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20. Dezember 2005

Von Kurpfuschern und Zahnbrechern (Altes Medizinisches Wien 10)

Die Entwicklung des zahnärztlichen Instrumentariums führt auch dem medizinischen Laien die Segnungen der modernen Technik in der Medizin drastisch vor Augen.

Das Museum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde befindet sich heute nur ein paar Schritte entfernt von dem Gebäude, in dem die Grundlage für die wissenschaftliche Zahnheilkunde in Österreich gelegt wurde. Gemeint ist das Josephinum, die ehemalige militärärztliche Akademie in der Wiener Währingerstraße, wo Georg Carabelli von Lunkaszprie (1787 - 1842), der ab 1821 als erster Mediziner Vorlesungen über Zahnheilkunde hielt, ausgebildet wurde. 

Selten akademisch gebildet

Akademisch ausgebildete Zahnärzte waren aber noch lange Zeit eine Seltenheit. Die meisten Zahnbehandler betrieben die Zahnheilkunde als konzessioniertes Gewerbe ohne medizinisches Wissen und Ausbildung. In Tageszeitungen priesen sie ihre Elixiere, Pulver und Wundermittel an und extrahierten Zähne mit Instrumenten, bei deren Anblick einem heute noch schlecht wird. Dementsprechend miserabel war das Ansehen der Zahnärzte zu Beginn des 19. Jahrhunderts. 

Schlechter Ruf

Wie schlecht der Ruf der Zahnärzte war, zeigt eine Anekdote über Moriz Heider (1816 - 1866), dem Nachfolger Carabellis. Carabelli wollte den jungen Mediziner überreden, bei ihm Assistent zu werden. Heider soll das Ansinnen Carabellis folgendermaßen beantwortet haben: "Ein honetter Mensch, der etwas gelernt hat, kann kein Zahnarzt werden."  Heider ist schließlich doch einer geworden. Heider übernahm nach dem plötzlichen Tod Carabellis seine wertvolle Sammlung von Zahnpräparaten, alle Instrumente und auch die Ordination. An Heider lag es nun, das von Carabelli begonnene Werk fortzusetzen. Sein Plan war, die Zahnheilkunde als medizinisches Spezialfach zu begründen und damit den minder geachteten Stand der Zahnärzte aufzuwerten.

Gehämmerte Goldfüllung

Neben seinen standespolitischen Aktivitäten leistete Heider auch Pionierarbeit auf dem Gebiet der zahnheilkundlichen Technik. Heider war lange Zeit der einzige Zahnarzt im deutschsprachigen Raum, der die neue Methode der gehämmerten Goldfüllung mit Erfolg praktizierte. Bis dahin waren Plomben nur eine wackelnde Kugel in einer kariösen Höhle. Von Wien aus eroberte die Methode der Goldfüllung auch Deutschland. Heider ist es auch gewesen, der eine Neuerung in die Zahnheilkunde einführte, die später die gesamte Chirurgie verwendete: die Galvanokaustik. In einem Gespräch mit dem Münchner Physiker Steinheil kam er auf die Idee, das Glüheisen, das zur Zerstörung des Zahnnerven verwendet wurde, durch einen elektrischen Glühapparat, einen durch Strom glühenden Platindraht zu ersetzen. In seiner 1846 erschienenen Publikation merkte er bereits an, dass die Methode auch in der Chirurgie anwendbar sein dürfte. Heider kann daher mit Recht als der Erfinder der Galvanokaustik bezeichnet werden. Seine Pioniertätigkeit auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Zahnheilkunde setzten sein Freund Adolph Zsigmondy (1816 - 1880), auf ihn geht das gebräuchliche internationale Zahnschema zurück, und dessen Sohn Otto Zsigmondy (1860 - 1917) fort. 

Größte Sammlung Europas

In einem Nebengebäude des Zahnärztlichen Universitätsinstituts ist heute das Museum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde untergebracht. Ein Teil dieser wahrscheinlich größten Sammlung Europas ist über 150 Jahre alt und geht auf die Sammlung Carabellis zurück. Das Museum vereint heute verschiedene Sammlungen, die nach und nach in den Besitz der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde gekommen sind. Betreut wird das Museum von der ARGE Geschichte der Zahnheilkunde. Diese ARGE ist Teil der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, die als Verein Österreichischer Zahnärzte von Moriz Heider 1861 gegründet wurde. Portraits, Graphiken, Dokumente und zum Teil furchterregende Instrumente und Maschinen vermitteln einen Überblick über die Entstehung der wissenschaftlichen Zahnheilkunde in Österreich.
Anatomische Präparate, eine Sammlung von Zähnen und Gebissen, Prothesen und Zahnersätze in den verschiedensten Materialien werden ebenso präsentiert, wie eine Geschichte des Amalgams und der gehämmerten Goldfüllung. Lokalanästhesiebestecke und einfache Narkosegeräte für die Äther- oder Lachgasinhalation zeigen das Bemühen der Zahnärzte, ihre fast von jedem Menschen gefürchtete Tätigkeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Behandlungsstühle vom Beginn des 19. Jahrhunderts, ein einfacher Holzstuhl aus der Zeit Carabellis und ein amerikanischer Militärbehandlungsstuhl, der zusammengelegt in einer kleinen Holzkiste die gleichzeitig der Unterbau des Stuhles ist, verschwindet, gehören ebenso zur Sammlung wie eine original eingerichtete Zahnarztpraxis aus der Zeit um 1870. Sogar die Schablonenmalerei an den Wänden entspricht der Zeit. Es fehlt nur das Handtuch über dem Armbügel, in das sich der Zahnarzt die blutigen Hände wischte. Wasser, und schon gar fließendes Wasser, war zu dieser Zeit in den Ordinationen ja nicht vorhanden. 

Grausige Moulagensammlung

Ein besonderer Leckerbissen für Fachleute ist die für Laien eher grauenvolle Moulagensammlung. Die Moulagen von Mund- und Kieferverletzungen aus dem Ersten Weltkrieg zeigen realistisch das Grauen des Krieges. Die bis ins kleinste Detail naturgerechten Wachsnachbildungen der in diesem Ausmaß bisher nicht gesehenen Kriegsverletzungen dienten als Anschauungsmaterial und Lehrmaterial für die Ausbildung von Zahnärzten und Kieferchirurgen.  Nur nach Anmeldung Eine Sammlung von Geräten der Zahn- und Röntgentechnik runden die umfangreiche Dokumentation über die Entwicklung der Zahnheilkunde von den Zahnbrechern und Kurpfuschern, die am Markt ihre Dienste feilboten, bis zur anerkannten Wissenschaft ab. Das Museum hat keine geregelten Öffnungszeiten und ist nur nach Anmeldung im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Der Vorteil daran ist allerdings, dass man in den Genuss einer hervorragenden Führung kommt, in der nicht nur die ausgestellten Objekte, sondern auch die Geschichte der Zahnheilkunde in Österreich kurzweilig und interessant präsentiert werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 38/2002

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