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20. Dezember 2005

Elektrounfälle museal aufbereitet (Altes Medizinisches Wien 1)

Die "Lange Nach der Museen" in Wien am 5. Oktober ist die letzte Gelegenheit, die weltweit einzige elektropathologische Sammlung zu sehen. Das Museum ist untrennbar mit dem Namen Stephan Jellinek verbunden. Der Bogen der ausgestellten Objekte spannt sich von grausigen Unfällen über kriminelle und militärische Stromfallen bis zu Kadavern von Tieren, die durch Erdschluss ganze Städte lahm legten.

1885 gab es in Paris den ersten tödlichen Unfall durch elektrischen Strom. Die Ärzte standen den Schädigungen durch Elektrizität zunächst recht hilflos gegenüber. Über die Ursache des Todes herrschte allgemein Unklarheit. Nur eines schien festzustehen: Ein Stromschlag von einer bestimmten Intensität wurde als absolut tödlich angesehen. Wiederbelebungsmaßnahmen am Unfallort wurden daher gar nicht erst begonnen. 

Erste Forschungsarbeiten 

In dieser Situation begann ein junger Assistenzarzt im Wiedener Krankenhaus, Stephan Jellinek (1871 bis 1968), mit seinen Forschungsarbeiten über Elektrounfälle bei den Wiener Elektrizitätsarbeitern. Bei jedem Elektro-Unfall, sei es im Haushalt, bei Starkstromarbeiten oder bei Unfällen durch Blitz, erschien Jellinek am Unfallort, um zu helfen. Durch seine völlig selbstlose Tätigkeit, er wurde für seine Einsätze nicht bezahlt, wurde er in Wien bei den Arbeitern zu einer Berühmtheit. Jellineks Forschungen über Stromunfälle machten ihn auf der ganzen Welt bekannt und stießen mehrere Dogmen der damaligen Lehrmeinung um. So behauptete er, dass die meisten der durch Starkstrom Verunglückten, die man allgemein für tot hielt, nur scheintot seien. Durch unermüdliche künstliche Beatmung und Wiederbelebung könne man sie oft wieder zum Leben erwecken.
Das zweite Dogma betraf die Amputation von elektrisch verletzten Extremitäten. Jellinek konnte nachweisen, dass durch Blitz oder Starkstrom verbrannte oder zerstörte Gewebe eine weit bessere Heilungstendenz haben als normale Verbrennungen oder Verletzungen. Fast nie kommt es zu schweren Infektionen und Sepsis. Man konnte daher konservativ behandeln und musste nicht sofort amputieren. 1929 wurde für Stephan Jellinek eine eigene Lehrkanzel für Elektropathologie an der Wiener Universität geschaffen. Aus allen Teilen der Welt kamen Ärzte und Techniker, um bei ihm zu lernen. Die Lehrkanzel für Elektropathologie war die erste und die einzige der Welt. 1936 wurde sein elektropathologisches Museum im Allgemeinen Krankenhaus glanzvoll eröffnet. Dabei übergaben Arbeiter der Wiener Elektrizitätswerke ihrem Freund und Helfer, Stephan Jellinek, eine für die damalige Zeit beachtliche Spende von tausend Schilling, die sie für "ihr" Museum gesammelt hatten.

Österreich verlassen

Nach der Besetzung Österreichs musste Jellinek 1938 Wien verlassen. Er wanderte nach England aus und lebte dort bis zu seinem Tod 1968 in Oxford. Die Sammlung wurde 1980 der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt und dem Österreichischen Verband für Elektrotechnik (ÖVE) übergeben. Das Museum ist heute im ÖVE durch eine eigene Sektion vertreten. Die Ausstellung selbst ist in mehrere Bereiche unterteilt. Im ersten Raum wird drastisch vor Augen geführt, dass nicht nur "museale" Geräte gefährlich sind, sondern dass auch durchaus moderne Geräte zum Teil erhebliche sicherheitstechnische Mängel aufweisen, die aber ohne genaue Prüfung nicht erkennbar sind. 
An Hand von Bildern, Wachsmodellen, Fotos und Feuchtpräparaten werden in den nächsten Abteilungen Unfallbeispiele mit zum Teil entsetzlichen Verletzungen und Verbrennungen durch Elektrizität und deren Heilungsverläufe anschaulich präsentiert. Eindrucksvoll sind die Spuren, die der Strom an der Übertrittsstelle auf der menschlichen Haut zurücklässt: von kleinen fast unsichtbaren Strommarken über die bäumchenartigen "Blitzfiguren" bei Hochspannungsunfällen und die durch einen Lichtbogen verdampfte Kette mit "Metallisation" der Haut bis zu schweren Verbrennungen und Gewebszerstörungen.

Kuriositäten

Abbildungen von kriminellen Stromfallen und Rekonstruktionen von Selbstmorden durch Strom gehören ebenso zur Sammlung wie Präparate von Schlangen, Katzen, Eichkätzchen und Fröschen, die Stromausfälle verursacht haben. Die Ringelnatter, die durch einen Erdschluss ganz Klagenfurt für kurze Zeit stromlos machte, ist ebenso vertreten wie ein Zeitungsartikel über die Maus, die 1976 die Börse von Buenos Aires durch einen Kurzschluss in der Computeranlage lahmlegte. Der 5. Oktober 2002 ist die letzte Gelegenheit, die Sammlung in dieser Form zu sehen. Das Museum muss den jetzigen Standort räumen, die Objekte werden in einem Lager verschwinden. Das weitere Schicksal der Sammlung ist ungewiss.

Elektropathologisches Museum, 1160 Wien, Gomperzgasse 1-3
Besichtigungen nur in Gruppen nach telefonischer Vereinbarung unter (01) 4892080.
Letzte Möglichkeit 5. Oktober 2002.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 29/2002

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