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9. Jänner 2006

Neuropathischer Schmerz: Augenmerk auf Anamnese

Schmerzen und ihre Entstehungsmodi sind komplex. Die Erkenntnis, dass gleiche Schmerzformen bei Patienten mit unterschiedlichen Grunderkrankungen einhergehen, führt derzeit zu einem revolutionären Umdenken in der Therapie. Die Behandlung des Schmerzes konzentriert sich nicht mehr allein auf die Grunderkrankung, sondern jeder Schmerzmechanismus wird in Zukunft gezielt berücksichtigt werden – Voraussetzung ist eine exakte Symptomanalyse.

Im Jahr 1803 isolierte der Apotheker Friedrich Wilhelm Sertümer erstmals Morphin. Wo stehen wir heute? „Wir müssen beschämt zur Kenntnis nehmen, dass über 85 Prozent der Patienten mit problematischen Schmerzerkrankungen nicht beziehungsweise unzureichend versorgt sind“, sagten die Neurologen OA Dr. Christian Lampl, Leiter der Schmerzklinik am AKH Linz, und Prof. Dr. Stefan Quasthoff, Univ.-Klinik für Neurologie, Graz, bei der 3. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie Mitte April in Graz. Der neuropathische Schmerz ist eine pathophysiologische Reaktion, die durch eine primäre Läsion oder Fehlfunktion des Nervensystems (sowohl PNS als auch ZNS) initiiert oder verursacht wird. Wichtig sind Charakter und Dauer der Schmerzen. „Da verschiedene Erkrankungen, wie beispielsweise die diabetische Polyneuropathie, die post-herpetische Neuralgie oder auch Amputationen, zum gleichen Schmerzsyndrom führen können, ist es nicht zielführend, die Pathophysiologie des neuropathischen Schmerzes an bestimmten Krankheitsentitäten zu fixieren“, betonte Quasthoff.

Empfindungsverlust und gestörte Empfindungen

Klinisch sind neuropathische Schmerzen durch Brennen, Kribbeln sowie durch eine Überempfindlichkeit gegenüber Berührung und Kälte bzw. Wärme charakterisiert. Der Schmerz kann als spontaner Dauerschmerz auftreten, einschießen oder evoziert werden. Typische Kennzeichen sind ein Empfindungsverlust und gestörte Empfindungen – meist in Koexistenz. Es finden sich positive und negative sensorische Symptome (s. Tabelle). Eine Überschneidung von neuropathischen und nozizeptiven Schmerzen ist möglich.„Therapeutisch sollten einige Grundregeln beachtet werden“, sagte Prof. Dr. Ralf Baron, Sektion für neurologische Schmerzforschung und Therapie, Klinik für Neurologie, Christian-Albrechts-Universität, Kiel. „Die Möglichkeiten einer kurativen oder kausalen Therapie sollten ausgeschöpft werden. Das wirksame Medikament muss bei jedem einzelnen Patienten durch Erprobung unter Berücksichtigung des individuellen Beschwerdebildes bei Berücksichtigung der Nebenwirkungen und Kontraindikationen gefunden werden.“ Jeder Patient benötigt eine individuelle Dosierung in Abhängigkeit von Wirkung und Nebenwirkung. Auf eine sorgfältige Titration ist zu achten. „Die Wirkungslosigkeit des Medikamentes sollte erst nach zwei bis vier Wochen unter ausreichender Dosierung beurteilt werden“, so Baron. „Einzeldosen und Applikationsintervalle müssen je nach Pharmakokinetik und Interaktionsprofil bemessen werden. Kombinationspräparate mit Koffein, Benzodiazepinen oder Muskelrelaxantien sind nicht indiziert.“ Aufgrund der derzeitigen Evidenz empfiehlt Baron folgende Basistherapie: Antidepressiva (trizyklische Antidepressiva, SNRI), Antikonvulsiva mit Wirkung auf neuronale Kalziumkanäle (z.B. Gabapentin, Pregabalin), Antikonvulsiva mit Wirkung auf neuronale Natriumkanäle (z.B. Carbamazepin, Lamotrigin), lang wirksame Opioide, topische Therapien. „Hundertprozentige Schmerzfreiheit ist leider nicht zu erreichen. Besprechen Sie eine Lebensqualitätsverbesserung“, so der Rat der Experten.

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Dr. Sabine Schneider, Ärzte Woche 29/2003

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