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20. Dezember 2005

Franz Schuh - Wundarzt aus Scheibbs (Altes Medizinisches Wien 3)

Franz Schuh (1804 bis 1865) war Chirurg und Arzt. Er führte als einer der Ersten weltweit erfolgreich die Punktion eines Herzbeutel-
ergusses durch. Schuh zeigte damit seinen Kollegen eindrucksvoll, wie wichtig die physikalische Krankenuntersuchung selbst für Chirurgen ist. Er war es, der die Erkenntnisse eines Rokitanskys und die exakten Untersuchungsmethoden eines Skodas mit der damals rein handwerklich betriebenen Chirurgie zusammenführte und so den Weg für Billroth ebnete.

Medizinische Sensationen

Im 10. Wiener Gemeindebezirk mündet nahe der Spinnerin am Kreuz die Franz Schuh-Gasse in die Triesterstraße. 
Kaum jemand weiß heute, wer dieser Franz Schuh war. Dabei sorgte Schuh zu seiner Zeit für international beachtete medizinische Sensationen und war um 1840 auch noch etwas ganz Besonderes: Chirurg und Arzt.
Medizin und Chirurgie waren noch getrennt, einen medizinischen Einheitsstand gab es erst ab 1872. Es gab aber bereits Doktoren der Medizin, die sich als Wundärzte betätigten. Franz Schuh war einer davon. Primarwundarzt und Universitätsprofessor im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. 

Verknüpfung

Die grundlegenden pathologisch-anatomischen Erkenntnisse Karl Rokitanskys und die physikalische Diagnostik, die Joseph Skoda für die innere Medizin zur Perfektion gebracht hatte, verknüpfte Franz Schuh mit der bis dahin rein handwerksmäßig betriebenen Chirurgie. Durch das Betasten, Beklopfen und Abhorchen sowohl der Brust als auch des Bauches konnte Schuh zeigen, wie wertvoll die physikalische Untersuchung auch für die Chirurgie sein konnte. In vielen Fällen waren und sind trotz aller technischen Möglichkeiten auch heute noch die Ergebnisse der physikalischen Untersuchung ausschlaggebend für einen operativen Eingriff.
Durch die Methoden Skodas, die er in Tierversuchen überprüfte, lernte Schuh, Ergüsse im Brust- und Bauchraum zu erkennen, zu überwachen und auch zu behandeln. Nach genauer physikalischer Untersuchung führte er 1840 weltweit eine der ersten Punktionen eines Herzbeutelergusses durch: 
"Der erste Einstich mißlang, und es entleerte sich nur wenig Flüssigkeit. Die zahlreich anwesenden Ärzte hielten den Eingriff schon für verfehlt, die Patientin war missmutig. Trotzdem stach Schuh einen Zwischenrippenraum tiefer nochmals ein. Jetzt entleerte sich viel Flüssigkeit, wodurch sich die Patientin sehr erleichtert fühlte", soweit der Bericht eines Augenzeugen. 
Schuh erreichte damit eine beachtliche internationale Aufmerksamkeit. Wegen der Gefahr der Infektion wurden Punktionen aber nur bei lebensbedrohenden Zuständen durchgeführt. Tödliche Wundinfektionen nach durchaus gelungenen operativen Eingriffen waren alltäglich.

Äthernarkose

Seinen Wagemut dokumentiert auch eine andere Geschichte: Aus einer Tageszeitung erfuhr Schuh von der neuen amerikanischen Erfindung der Äthernarkose. Er erprobte die Methode zunächst an Tieren und gesunden Menschen, bevor er am 28. Jänner 1847 als einer der ersten Chirurgen am Kontinent eine Amputation im "Ätherrausch" durchführte.
Der Internist Skoda, übrigens ein Bruder des Gründers der Skoda-Autowerke, berichtet in einem Brief: "Gestern wurde bei Schuh eine Amputation gemacht. Etwa eine Minute athmete der zu Operierende vorher Schwefeläther, wurde ganz gefühllos, und wußte beim Erwachen nach etwa drei Minuten, während welcher Zeit der Fuß abgenommen worden war, nichts von dem Vorgefallenen." 

Bösartiges Fieber

Schuh starb im Dezember 1865 an einem "bösartigen Fieber" und "Blutzersetzung". Möglicherweise eine septische Infektion. Ein Krankheitsbild, an dem wohl auch viele Patienten Schuhs zugrunde gegangen sind.
Erst zwei Jahre nach Schuhs Tod entwickelte der englische Chirurg Lister die antiseptische Methode, nach Erfindung der Narkose der wohl wichtigste Fortschritt in der Chirurgie. Dies ermöglichte bereits Schuhs Nachfolger Theodor Billroth unter wesentlich besseren Vorraussetzungen zu operieren, sich auf chirurgisches Neuland zu wagen und damit weltberühmt zu werden. 

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 31/2002

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