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20. Dezember 2005

Die Schädel des Doktor Gall (Altes Medizinisches Wien 5)

Nur durch Betasten und Vermessen des Schädels schloss der Anatom Franz Joseph Gall Ende des 18. Jahrhunderts auf die Charakterzüge eines Menschen. Mit seiner Methode konnte er die Lage des Sprachzentrums korrekt bestimmen, seine „Kraniologie“ und später die „Phrenologie“ trieb aber seltsame Blüten, sodass seine Vorlesungen in Wien per kaiserlichem Dekret verboten wurden. In Baden bei Wien kann man die Schädel des Franz Joseph Gall besuchen.

Das Rollett-Museum

Im ehemaligen Weikersdorfer Rathaus, einem mächtigen Bau am Weikersdorfer Platz in Baden, ist die Sammlung des Wundarztes Anton Rollett (1778 bis 1842) untergebracht. Neben seiner umfangreichen Tätigkeit als Wundarzt, Accoucheur (Geburtshelfer) und Tierarzt war Rollett ein leidenschaftlicher Naturaliensammler. 1867 machte die Familie Rollett der Stadt Baden ihr „eigen-thümlich gehörendes Museum“ zum Geschenk mit der „Bedingnis“, dass diese Sammlung auch fortan den Namen „Museum Rollett“ führen solle.

Der medizinhistorisch interessanteste Teil der Sammlung kam im Jahre 1825 über Vermittlung eines Freundes in den Besitz von Rollett: die Schädel- und Büstensammlung des Hirnforschers und Anatomen Franz Joseph Gall (1758-1828).

Abtasten und vermessen

30 Jahre zuvor, um 1795, erregte Gall mit seiner neuen Schädellehre in Wien großes Aufsehen. Gall glaubte durch Abtasten und Vermessen der Kopfform und bestimmter Erhebungen oder Eindellungen des Schädels Aussagen über den Charakter eines Menschen machen zu können. Ausgangspunkt dieser Lehre waren Galls Vermutungen, dass zwischen geistigen Fähigkeiten eines Menschen und seiner äußeren Erscheinung ein Zusammenhang bestege.

Gall glaubte, dass alle Fähigkeiten und Neigungen eines Menschen ihren Sitz im Gehirn haben. Und diese gleichsam geistigen Organe glaubte er an bestimmten Stellen des Gehirns lokalisieren zu können, und je nachdem, wie ausgeprägt die Charaktereigenschaften und Fähigkeiten sind, sind die entsprechenden Hirnorgane groß oder klein. Daraus folgerte er, dass die Form des Gehirns individuell verschieden ist und sich die Schädelfläche von der äußeren Form des Gehirns bestimmt. Durch Obduktion von verstorbenen Geisteskranken aus dem Wiener „Narrenturm“ und dem Vermessen von Menschen- oder Tierschädeln mit besonders ausgeprägten moralischen oder intellektuellen Eigenschaften, ermittelte Gall 27 Grundeigenschaften, die er an der Gehirnrinde zu lokalisieren versuchte. Durch spätere Untersuchungen konnte allerdings nur die Lage des Sprachzentrums bestätigt werden.

Vorlesungen verboten

Die Lehre Galls sorgt unter dem Namen „Kraniologie“ und später „Phrenologie“ in ganz Europa und vor allem in Großbritannien für Aufregung und kontroversielle Debatten. Im Dezember 1801 wurden Galls Vorlesungen per kaiserlichem Dekret verboten: „Da über diese neue Kopflehre, von welcher mit Enthusiasmus gesprochen wird, vielleicht manche ihren eigenen Kopf verlieren dürften, diese Lehre auch auf Materialismus zu führen, mithin gegen die ersten Grundsätze der Religion und Moral zu streiten scheint, so werden Sie diese Privatvorlesungen alsogleich... verbieten lassen.“ Nur mehr vor ausländischen männlichen Hörern durfte Gall seine Lehre vortragen.

1805 begab sich Gall auf eine „kranioskopische Vortragsreise“, die fast drei Jahre dauerte. 1807 kam er nach Paris und war sogleich Mann à la mode. Er blieb in Paris. Neben seiner umfangreichen Praxis und „kraniologischen Forschung“ schrieb er hier seine beiden wissenschaftlichen Hauptwerke: „anatomie en physiologie du systeme nerveux“ und später „sur les fonctions du cerveau“.

Gall starb 1828. Seinen eigenen Schädel präparierte ein Schüler von ihm und fügte ihn der Schädelsammlung hinzu. Unter der Katalognummer 19.216 ist der Schädel heute im Museé de l´Homme in Paris gelagert.

Trotz aller Irrtümer und Auswüchse dieser etwas bizarren Schädellehre – das gegenseitige Betasten der Kopfform wurde sogar zu einem modischen Zeitvertreib in besseren Gesellschaftsschichten – darf man aber nicht vergessen, dass Franz Joseph Gall heute als einer der bedeutendsten Hirnanatomen gilt. Er verbesserte die Methoden der Hirnsektion und unterschied als einer der Wrsten graue und weiße Hirnsubstanz. Die graue Substanz erkannte er als Grundlage der Hirnfunktionen, da von ihr alle Nervenfasern entspringen. Das Wesentliche an seiner Lehre war aber die Idee, dass an der Hirnrinde bestimmte Gehirnfunktionen lokalisierbar sind. Die experimentelle Physiologie konnte Ende des 19. Jahrhunderts diese Vorstellung schließlich bestätigen.

Eindrucksvolle Sammlung

Im so genannten Gall'schen und Rollett'schen Kabinett präsentiert das Museum eine eindrucksvolle Sammlung von Schädeln, Büsten, Gipsabgüssen, Totenmasken und in Wachs nachgebildeten Gehirnen von Menschen und Tieren.

Zwischen den Gipsbüsten von Berühmtheiten, wie der einzig nachweislichen Lebendmaske von Napoleon I., findet sich die Büste von Müller Karl, der als diebischer Knabe die Ehre erhielt, in diese Sammlung aufgenommen zu werden.

Besonders interessant sind die Schädel von Patienten aus dem Narrenturm in Wien, die mit Namen, Alter, Geschlecht und psychiatrischer Diagnose katalogisiert wurden. Da findet sich zum Beispiel der Schädel eines 40-jährigen Weibes, deren Narrheit das Zerreißen der Kleidung war, oder der Schädel des Franz Scharf, der in seiner Narrheit Häuser anzündete. Merkwürdig ist die Narrheit des 395 g schweren Gehirns der Anna Schatzmayerin, einer 60-jährigen Frau, die „hat wollen die Sonne zur Welt machen“.

In der Sammlung Rolletts befindet sich auch ein Gipsabguss der Schädeldecke Ferdinand Raimunds, der 1836 in Pottenstein Selbstmord verübte.

Fülle interessanter Objekte

Neben der einzigartigen Schädelsammlung gibt es im Rolletmuseum noch eine unglaubliche Fülle von interessanten Objekten und Funden zu bewundern. Hervorzuheben sind etwa eine ägyptische Mumie, prachtvolle Herbarien und als eine Rarität besonderer Art das linksdrehende Gehäuse einer Weinbergschnecke, eine Varietät, die mit einer Häufigkeit von eins zu einer Million in der Natur vorkommt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 33/2002

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