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20. Dezember 2005

Ein barockes Apothekenjuwel (Altes Medizinisches Wien 13)

Durch ihre Abgeschiedenheit hinter Klostermauern sind in Wien drei Apotheken mit reichhaltiger Barock-Ausstattung und prächtigen Wand- und Deckenmalerein erhalten geblieben: die Materialkammer der Apotheke der Barmherzigen Brüder, die Ursulinenkloster-Apotheke und die Anstaltsapotheke des St. Elisabethspitals. Die 250 Jahre alte Einrichtung Letzterer erfüllt heute noch ihren Zweck. Die künstlerische Ausstattung dieser Apotheken ist selbst für das 18. Jahrhundert ungewöhnlich prachtvoll.

Hervorragend dokumentiert

Die Geschichte der Pharmazie und der Apotheken in Wien ist hervorragend dokumentiert. Quellenmaterial und Dokumente liegen hier fast lückenlos vor. In einer nicht so glücklichen Lage ist die Kunstgeschichte. Obwohl es in keinem anderen Gewerbe eine so enge Verbindung von Wissenschaft und bildender Kunst gab, ist die Zahl der Apothekendenkmäler in Wien gering. Da es sich um funktionierende Gewerbebetriebe handelt, hat sich kaum eine Apotheke über die Jahrhunderte ihr ursprüngliches Bild bewahrt. Übersiedlungen - fast alle bürgerlichen Apotheken haben im Lauf ihrer jahrhundertealten Geschichte oft mehrmals den Standort gewechselt -, Anpassungen an die neuen technischen Erfordernisse und der Zeitgeschmack besiegelten in fast allen Apotheken das Schicksal der meist prächtigen und kunstvollen Einrichtungen.

Pharmaziehistorisches Kleinod

Die barocke Anstaltsapotheke im Spital der Elisabethinen ist ein außergewöhnliches pharmaziehistorisches Kleinod in Wien. Die Apotheke ist nicht nur fast unverändert erhalten geblieben, sie ist auch heute noch als Spitalsapotheke in Verwendung. Die Schubladen, in denen heute pharmazeutische Spezialitäten gelagert werden, duften noch immer nach den Drogen und Kräutern, die jahrhundertelang hier gelagert waren. 

Heute wie damals

Anfang 1749 war der Neubau des Klosters, der Kirche und des Spitals abgeschlossen. Im "Gedenkbuch" des Klosters findet sich 1748 eine Eintragung über die Apotheke: Die prachtvolle Herrichtung der Apotheke mit den herrlichen Frescogemälde besorgte nach der Tradition "die Großmut der Kaiserin Maria Theresia". Die beiden Räume der Apotheke bieten heute noch das Bild aus der Zeit ihrer Gründung. Das Spital der Elisabethinen und das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder sind die einzigen Spitäler Wiens, die nach dem Bau des Allgemeinen Krankenhauses 1784 durch Josef II. nicht aufgelöst wurden. Im Gegensatz zu den Apotheken der Barmherzigen Brüder hatten die Apotheken der Elisabethinen kein Öffentlichkeitsrecht. Sie versorgten nur das eigene Krankenhaus und durften höchstens an Arme unentgeltlich Arzneimittel abgeben.
Der erste Raum der Apotheke, die Offizin, beeindruckt mit seinen Prunkmöbeln und den Deckengemälden. Zentrum des Raumes ist ein riesiger Ladentisch mit Kruzifix und Apothekerwaage. In den kunstvoll gearbeiteten Arzneischränken mit Schnitzerein finden sich eine Fülle prächtig bemalter und mit Signaturen versehener Aufbewahrungsgefäße aus Glas, gedrechseltem Holz, Zinn und Keramik.

Religiöse Themen

Die Wand- und Deckengemälde dieses Raumes behandeln vorwiegend religiöse Themen aus dem Neuen Testament und aus der Geschichte des Ordens. Den Bezug zur Apotheke stellt der Künstler, vermutlich ein Schüler Franz Anton Maulpertschs, mit Arzneipflanzen und Apothekeruntensilien in den Händen der Engel her. Die hl. Theresia von Avila lässt er in ein Kräuterbuch schreiben. Auf Schriftbändern mahnen fromme Sprüche im Wiener Dialekt.  Interessant sind die über der Tür zur Materialkammer stehenden Kolbengläser mit Nummern. In diesen Gefäßen wurden die vorbereiteten Medikamente entsprechend den Nummern an die Patienten des Spitals ausgegeben.

Ausstattung im Original

Die Apothekenaustattung in der anschließenden Materialkammer ist praktisch vollständig im Original erhalten. Die Wandregale sind mit Straußeneiern und geschnitzten Vasen bekrönt und auch hier mit Vorratsgefäßen, Spanschachteln, Messbechern und Töpfen, zum Teil aus der Zeit der Gründung der Apotheke gefüllt. Auf dem Rezepturtisch imponieren zwei mächtige Narwalzähne. Die Motive der Deckengemälde der Materialkammer sind rein weltlicher Natur. Die Darstellung der vier Kontinente weist auf die Herkunft der Arzneien aus aller Welt hin. Durch die Gestalt der Europa, umgeben von pharmazeutischen Geräten, einem mächtigen Mörser und Arzneiflaschen, wird aber dokumentiert, dass die kunstgerechte Zubereitung der Arzneien Sache der Alten Welt ist. 
Historische Apothekengeräte, zwei mächtige Mörser, handschriftliche Rezeptsammlungen und Abrechnungsbücher vervollständigen den faszinierenden Eindruck dieser wohl nicht nur für Wien einzigartigen Rarität. Die Apotheke und ihre Einrichtung wurde 1957 hervorragend restauriert und wird heute sachkundig und liebevoll betreut. 

Noch immer in Betrieb

Die Apotheke ist noch immer als Anstaltsapotheke des St. Elisabethspitals in Betrieb. Zwar lagern heute in den Holzladen hinter alten, manchmal geheimnisvoll klingenden Signaturen moderne pharmazeutische Spezialitäten, und neben den Narwalzähnen hat sich natürlich bereits ein Computer breitgemacht, die Einrichtung der Apotheke erfüllt aber heute wie vor 250 Jahren alle Anforderungen eines modernen Krankenhauses. Die Anstaltsapotheke der Elisabethinerinnen ist mit Sicherheit eine der erlesensten Kostbarkeiten des pharmazeutischen Wiens. Da der normale Betrieb einer Spitalsapotheke aufrechterhalten werden muss, ist ein Besuch nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung möglich.

Anstaltsapotheke der Elisabethinerinnnen St. Elisabeth-Spital 3. Bezirk; Landstraßer Hauptstraße 4a
Telefonische Voranmeldung erforderlich.
Telefon: 01-71126 0

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 41/2002

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