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20. Dezember 2005

Der Anatom Josef Hyrtl (Altes Medizinisches Wien 12)

Im Mayer Konversationslexikon von 1890 wird Josef Hyrtl (1810 - 1894) bereits zu Lebzeiten als der bekannteste Anatom im deutschen Sprachbereich bezeichnet. Mit der Einführung der topographischen Anatomie als Lehrfach legte er den Grundstein für die enge Verbindung der Anatomie zu den praktischen Fächern der Medizin.

Hyrtls vergleichend-anatomische Sammlung von tausenden Skeletten, Injektions- und Korrosionspräparaten aller Organe von Mensch und Tier ist leider nur mehr in Bruchteilen vorhanden und wird heute an mehreren Orten aufbewahrt. Einem besonders wertvollen Teil des Nachlasses ist im Bezirksmuseum Mödling ein eigener Raum gewidmet: der berühmten Hyrtl-Bibliothek. 

Lateinische Dankesrede

Die Frist zwischen dem Tod und der Aufstellung eines Denkmals im Arkadenhof der Universität Wien beträgt normalerweise mindestens fünfzehn Jahre. Nur ein einziges Mal wurde bisher diese Bestimmung durchbrochen. Am 30. Mai 1889 enthüllte man die Porträtbüste für Josef Hyrtl, in seiner Anwesenheit. Der greise Hyrtl hielt selbst, bereits halb blind, eine Dankesrede in lateinischer Sprache. Bereits als Medizinstudent fiel Hyrtl seinen Lehrern durch seine Geschicklichkeit bei der anatomisch-präparativen Arbeit auf. Aus jener Zeit stammt auch die Anekdote von der Kindesleiche, die er vom Anatomiediener gekauft und nach Hause mitgenommen hatte. Seine Mutter erschrak über die im Backrohr aufbewahrte Leiche aber derart, dass sie in Ohnmacht fiel. Hyrtl nahm daraufhin die Leiche und wollte sie auf die Universität zurückbringen. Unterwegs stürzte er, und dabei entdeckte ein Polizist die Leiche des Kindes. Hyrtl wurde verhaftet und erst sein Professor konnte die Polizisten von der Unschuld seines Studenten überzeugen. 

Professor für Anatomie

Zwei (!) Jahre nach seiner Promotion wurde Hyrtl 1837 als Professor für Anatomie und Physiologie auf die Karls-Universität nach Prag berufen.  1845 kehrte Hyrtl nach Wien zurück und übernahm den freigewordenen Lehrstuhl für beschreibende Anatomie in Wien. Die Zusicherung, die Wiener Anatomische Anstalt nach seinem eigenen Programm gestalten zu können, lockte Hyrtl nach Wien. Diese Zusagen wurden aber nicht erfüllt. Meine Bitten stießen auf taube Ohren, gegen jede Neuerung fand ich Widerstand vor..., bemerkte er später über seine ersten Jahre in Wien. 

Wien erlangte Weltgeltung

Unter ihm, der ein begnadeter Redner, Lehrer und Präparator war - um seine Präparate des Gehörorgans bemühten sich fast alle Universitäten der Welt -, erlangte die Anatomie in Wien Weltgeltung. Sein "Handbuch der topographischen Anatomie" bewirkte die Aufnahme der angewandten oder topographischen Anatomie als Lehrfach in Österreich und Deutschland. Hyrtl gilt in der Anatomie auch als der Begründer der modernen Korrosionstechnik. Er entwickelte Substanzen, zum Beispiel eine Mischung aus Mastixfirnis und Wachs, die er unterschiedlich einfärbte und in Gefäße und Hohlräume verschiedenster Organe einspritzte. Nach dem Aushärten der Substanz entfernte er das umliegende Gewebe. Die verbleibenden Ausgüsse zeigten sensationelle, bisher nie gesehene Details der einzelnen Organe. Auch seine anatomischen und mikroskopischen Präparate erregten wegen ihrer Schönheit weltweit Aufsehen. Sie wurden von vielen Museen angekauft und als Raritäten besonderer Art ausgestellt. 

Frühzeitiger Abschied

1874 nahm Hyrtl, enttäuscht, dass der ihm immer wieder zugesagte Neubau des Anatomischen Instituts nicht verwirklicht wurde, frühzeitig von der Universität seinen Abschied, zog sich zurück und wurde zum "Einsiedler von Perchtoldsdorf". Hier hatte er sich im Südturm der Perchtoldsdorfer Burg gegenüber seinem Wohnhaus eine Arbeitstätte, sein Tuskulum, eingerichtet. Inmitten einer kuriosen Schädelsammlung, die angeblich von exekutierten Mördern und berüchtigten Räubern stammte, vollendete Hyrtl sein wissenschaftliches Alterswerk.

Berühmte Bibliothek

Einem besonders wertvollen Teil der Nachlasses von Joseph Hyrtl ist im Mödlinger Bezirksmuseum ein eigener Raum gewidmet: der berühmten Hyrtl-Bibliothek.  Wie die Bibliothek nach Mödling gelangte, ist nicht mehr nachvollziehbar, sagt der Medizinhistoriker Prof. Dr. Rudolf-Josef Gasser, wissenschaftlicher Betreuer der Sammlung. Sicher ist, das die Reste der Bibliothek, die heute im Museum in Mödling gezeigt werden, nach dem 2. Weltkrieg in einem Mödlinger Luftschutzkeller aufgefunden wurden. Ausgestellt sind heute prächtige anatomische Folianten aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert mit ihren sowohl künstlerisch als auch wissenschaftlich hervorragenden anatomischen Darstellungen. Fast jede Seite dieser seltenen Prachtausgaben ist eine Kostbarkeit für sich.  Neben diesen Schätzen der anatomischen Zeichen- und Buchdruckerkunst besitzt das Museum auch sämtliche von Hyrtl verfassten Bücher und vergleichend anatomischen Schriften. Natürlich ist auch die Familiengeschichte Hyrtls dokumentiert und auch einige seiner weltweit berühmten Korrosionspräparate und als besondere Rarität in Ebenholz eingefasste mikroskopischen Präparate sind ausgestellt.

Pfeifenraucher

Von den privaten Dingen Hyrtls besitzt das Museum einen Brieföffner, ein Tintenfass und eine geschnitzte Meerschaumpfeife aus seiner umfangreichen Pfeifensammlung. Hyrtl war ja leidenschaftlicher Pfeifenraucher, der keine Gelegenheit ausließ, um an gute Tabake aus fernen Ländern zu kommen. In der Bibliothek wurden viele Briefe gefunden, in denen Hyrtl seine Geschäftspartner neben den bestellten Präparaten von Mensch und Tier um Tabak aus fernen Ländern bat:
So bitte ich Sie um ein neues Entgegenkommen; legen Sie auf den Boden der Kiste, in welcher der Wapiti-Schädel seine Reise nach Europa macht, 2 - 3 Pfund vom besten und teuersten Virginia-Tabak, aber in ganzen Blättern. Und nach Erhalt der Sendung:
Der Tabak ist ausgezeichnet - die Schädel sind sehr schön - nur jener des Elephanten ist sehr schlecht, da beide Jochbein-Knochen fehlen...

Großes Vermögen

Hyrtls anatomischen und histologischen Präparate wurden zu Tausenden hergestellt und in die ganze Welt verkauft. Durch seine Präparate und Lehrbücher kam Hyrtl zu einem unvorstellbar großen Vermögen, das er praktisch vollständig karitativen Zwecken zur Verfügung stellte. Hyrtl wurden im Laufe seines Lebens zahlreiche Ehrungen zuteil und auch Denkmäler wurden ihm errichtet. Das schönste Denkmal hat er sich aber selbst gesetzt: das Waisenhaus in Mödling. Joseph Schöffel, der als "Retter des Wienerwaldes" in die Geschichte eingegangen ist, hatte seinen Freund Hyrtl überreden können, sein Vermögen zum Bau und zur Erhaltung eines Waisenhauses für arme, verwaiste und verlassene Kinder zu stiften. Nach seinem Tod setzte Hyrtl das Waisenhaus in Mödling als seinen Universalerben ein. Der "Joseph Hyrtl Waisenhausstiftung", die auch heute noch existiert, fiel damals die ungeheure Summe von fast 600.000 Gulden zu. Das entspricht heute einem Wert von etwa 5,5 Millionen Euro. 
Trotz der heute seltsam anmutenden militärischen Erziehungsmethoden - die Zöglinge mussten exerzieren und schießen - stand die Qualität der praktischen und schulischen Ausbildung in der Anstalt doch weit über der Erziehung, die in den üblichen "Aufbewahrungsanstalten" geboten wurde. Der bekannteste Zögling der Hyrtlschen Anstalt war der Lyriker Josef Weinheber, der sieben Jahre im Waisenhaus in Mödling verbrachte. Und obwohl er in seinem 1923 erschienenen autobiographischen Roman "Das Waisenhaus" mit der Hyrtlschen Anstalt gewaltig abrechnete, und nicht viel Gutes an der Institution und ihren Erziehungsmethoden ließ, würdigt er dennoch in einem Feuilleton zum 125. Geburtstag Hyrtls, die Leistungen dieses großen Menschen und Wohltäters. 

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 40/2002

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