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9. Jänner 2006

Unzureichende Schmerzversorgung in Österreich

„Schmerztherapeutische Betreuung bedeutet nicht nur die Gabe von Schmerzmedikamenten, sondern sie muss in ein auf den Patienten zugeschnittenes Schmerzmanagement und eine reflektierende Schmerzkommunikation münden“, erklärte Dr. Christian Lampl, Leiter der Schmerzklinik am AKH Linz in einem Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE.

Einer repräsentativen Fessel/Gfk-Umfrage aus dem Jahr 2004 unter 1.000 Österreicherinnen und Österreichern zufolge leiden bzw. litten zehn Prozent der Österreicher unter schweren dauerhaften Schmerzen. Vier Prozent der Österreicher (320.000 Menschen) sind derzeit von anhaltenden und schweren Schmerzen betroffen. Sechs Prozent (480.000 Menschen) haben quälende Schmerzerfahrungen bereits in ihrem Leben gemacht. Nur rund 130.000 dieser Patienten mit dauerhaften schweren Schmerzen werden in Österreich ausreichend behandelt. 21 Prozent der Österreicher leiden ständig unter Schmerzen (Pain in Europe, 2004). Die 41- bis 50-Jährigen haben mit 22 Prozent den größten Anteil. Nicht weniger als 20 Prozent verlieren nur wegen Schmerzen ihren Job. Die größte Schmerzgruppe sind jene mit Bandscheibenschäden (26 %), arthritischen Beschwerden (17 %) und Migräne (11 %).

Ausbildung strukturieren

„Die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) strebt eine verstärkte Förderung und Strukturierung der Ausbildung im schmerztherapeutischen Bereich an. Um dieses Ziel auch möglichst rasch und praxisnah umsetzen zu können, wurde eine ,Schmerzakademie der ÖGN‘ ins Leben gerufen“, so Dr. Christian Lampl, Leiter der Schmerzklinik am AKH Linz.

Von sinnvoll abgestimmter Versorgung noch weit entfernt

„Weit über 90 Prozent der Schmerzkranken könnten ambulant behandelt werden. Von einer sinnvoll abgestuften Versorgung durch den Hausarzt, einen Schmerzarzt (z.B. Neurologe, Anästhesist,...) und einer interdisziplinären Schmerzambulanz oder Schmerzabteilung, wie sie in anderen Bereichen der Medizin selbstverständlich ist, sind wir noch weit entfernt.“ Da die überwiegende Mehrzahl der Schmerzkranken ambulante Patienten sind, die über Jahre oder gar lebenslang behandlungsbedürftig bleiben, ist deren Behandlung primär Aufgabe des niedergelassenen Arztes. Da chronische Schmerzen sich an kein einzelnes Fachgebiet halten, sondern die Fachgebietsgrenzen überschritten haben, muss deren Behandlung fächerübergreifend sein.

Schmerzpatient „gehört“ keinem bestimmten Facharzt

„Der Schmerzpatient ,gehört‘ keinem bestimmten Facharzt, sondern er gehört in die Behandlung des kompetenten Arztes, der sich speziell auf die Behandlung chronisch Schmerzkranker vorbereitet und eingerichtet hat. Schmerztherapie bedeutet zu über 50 Prozent differenzierte Gesprächsleistungen, die besondere Fort- und Weiterbildung und Erfahrung erfordern: Über den Umgang mit der Krankheit, über Integration der Krankheit in den Alltag, über Auswirkungen der Krankheit auf Aktivitäten, Wohlbefinden, Stimmung – und umgekehrt. Es handelt sich um Erörterungen, konfliktzentrierte, motivationsfördernde, psychotherapeutische und psychiatrische Gespräche“, betont Lampl.

Schmerz als Ursache von Depressionen

Bei so gut wie allen Patienten finden sich erklärbare und meist auch nachfühlbare reaktive und schmerzbedingte Depressionen. Die psychosozialen Auswirkungen bei diesen Patienten sind offensichtlich und nachfühlbar: Familiäre Probleme, sozialer Rückzug, Probleme am Arbeitsplatz, drohende oder eingetretene Arbeitslosigkeit bzw. vorzeitige oder verweigerte Berentung mit finanziellen Einbußen und sozialem Abstieg, gefährdetes oder verloren gegangenes Selbstwertgefühl, zumindest zeitweilige Suizidalität.

Wege, die von den Empfehlungen abweichen

Schwer Schmerzkranke wurden noch bis vor kurzer Zeit von der universitären Betrachtungsweise praktisch ausgeschlossen. Therapiestandards haben außerdem den bekannten Nachteil, dass höchstens 70 bis 80 Prozent der Betroffenen von ihnen profitieren können; das gilt auch bei „einfachen”, monosymptomatischen chronischen Schmerzen. Für 20 bis 30 Prozent der Patienten müssen Wege gefunden werden, die von Empfehlungen abweichen. Bei den wenig oder nicht invasiven und aktivierenden Verfahren sind besonders die Akupunktur, die transkutane elektrische Nervenstimulation (eigenverantwortlich zu Hause anwendbar), die Psycho- und die Physiotherapie zu nennen. Patienten sollen so weit wie möglich Eigenverantwortlichkeit und Einflussnahme auf die Schmerzen und deren Auswirkungen zurückgewinnen.Über 85 Prozent der Patienten mit problematischen Schmerzkrankheiten sind nicht bzw. unzureichend versorgt. Selbst in der Terminalphase ihrer Krebserkrankung bekommt nur eine Minderheit der betroffenen Patienten Opiate in angemessener Dosierung. „Ausreichende Schmerzlinderung ist nur zum Teil mit Medikamenten zu erreichen. Wir wissen, dass Verständnis, Zuwendung, soziale Kontakte, Hoffnung, Aktivität und Wahren der Würde zur Linderung beitragen, außerdem, dass Einsamkeit, Depression, Hoffnungslosigkeit und Angst Schmerzen verstärken können“, betont Lampl.

Dr. Karin Reischl, Ärzte Woche 29/2003

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