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20. Dezember 2005

Schnabelköpfe des F. X. Messerschmidt (Altes Medizinisches Wien 7)

Natürlich ist das Österreichische Barockmuseum im Unteren Belvedere am Rennweg in Wien nicht in erster Linie aus medizinhistorischem Interesse besuchenswert. Aber ein Barockbildhauer fasziniert bis in unsere Tage nicht nur Kunsthistoriker und Künstler, sondern auch Psychiater und Psychologen: Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783). Vom 11. Oktober 2002 bis 9. Februar 2003 widmet die Österreichische Galerie Belvedere diesem außergewöhnlichen Bildhauer eine umfassende Ausstellung mit über 60 Werken. 

Nach einer Lehrzeit in München und in Graz taucht der Name Messerschmidt erstmals 1755 in der Schülerliste der Wiener Akademie auf. Der hochbegabte, aber mittellose Student verdiente sich sein Geld zunächst als Dekorateur der Kanonengießerei im Wiener Zeughaus. Die ersten bekannten Arbeiten Messerschmidts, die für den Saal des Wiener Zeughauses bestimmten Büsten Maria Theresias und ihres Gemahls, machten den Künstler wegen ihrer überragenden Qualität bekannt und verschafften ihm weitere Aufträge aus der Aristokratie. Als Hauptwerk seiner Porträtkunst gilt die von Kaiserin Maria Theresia bestellte Büste Gerard van Swietens, des Leibarztes der Kaiserin. Messerschmidt vollendete die Büste 1769.

Kuriose Geschichte

Eine kuriose Geschichte wird über diese Büste berichtet, die 1889 aus dem Allgemeinen Krankenhaus in den Arkadenhof der Universität Wien übersiedelt wurde: zwei Männer im Schlosseranzug trugen Anfang des vorigen Jahrhunderts die wertvolle Büste aus vergoldetem Blei ganz offen davon. Niemand hinderte die frechen Diebe daran. Glücklicherweise tauchte die Büste später im Kunsthandel wieder auf. Seit damals steht auf dem Originalsockel im Arkadenhof der Universität ein Bronzeabguss der Büste. Das Original befindet sich hier im Barockmuseum. 

Psychische Erkrankung

1769 erfolgte auch die Wahl Messerschmidts zum Mitglied der Akademie und seine Bestellung zum stellvertretenden Professor für Bildhauerei. In dieser Zeit begann auch seine psychische Erkrankung.Messerschmidt wurde "seiner merkwürdigen Gesundheit" wegen frühzeitig pensioniert und verlor sämtliche Aufträge des kaiserlichen Hofes in Wien. Seine bis dahin glänzende Karriere war plötzlich unterbrochen. Jetzt beginnt Messerschmidt mit den Arbeiten, die ihn - allerdings erst posthum - am bekanntesten machten: die Serie der "Charakterköpfe". Diese zu Grimassen verzerrten Köpfe haben dem Bildhauer den Ruf eines "psychopathischen" Künstlers eingetragen und beschäftigen nicht nur Kunsthistoriker, sondern auch Psychiater und Psychoanalytiker.

Zur Abschreckung

Alle diese Köpfe wurden ohne Auftrag geschaffen und kein einziger zu Lebzeiten des Künstlers verkauft, obwohl viele Interessenten hohe Summen geboten hätten. Für Messerschmidt waren diese Büsten nicht nur künstlerische Arbeiten, sondern Gesichter, die er um sich haben musste, um die Geister, die ihn quälten, abzuschrecken und zu bannen.

Messerschmidt, dessen Krankheit bis heute umstritten ist, aber möglicherweise als Schizophrenie interpretiert werden kann, konnte sich mit seiner Kunst gleichsam selbst heilen. Seine Schaffenskraft und seine Beobachtungsgabe blieben ihm bis zuletzt erhalten. Messerschmidt starb, als Sonderling verschrien, 1783 im Alter von nur 47 Jahren in Preßburg an einer Lungenentzündung.

Köpfe ohne Namen

Seit 1793 wurden die "Charakterköpfe" immer wieder als Kuriositäten ausgestellt und anlässlich der ersten Ausstellung im Wiener Bürgerspital mit erfundenen Titeln versehen. Von Messerschmidt selbst sind keine Bezeichnungen seiner Köpfe bekannt. Die reichhaltige Literatur und die Auseinandersetzung auch zeitgenössischer bildender Künstler mit den "Charakterköpfen" beweist, dass bis heute eine ungeheure Faszination von diesen, zur Selbstheilung geschaffenen Kunstwerken ausgeht. 

Von den insgesamt 69 Köpfen, die in ihrer Mischung aus anatomischer Exaktheit und grotesk komischen Grimassen auf den Betrachter verblüffend und erschreckend wirken, besitzt das Barockmuseum 16 Originale und eine Anzahl weiterer Köpfe als Gipsabgüsse. Eine Sonderstellung innerhalb der Serie nehmen die "Schnabelköpfe" ein. Objekte, die eine völlig deformierte Anatomie im Gesichtsbereich aufweisen und für den Künstler wohl eine besondere Bedeutung hatten. Für die Ausstellung im Belvedere wird die umfangreiche Sammlung des Barockmuseums durch Leihgaben aus österreichischen und internationalen Sammlungen ergänzt. 

Nikolaus Lenau bemerkte zu Franz Xaver Messerschmidt: " ...es muss etwas in diesem Bildhauer gewesen sein, das ihn leicht zum Narren hätte werden lassen, glücklicherweise lagerte es sich als Kunst in ihm ab."

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 35/2002

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