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20. Dezember 2005

Die blühende Apotheke mitten in Wien (Altes Medizinisches Wien 2)

Als riesiges, wildromantisches und informatives Freilichtmuseum mit über 9.000, sich praktisch täglich verändernden Exponaten präsentiert sich der Hortus Botanicus Vindobonensis zwischen Rennweg und Gürtel im dritten Wiener Gemeindebezirk. In den Sommermonaten gibt es Führungen durch den Garten. Uralte Heilpflanzen können dabei in Augenschein genommen werden.

Hilfswissenschaft

Die "scientia amabilis", die Botanik war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Hilfswissenschaft der Medizin, die als Teil der Arzneimittellehre gemeinsam mit Chemie an der medizinischen Fakultät gelehrt wurde.
An der Wiener Universität erhielt die Botanik erst 1850 eine eigene Lehrkanzel. Aber auch ohne als eigenes Fachgebiet zu gelten, betrieb man wissenschaftliche Botanik in Wien bereits ab dem Mittelalter.
Der 1394 von Padua nach Wien berufene Arzt Galeazzo di Santa Sofia - einer der bedeutendsten Ärzte seiner Zeit, er führte unter anderem den Anatomieunterricht in Wien ein - unternahm bereits mit seinen Studenten so genannte Herbulationen, botanische Exkursionen, in die Umgebung Wiens.
Er hatte erkannt, dass das Studium der Pflanzen nicht durch Bücher, sondern nur in der Natur erfolgen konnte. Da Exkursionen mühsam und zeitaufwendig waren, begann man Mitte des 16. Jahrhunderts mit der Anlage von botanischen Gärten. Der erste Garten dieser Art entstand1545 in Padua. Da sich diese "blühenden Apotheken" für die Unterweisung der Medizinstudenten hervorragend eigneten, entstanden bald in ganz Europa akademische botanische Gärten. 

Verwüstet

Der erste "hortus medicus" in Wien entstand 1655 in der Rossau, damals eine Vorstadt Wiens, heute ein Teil des neunten Wiener Gemeindebezirks. Während der Türkenbelagerung 1683 komplett verwüstet, verschwand der Garten vollständig, zuletzt auch aus Geldmangel.
Die Universität Wien erhielt erst 1754 ihren "botanischen Garten". Kaiserin Maria Theresia ließ den "Hortus Botanicus Universitatis Vindobonensis" zwischen Rennweg und Gürtel auf Anraten ihres Leibarztes van Swieten anlegen, um darin "die zur Arznei gehörigen aus- und inländischen Kräuter zur Belebung der Wissenschaft zu pflanzen und wo den der Heilkunde Beflissenen, die Kenntnis und Wirkung der Pflanzen an bestimmten Tagen beigebracht werden sollen".

Unterrichts-Grundlagen

1768 wurde der berühmte Arzt, Chemiker, Botaniker und Mineraloge Nikolaus Joseph Freiherr von Jacquin (1727-1817) Direktor des Gartens. Neben einigen Prachtbänden, die mit ihren hervorragenden Pflanzenbildern zu den großartigsten Büchern zählen, die die Botanik kennt, verfasste er auch die "Anleitung zur Pflanzenkenntnis nach Linnes Methode", die Grundlage des Botanikunterrichts an der Wiener Universität. Mit Nikolaus Jaquin begann die große botanische Tradition Wiens.

Schwere Grabsteine

Beim großen Wasserbecken im Botanischen Garten befinden sich heute die Grabsteine von Nikolaus Jaquin und seinem Sohn Joseph, der seinen Vater als Direktor des Gartens ablöste. Die Grabsteine wiegen jeweils etwa eine Tonne und wurden 1976/77 von Gärtnern aus Kostengründen mit einem Handwagerl aus dem Depot für historische Grabsteine der Gemeinde Wien hierher gebracht. Nach dem Transport waren die Gummiräder plattgewalzt.
Seine heutige Form erhielt der Garten im Wesentlichen am Beginn des vorigen Jahrhunderts. Um 1890 installierte man die Gewächshausanlage, die heute nahezu unverändert besteht. Der Wiederaufbau des während des Zweiten Weltkrieges fast völlig zerstörten Gartens war erst zu Beginn der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts abgeschlossen. 
Die Heilpflanzen, deren Anbau und Studium ursprünglich der Hauptzweck des Gartens war, werden heute vorwiegend im so genannten Nutzpflanzengarten im Osten der Anlage kultiviert. Der erwerbsmäßige Anbau von Heilpflanzen für medizinisch-pharmazeutische Präparate wird ja schon lange nur mehr in speziellen Gärtnereien betrieben. Der botanische Garten zieht heute Heilpflanzen nur als Unterrichtsmaterial für Studenten heran. Im Nutzpflanzengarten finden sich neben den bekannten klassischen Heilpflanzen auch noch eine Reihe alter Volksheilpflanzen, von denen manche neuerdings wieder modern werden. Im Gefolge der "naturnahen" Heilmethoden wird so manche uralte Heilpflanze wiederentdeckt und auch eingesetzt, leider meist kritiklos. 

Lebende Fossilien

Neben den Heilpflanzen, die heute nur einen kleinen Teil des Pflanzenbestandes ausmachen, bietet der botanische Garten eine überwältigende Fülle von bemerkenswerten Gewächsen. Eine Baumsammlung von rund 1.000 Bäumen, ein "Alpinum" mit zahlreichen Wildpflanzen aller Hochgebirge der Erde, Wasserbecken mit der Vegetation von heimischen Tümpeln und Teichen, Tropenbecken, "lebende Fossilien", die schon vor etwa 200 Millionen Jahren auf der Erde lebten, Gemüsepflanzen, Gewürzpflanzen und eine Menge zum Teil bereits historischer Kulturpflanzen geben ein eindrucksvolles Bild von der Vielfalt der Pflanzenwelt unserer Erde. Und dennoch sind die etwa 9.000 verschiedenen Pflanzenarten des Hortus Botanicus Vindobonensis nur ein Bruchteil - etwa zwei Prozent - der heute auf der Erde lebenden höheren Pflanzen. 
In den Monaten Juni, Juli und August finden jeden ersten und dritten Mittwoch um 16.30 Uhr Führungen durch den Garten statt. Der Treffpunkt ist vor der Portiershütte beim Haupteingang Mechelgasse 2. Das Programm der Führungen ist in den Schaukästen bei den Eingängen angeschlagen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 30/2002

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