entdeckten Kraft“ medizinisch anzuwenden und seine Patienten mit schwachen Strömen zu heilen. Josef II. waren Divis’ Versuche bekannt, und da er immer an nützlichen Erfindungen interessiert war, scheint es nicht ungewöhnlich, dass er am Narrenturm, eröffnet am 19. April 1784, einen solchen geerdeten Leiter installieren ließ. Ob tatsächlich als Blitzableiter oder aber als Blitzfänger zur Behandlung der Insassen, ist nicht geklärt und wird sich wohl auch nie klären lassen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 1/2006

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