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20. Dezember 2005

"... Musterspital ganz nach meinen Ideen" (Altes Medizinisches Wien 4)

Das Billroth-Gedenkzimmer mit seiner kleinen, aber exquisiten Sammlung von Reliquien eines der bedeutendsten Ärzte der Medizingeschichte befindet sich heute dort, wo es sich Billroth wahrscheinlich selbst gewünscht hätte: im Rudolfinerhaus, "dem kleinen Musterspital ganz nach meinen Ideen", für dessen Verwirklichung er viele Jahre gekämpft und Geld zusammengebettelt hatte. Heute ist das Haus eines der vornehmsten Privatspitäler Wiens.

Wilde Krankenpflege

Im deutsch-französischen Krieg 1870 versorgte der Preuße Theodor Billroth, der seit 1867 in Wien lebte, als Bürger eines neutralen Staates in Weissenburg und Mannheim deutsche Verwundete. Sein Freund Jaromir Mundy organisierte zur gleichen Zeit in Paris die Pflege der Kriegsopfer auf französischer Seite. Beide lernten damals das kennen, was sie später als die "wilde Krankenpflege" bezeichneten. In seinen "Chirurgischen Briefen aus den Kriegs-Lazarethen in Weissenburg und Mannheim" gibt Billroth ausführlich Bericht über die Kriegschirurgie und beklagt sich bitter über die unsachgemäße Versorgung der Wunden durch die freiwilligen Krankenpflegerinnen. Damals keimte in Billroth der Gedanke, geeigneten Frauen und Mädchen eine nicht konfessionelle Krankenpflegerinnen-Ausbildung zu ermöglichen.

Kronprinz Rudolf als Protektor

Wieder in Wien, wurde Billroth von Mundy "halb wider Willen" in einen Verein eingeführt, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte ein "Pavillonkrankenhaus behufs Heranbildung von Pflegerinnen für Kranke und Verwundete" zu bauen. Der Verein bestand zwar schon einige Zeit, aber erst als Billroth die Idee mit Feuereifer verfocht und das Ganze zu organisieren begann, kam die Sache ins Laufen. Es gelang ihm sogar, Kronprinz Rudolf 1878 als Protektor zu gewinnen. Ab Juli 1880 trug der Verein den Namen "Rudolfiner-Verein zur Erbauung und Erhaltung eines Pavillonkrankenhauses behufs Heranbildung von Pflegerinnen für Kranke und Verwundete". 

Ohne Ordenszwang

Billroth ging es in erster Linie darum, die Krankenpflege zu verbessern und eine Pflegerinnenschule ohne geistlichen Ordenszwang zu gründen. Er wollte nicht wie üblich geistliche Schwestern einsetzen und damit unter Aufsicht und Kontrolle der Kirche arbeiten. Sein Ziel waren gut ausgebildete Laienschwestern ohne Rücksicht auf ihre Religion. Gegen diesen anti-katholischen und damit staatsgefährdenden Verein, dessen gottloses Treiben unbedingt verhindert werden musste, liefen natürlich Kirche, Orden und höchste und allerhöchste Herrschaften Sturm. Kronprinz Rudolf schrieb Billroth in einem Brief: "Der Verein hat sehr viele Feinde, das weiß ich wohl und bekam es oft zu hören; und leider in sehr maßgebenden Kreisen wird Propaganda dagegen gemacht, man kämpft, mit sehr einfachen, aber höchst unlauteren Mitteln. (...) Unser Verein wird verfolgt, weil keine Nonnen dabei sind und einige nicht als fromm angeschriebene Namen an der Spitze stehen!"

Eröffnung 1882

Billroth gelang es trotzdem, gemeinsam mit Jaromir Mundy, dem Begründer der Freiwilligen Rettungsgesellschaft in Wien, und Robert Gersuny die nötigen Mittel zusammenzubetteln und im Jahr 1882 das Rudolfinerhaus zu eröffnen und die erste interkonfessionelle Krankenpflegeschule Österreichs einzurichten.  Was Billroth im Allgemeinen Krankenhaus nicht gelang - er war ja seit 1867 Vorstand der II. Chirurgischen Klinik -, konnte er hier verwirklichen: die soziale Stellung und Ausbildung der sogenannten "Wärterinnen" zu verbessern. Als Werbung für die Schwesternschule verfasste er 1881 das Lehrbuch "die Krankenpflege im Hause und im Hospitale". In neun Sprachen übersetzt, war dieses Lehrbuch lange Zeit ein Standardwerk der Krankenpflege-Literatur. Die Autorenhonorare aller Ausgaben stellte er den "grauen Schwestern", wie die Rudolfinerinnen wegen ihrer Tracht genannt wurden, und dem Rudolfinerhaus, das ja von öffentlicher Seite keinerlei Unterstützung erhielt, zur Verfügung. 

Das letzte Skalpell

Natürlich besitzt das Billroth-Museum diesen Klassiker in allen Sprachen. Fotografien, Dokumente, Kranken-Protokolle und Publikationen zu den verschiedensten Themen dokumentieren den Lebensweg und den wissenschaftlichen Weg Billroths. Ehrenmitgliedschafts-Urkunden, Verdienstkreuze und Orden aus verschiedenen Ländern zeigen die Wertschätzung und internationale Bedeutung dieses Meisters des Skalpells. Das letzte von Billroth verwendete Skalpell, sein Tracheotomie-Besteck (eine Kassette mit Skalpellen und Kanülen, damals bei Diphtherie eine lebensrettende Notoperation), Billroths Narkoseflasche (er verwendete eine eigene Mischung, drei Teile Chloroform und je ein Teil Äther und Alkohol, die als "Billroth-Mischung" lange in Verwendung stand), von ihm selbst operativ entfernte Geschossstücke von Verwundeten aus der Schlacht bei Weissenburg.
Ein von Billroth persönlich unterzeichnetes Schwestern-Diplom aus dem Jahr 1881, private Skizzenbücher, Gästebücher, Erinnerungsalben, seine Taschenkalender mit zum Teil sehr persönlichen Eintragungen und Bemerkungen geben der Sammlung eine intime Note und zeigen die Wertschätzung, die das Rudolfinerhaus auch heute noch seinem Gründer erweist.  Das Billroth-Gedenkzimmer wird heute noch als Besprechungszimmer genutzt und kann gegen Voranmeldung besichtigt werden.

Rudolfinerhaus Wien, 19. Bezirk; Billrothstraße 78
Besichtigung nur nach telefonischer Anmeldung.
Tel.: 360 36 6210

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 32/2002

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