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20. Dezember 2005

Das Museum des Blindenwesen (Altes Medizinisches Wien 9)

Das Museum des Blindenwesens im Wiener Blindenerziehungsinstitut in der Wittelsbachstraße im zweiten Wiener Gemeindebezirk ist das weltweit reichhaltigste und größte Museum seiner Art. Die Bestände der Sammlung reichen bis an den Beginn der Blindenbildung in Wien. Das 1804 von Johann Wilhelm Klein gegründete Wiener Blindenerziehungsinstitut war die erste derartige Einrichtung im deutschen Sprachraum.

Erstes Blindeninstitut

Zwanzig Jahre vorher hatte Valentin Hauy in Paris das erste Blindeninstitut der Welt ins Leben gerufen. Für die Gründung dieses Pariser Instituts war es wichtig, dass durch ein Patenkind Maria Theresias, Maria Theresia von Paradis, die von Geburt an blind war, bewiesen werden konnte, dass blind sein nicht gleichzeitig geistige Behinderung bedeutet. Maria Theresia von Paradis reiste als Konzertpianistin um die ganze Welt und erregte durch ihr virtuoses Klavierspiel, ihre eigenen Kompositionen und durch ihre Allgemeinbildung Aufsehen. In einer Vitrine im Museum sind einige Hilfsmittel, die speziell für ihren Unterricht angefertigt wurden, zu sehen. 
Auch Johann Wilhelm Klein musste zwanzig Jahre später in Wien erst der Obrigkeit beweisen, dass Blinde bildungsfähig und bildsam sind.
Als Armenbezirksdirektor war er ständig mit dem traurigen Schicksal blinder Kinder und Jugendlicher, die sich als Bettler oder Straßenmusikanten durchs Leben schlagen mussten, konfrontiert.
1804 nahm Klein den blinden Knaben Jakob Braun aus Bruck a. d. Leitha als Schüler zu sich in seine Privatwohnung. Bereits ein Jahr später konnte der Knabe von der Schulaufsichtsbehörde öffentlich geprüft werden. Er bestand die Prüfung glänzend.
Klein berichtete in einem kleinen Manuskript von dem gelungenen Versuch, blinde Kinder zur "bürgerlichen Brauchbarkeit" zu bilden. Durch seinen Erfolg bekam Klein laufend neue Schüler. Mit privaten Spenden konnte das wohltätige Unternehmen aber bald nicht mehr geführt werden und nur durch seine andauernden Bemühungen gelang es Klein schließlich, dass Kaiser Franz I. eine Blindenschule für acht Zöglinge bewilligte und auch staatlich finanzierte. 

Staatsanstalt

1816 wurde das Blindeninstitut, da seine Arbeit bei den Schulbehörden und Hofkommissionen einen guten Eindruck hinterließ auf "Allerhöchste Entschließung" in den Rang einer Staatsanstalt erhoben. Im Jahre 1819 veröffentlichte Klein sein "Lehrbuch zum Unterrichte Blinder". Diese "Bibel" der Blindenlehrer ist in mancher Hinsicht auch heute noch modern und lesenswert. 
Behelfe und Lehrmittel
Um ein möglichst hohes Lehrziel zu erreichen, konzipierten und konstruierten der damalige Leiter Alexander Mell und seine Mitarbeiter eine große Anzahl Behelfe und Lehrmittel für den Unterricht. Im Museum sind viele historische Unterrichtsbehelfe, wie Landkarten, Tiermodelle, Globen und Hilfsmittel für den Mathematik-, Geometrie-, Naturkunde- und Musikunterricht ausgestellt. Mell gelang es erstmalig, Blinde als Blindenlehrer einzustellen, und er verstärkte die Ausbildung in Richtung Handwerksunterricht.
Mells große Liebe war aber die historische Sammlung Kleins, die dieser bereits in den Dreßigerjahren des 19. Jahrhunderts angelegt hatte. 1910 konnte er sein "Museum für Blindenwesen" eröffnen und die wertvollen Exponate aus der Geschichte der Blindenbildung erstmals der Öffentlichkeit präsentieren.

Entwicklung der Blindenschrift

Lesen und Schreiben ist auch heute noch die wichtigste Grundlage der Bildung. Das Museum präsentiert heute einen anschaulichen Überblick über die Entwicklung der Blindenschrift und die verschiedenen tastbaren Schriftsysteme. Von den unterschiedlichen Reliefschriften und Masseschriften bis zur modernen, heute in allen Sprachen der Welt verwendeten Sechs-Punkt-Brailleschrift ist die Entwicklung der Blindenschrift lückenlos dokumentiert.
Begonnen wurde mit aus Karton ausgeschnittenen Buchstaben, Setzkästen und Stempeln, mit denen eine tastbare Normalschrift hergestellt wurde. Die ersten Bücher für Blinde entstanden im Reliefdruck. Der Mechaniker Carl Ludwig Müller entwickelte bereits 1806 zur Herstellung von "Masseschriften" ein Schreibgerät, aus dem er schließlich die Füllfeder entwickelte.

Erfindung der Füllfeder

Da das ständige Eintauchen der Gänsekielfeder in das Tintenfass den Blinden größte Schwierigkeiten bereitete, kam Müller auf die Idee, für Blinde eine Füllfeder zu konstruieren. Er verband ein Glasröhrchen mit einer dünnen Öffnung mit einer Gänsekielfeder. Auf der anderen Seite war das Röhrchen mit einem Schraubverschluss versehen. Das Glasröhrchen wurde mit Tinte gefüllt. War der Schraubverschluss offen, floss Tinte in die Feder. Bei geschlossenem Verschluss konnte keine Tinte abfließen.
Die Entwicklung der Schreibapparate und Schreibmaschinen für Brailleschrift ist im Museum fast lückenlos dokumentiert. Eine besondere Rarität, um die das Museum beneidet und die häufig als Leihgabe zu verschiedenen Ausstellungen verborgt wird, ist das erste und einzige Modell einer von Montucchio 1899 in Turin gebauten Schreibmaschine für Punktschrift und für normale Maschinenschrift.

Blinde Dichter

Neben all diesen Schätzen besitzt das Museum noch eine Sammlung von Büchern blinder Schriftsteller und Dichter, die noch vor Beginn der eigentlichen Blindenbildung erschienen sind.
Das erste für Blinde gedruckte Buch von Valentin Hauy, 1786 erschienen, Notenapparate für den Unterricht sehender Schüler durch einen blinden Lehrer, ein Massagelehrbuch in japanischer Reliefschrift, eine Bibliothek mit vielen "Hochdruckbüchern" und noch viele interessante und sehenswerte Exponate ergänzen die Sammlung.

Echte Fundgrube

Das Museum ist auch für Nichtfachleute der Blindenpädagogik ungemein interessant und, wie es ein Vertreter der Schweizer Arbeitsgemeinschaft "Louis Braille" ausdrückte, nicht nur eine echte Fundgrube für die Belange des Blindenwesens, sondern wohl der einzige Ort im deutschsprachigen Raum, wo es möglich ist, sich in umfassender Weise über die Entwicklungsgeschichte des Blindenwesens zu orientieren. 

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 37/2002

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