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9. Jänner 2006

Ist Störung im Gehirn Ursache von Fibromyalgie?

Die Ätiologie des Syndroms Fibromyalgie ist weitgehend noch unklar. Etwa drei Prozent der Bevölkerung, meist Frauen zwischen 35 und 50 Jahren sind betroffen.

Als „illness without disease“ mit spärlichen objektiven Befunden ist die Fibromyalgie prädestiniert, als psychosomatisch zu gelten. Nun gibt es Hinweise, dass bei den betroffenen Patienten die Schmerzverarbeitung im ZNS gestört ist. Normalerweise sorgt ein geregeltes Zusammenspiel aufsteigender erregender und absteigender hemmender Einflüsse für eine normale Schmerzempfindung. Eine gestörte Hemmung im Hinterhorn etwa kann Allodynie, Hyperalgesie und Spontanschmerz hervorrufen. Im Allgemeinen werden als Schmerzursache Störungen im Chloridtransport in den Nervenzellen infolge einer Läsion sowie eine vermehrte Auslösung von Schmerzreizen über spannungsabhängige Natrium-Kanäle diskutiert. Nach Ansicht von Prof. Burkhart Bromm aus Hamburg erklären diese Fehlfunktionen in der Nervenzellphysiologie die meist chronischen Schmerzen bei Fibromyalgie-Patienten aber nicht hinreichend. Für den Neurophysiologen liegt die Ursache vermutlich auf höherer Ebene.

Kommunikationsstörung im Schmerz-Hemmsystem

Er geht von einer Kommunikationsstörung zwischen Frontalhirn, Cingulum und Kern-Arealen im Bereich des Aquäduktes aus, wo die Zentren des absteigenden Schmerz-Hemmsystems liegen. „Bei Fehlleistungen dieses Systems werden die Patienten hypersensitiv, nicht nur gegen Schmerz, sondern auch gegen andere somatosensorische Reize“, sagte Bromm bei einem Symposium im Rahmen des Deutschen Schmerztages in Frankfurt am Main im März 2005. Seine These fand der Neurophysiologe in einer Studie mit zehn Fibromyalgie-Patientinnen und zehn gesunden Frauen bestätigt. So ließen sich bei den Kranken vermehrt somatosensorisch evozierte Potenziale messen, als er alle Frauen standardisierten Laserreizen im Infrarotbereich aussetzte. Die Frauen mit Fibromyalgie empfanden die Hitzereize zudem deutlich schmerzhafter als die gesunden Frauen. Auffällig war auch eine erhöhte Aktivität im Gyrus cinguli. „Hier wird das eigentlich Quälende, Beängstigende, Folternde des Schmerzes generiert“, so Bromm. Erhöht man die Aufmerksamkeit – etwa durch akustische Signale, die mit dem Laserreiz verknüpft sind – nimmt auch bei Gesunden die Aktivität des Gyrus cinguli zu. Da Aufmerksamkeit für Schmerzen situations- und persönlichkeitsgebunden ist, kann rasch ein Teufelskreis entstehen, so Bromm. Bei gleichzeitiger Psycho- und Bewegungstherapie greife auch eine medikamentöse Behandlung eher, etwa mit trizyklischen Antidepressiva, Myotonolytika oder dem Serotonin-Antagonisten Tropisetron, erklärte Prof. Walter Ziegelgänsberger aus München.

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