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20. Dezember 2005

Die letzten Pesttoten Wiens (Altes Medizinisches Wien 8)

Albine Pecha, eine 22-jährige Krankenschwester, und Hermann Franz Müller, ein 32-jähriger Internist, starben im Oktober 1898 im Wiener Kaiser Franz Josef-Spital an der Lungenpest. Sie waren die letzten Pesttoten Wiens. Infiziert hatten sie sich im Allgemeinen Krankenhaus. Die Porträtbüste von Hermann Franz Müller steht heute im 9. Hof des "Alten Allgemeinen Krankenhauses" in der Alserstraße im 9. Wiener Gemeindebezirk. 

Expedition nach Indien

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gehörten die großen Seuchen und Epidemien in Europa längst der Vergangenheit an. In Indien wütete aber noch im Jahr 1897 die Pest und die Akademie der Wissenschaften in Wien beschloss, einige Ärzte zu Studienzwecken nach Bombay zu entsenden. Leiter der Delegation war der Facharzt für innere Medizin an der Klinik Nothnagel, Hermann Franz Müller.
Nach drei Monaten kehrte die Expedition aus Bombay zurück. Für die mitgebrachten Pestkulturen wurde im Pathologischen Institut im Allgemeinen Krankenhaus ein eigenes "Pestzimmer" eingerichtet.
Von hier nahm die Tragödie ihren Ausgang.

Diagnose: Lungenentzündung

Der Institutsdiener Franz Barisch, für seine Liebe zum Alkohol bekannt, beging bei der Reinigung und Fütterung der Versuchstiere eine Unvorsichtigkeit und infizierte sich mit dem Pestbazillus. Als Barisch am 15. Oktober 1898 erkrankte, war man zwar beunruhigt, konnte aber zunächst keine Pestbazillen nachweisen. Franz Barisch wurde zwar im "Isolierzimmer" der Klinik Nothnagel aufgenommen, man dachte aber zunächst nur an eine ungefährliche Lungenentzündung.
Drei Tage nach Ausbruch der Krankheit war Barisch tot, die wahre Ursache seines Todes aber nicht geklärt. Erst als die zweite, mit dem Speichel Barischs geimpfte Ratte verendete und auch die bakteriologischen Untersuchungen positiv waren, bestand kein Zweifel mehr: Barisch war an Lungenpest verstorben.
Unmittelbar nach Feststehen der Diagnose wurden der behandelnde Arzt Hermann Franz Müller und die beiden Krankenschwestern, die Barisch betreut hatten, Albine Pecha und Johanna Hochecker, im Kaiser Franz Josef-Spital in einer Exspektanzbaracke hermetisch isoliert. 

"Die Pest in Wien"

Mittlerweile hatte die Presse von den Vorfällen Wind bekommen. Mit Schlagzeilen wie "die Pest in Wien" und flammenden Artikeln, wie "hinweg mit dieser Brutanstalt aller erdenklichen Krankheiten, mit dieser Pestbeule Wiens, hinweg mit dem Allgemeinen Krankenhaus", verbreitete sie Horrorvisionen über das Allgemeine Krankenhaus. "Das Geschick von Millionen Menschen sei in die zittrigen Hände eines Quartalsäufers gelegt worden".
Neben Schlamperei und Unvorsichtigkeit machte der großdeutsche Abgeordnete Gregorig wieder einmal "die Juden" und die Professoren mit ihrem "geistigen Protzertum" für die katastrophalen Zustände in den Wiener Spitälern verantwortlich.
Die Presse berichtete bereits von infizierten Ratten im Wiener Kanalnetz. Die Öffentlichkeit war in Aufruhr. In Wien herrschte Panik.
In dieser Situation starb Hermann Franz Müller am 23. Oktober 1898, zwei Tage vor seinem 32. Geburtstag, an der Pest. Er hatte jede Behandlung abgelehnt.
Auch das noch rasch mit dem Orientexpress vom Pariser Pasteur-Institut nach Wien gebrachte Serum konnte die zweiundzwanzig Jahre alte Krankenschwester Albine Pecha nicht mehr retten. Sie starb am 30. Oktober 1898. Die zweite Krankenschwester, Johanna Hochecker, konnte nach Ablauf der Quarantäne ebenso gesund entlassen werden wie Müllers Freund und Arzt Rudolf Pöch, der die letzten Opfer der Pest in Wien bis zum Schluss behandelt hatte.

"Opfer seines Berufs"

Ein Jahr später installierte Guido Holzknecht (1872 bis 1931), der große österreichische Röntgenpionier in der Kammer im Allgemeinen Krankenhaus, in der Barisch gestorben war und deren Wände Hermann Franz Müller eigenhändig desinfiziert hatte, seinen eigenen, von seiner Mutter finanzierten Röntgenapparat. Holzknecht kannte die Geschichte dieser Kammer. Auf einer Ansichtskarte mit dem Bild Müllers schrieb er seiner Schwester: "... ein Opfer seines Berufs im Dienste der Wissenschaft". Er ahnte damals noch nicht, dass er selbst einmal als Märtyrer seines Berufes in die Medizingeschichte eingehen würde.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 36/2002

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