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20. Dezember 2005

Wiens erste Ärztin (Altes Medizinisches Wien 11)

Am 10. Mai 1897 eröffnete Gabriele Possanner als erste Ärztin Österreichs ihre Ordination in Wien 9, Günthergasse 2, 1. Stock. In die Alserstraße 26, wo sich heute die Gedenktafel befindet, übersiedelte sie 1906. Hier wohnte sie und betrieb ihre Ordination als praktische Ärztin bis zu ihrem Tod im Jahr 1940. Das Haus wurde 1944 bei einem Bombenangriff zerstört.

"Groteske Zumutung"

Wer sich damals von einer Frau behandeln ließ, galt irgendwie als Sonderling. Fritz Wittels, Arzt, Schüler Sigmund Freuds und Mitarbeiter von Karl Kraus, schrieb noch 1907 in der Zeitschrift "Die Fackel" über "Weibliche Ärzte", dass gesunde Männer die medizinische Untersuchung durch eine Frau als eine groteske Zumutung erleben müssen und niemals werde er, der Mann, sie über sich ergehen lassen können, ohne dabei ein Gefühl zu bekommen, als sei er impotent und exhibitioniere. Bis es aber soweit kam, dass eine Ärztin Österreichs Männern derartiges Ungemach zufügen konnte, musste Gabriele Possanner einen fast unglaublichen Kampf und bürokratischen Hürdenlauf überstehen. 

Matura mit 27

Da es für Mädchen unmöglich war, ein Gymnasium zu besuchen und die Reifeprüfung zu erlangen, absolvierte Possanner zunächst eine Lehrerinnenbildungsanstalt und maturierte schließlich als Externistin, bereits 27 Jahre alt, am Akademischen Gymnasium in Wien. In ihrem Maturazeugnis fehlte aber die Klausel "Erteilung der Reife zum Besuch der Universität". Nach der damaligen Gesetzeslage war Frauen ein Studium an einer Universität in Österreich nicht erlaubt. Zwar konnten bereits etwa ab der Mitte des vorigen Jahrhunderts an den meisten europäischen Universitäten Frauen studieren, in Österreich und Preußen diskutierte man aber noch. Gabriele Possanner musste also ihr Studium im Ausland beginnen. Sie entschied sich für die Schweiz, wo seit über einem Jahrzehnt Frauen aus der Österreich-ungarischen Monarchie Medizin studierten. 1888 immatrikulierte Possanner an der "Zürcherischen Hochschule". Hier promovierte sie 1894 nach einigen Schwierigkeiten, da ihr österreichisches Maturazeugnis nicht anerkannt wurde und sie die Matura noch einmal vor einer Schweizer Kommission abzulegen hatte. Mit dem Schweizer Diplom wäre sie berechtigt gewesen, in allen Kantonen der Schweiz als praktische Ärztin zu arbeiten.

Keine Nostrifizierung

Possanner wollte aber nach Wien zurück. Eine Nostrifizierung ihres Schweizer Diploms war aber in Österreich noch nicht möglich. Die Zulassung von Frauen als ordentliche Hörerinnen auf der medizinischen Fakultät und zum Doktorat der gesamten Heilkunde erfolgte erst im Jahr 1900. Die einzige Möglichkeit, in der Österreich-ungarischen Monarchie als Ärztin zu arbeiten, wäre eine Amtsärztinnenstelle zur Betreuung moslemischer Frauen im Okkupationsgebiet Bosnien und der Herzegowina gewesen, da Mohammedanerinnen die Behandlung durch männliche Ärzte ablehnten. Possanner hatte es sich aber in den Kopf gesetzt, in Wien als Ärztin zu praktizieren. 

"Gnadenweise" Zulassung

Nach zahlreichen erfolglosen Gesuchen richtete sie schließlich 1895 eine Petition an Kaiser Franz Joseph um "gnadenweise" Zulassung zur Ausübung der ärztlichen Praxis in Österreich. Auf Grund dieses Gnadengesuches und der sich mittlerweile zum "Fall Possanner" - zwei Innenminister, drei Minister für Kultus und Unterricht, vier Rektoren, vier Dekane der Medizinischen Fakultät und der Kaiser selbst waren mit den Gesuchen Possanners beschäftigt - ausgewachsenen Initiative trat dann endlich 1896 eine offizielle Verordnung über die "Nostrifikation der von Frauen im Auslande erworbenen medizinischen Doktordiplome" in Kraft.
Possanner konnte jetzt endlich zu den Prüfungen antreten und legte nun in neun Monaten 21 Prüfungen mit Erfolg ab. Ihre Promotion zum Doktor der gesamten Heilkunde fand am 2. April 1897 im Großen Festsaal der Universität statt. Dies war die erste Promotion einer Frau an einer Universität der Österreich-ungarischen Monarchie. 
Einen Monat später eröffnete Gabriele Possanner ihre Praxis als praktische Ärztin in Wien 9, Günthergasse 2. 1907 übersiedelte sie sowohl Wohnung als auch Ordination in die Alserstraße 26. Im Alter von 68 Jahren bekam sie als erste Frau wegen ihrer besonderen Verdienste als Vorkämpferin für Frauenrechte den Titel "Medizinalrat" verliehen. Gabriele Possanner-Ehrenthal starb am 14. März 1940 in ihrer Wohnung in der Alserstraße.

Gedenktafel

Eine Gedenktafel am Haus Alserstraße 26 erinnert heute an die erste Ärztin in Wien. Im 13. Bezirk in Wien wurde anlässlich ihres 100. Geburtstages 1960 eine Straße "Possannergasse" benannt. Seit 1997 verleiht der Wissenschaftsminister einen nach ihr benannten "Gabriele Possanner-Preis" für wissenschaftliche Leistungen im Dienste der Geschlechterdemokratie.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 39/2002

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