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9. Jänner 2006

Einsatz von „Suchtgift“ ohne Sucht und Gift

Trotz guter Wirksamkeit und Verträglichkeit herrscht hierzulande noch große Skepsis bei Ärzten und Patienten bezüglich der Anwendung starker Analgetika.

Noch Anfang der Achtzigerjahre wurde auch bei starken Schmerzen Morphin sehr zurückhaltend verabreicht. „Die Patienten schwankten zwischen starken Schmerzen und Entzugsyndrom. Dies wurde auch für die Gefährlichkeit des Arzneimittels fehlinterpretiert“, erklärte Prof. Dr. Eckhard Beubler, Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Medizinischen Universität Graz, beim zehnten Internationalen Schmerzsymposium Ende Februar in Wien. Schließlich wurde vor 20 Jahren in Österreich eine Morphin-retard-Form eingeführt. Sie machte den Patienten unabhängig von der Anwesenheit eines Arztes.

Langsame Akzeptanz

Es dauerte lange, bis das Morphin in Österreich Akzeptanz fand. Doch mittlerweile konnten andere europäische Länder sogar überflügelt werden. Dennoch wird die Verschreibung starker Analgetika in Österreich nach wie vor restriktiv gehandhabt. Beubler sieht die Ursachen in einer starken psychologischen Abneigung bei Ärzten und Patienten. Vor allem, wenn Opiate bei nicht-tumorösen Geschehen und bei Kindern zum Einsatz kommen sollen. Der Verwaltungsaufwand bei der Verschreibung ist nach wie vor groß. Obwohl es in Österreich ein mittlerweile reformiertes Suchtmittelgesetz gibt, lässt die weiterhin aufrechte Bezeichnung „Suchtgiftrezept“ viele Kollegen Abstand davon nehmen. Weder bestünde jedoch bei qualifizierter Gabe von Opioiden Suchtgefahr, noch seien diese giftig. Vielmehr wären die Substanzen gut verträglich. Organschäden kämen bei starken Analgetika nicht vor.

Weitere Retardformen

In den vergangenen Jahren kamen „neue“ Opioide in Retardform, zur Zulassung. „Neu“ waren die Substanzen nicht, schließlich sind sie seit den 20er Jahren bekannt. Hydromorphon zeichnet sich durch einen günstigeren Metabolismus als Morphin aus und ist auch gut für ältere Patienten geeignet. Die jüngste Entwicklung stellt eine Retardform mit Oxycodon dar. Beubler: „Sie hat den Vorteil, rein phonetisch nicht nach Morphin zu klingen.“ Das bereits 1914 synthetisierte Oxycodon hat, so Beubler, „eine perfekte Resorptionsrate und eine gute Galenik. Es kommt zu einer raschen Anflutung und lang anhaltenden Freisetzung der Substanz.“ So kommt der Patient rasch zur Schmerzfreiheit, und die Dosis kann insgesamt niedrig gewählt werden, da bei Abklingen der notwendige Wirkspiegel schnell wieder erreicht wird. Das vermindert auch die Gefahr von Nebenwirkungen. Für subchronische und chronische Schmerzen eignet sich die Retardform, auch aufgrund der guten Steuerbarkeit. Sollten Durchbruchsschmerzen auftreten, so gibt es auch schnell wirksame Arzneiformen: „Der Patient, der auf die Retardform gut eingestellt und mit der schnell wirkenden Form vertraut ist, lebt in Sicherheit, keine Schmerzen erleiden zu müssen.“„In Österreich wird dem Schmerz langsam ein wichtigerer Stellenwert beigemessen“, gibt sich Beubler optimistisch. Es scheint sich langsam herumzusprechen, dass eine effiziente Schmerztherapie durch ausgebildete Experten und Kompetenzzentren Sinn macht. Das Wissen um den richtigen Umgang mit Opioiden sei eine wichtige Voraussetzung für deren gefahrlosen Einsatz.

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