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20. Dezember 2005

"Komme mir keiner und sage, ..." (Altes Medizinisches Wien 14)

In Wien liegen die Anfänge der Radiodiagnostik und -therapie. Die erste Pressemeldung über die "sensationelle Entdeckung" erschien am 5. Januar 1896 in einer Wiener Zeitung, noch bevor Wilhelm Conrad Röntgen die Entdeckung der X-Strahlen offiziell bekannt gab.

Sowohl die erste diagnostische Anwendung von Röntgenstrahlen durch Gustav Kaiser am 14. Januar 1896 und die erste therapeutische durch Leopold Freund im November 1896 fanden ebenfalls in Wien statt. Leider waren auch die ersten Ärzte, die wegen Strahlenschäden ihre Gesundheit verloren, manche sogar ihr Leben, in Wien tätige Radiologen.

Märtyrer seines Berufes

Einer von ihnen, der als Märtyrer seines Berufes in die Geschichte der Radiologie eingegangen ist, war Guido Holzknecht (1872-1931). Noch vor seiner Promotion 1899 begann er an der I. Medizinischen Klinik bei Hermann Nothnagel (1841-1912) zu arbeiten und gleichzeitig die Röntgenkurse Gustav Kaisers zu besuchen. Unter Gustav Kaiser, der heute zu Unrecht fast vergessen ist, wurde das Röntgenlaboratorium der II. Medizinischen Klinik zur Geburtsstätte der medizinischen Radiologie in Österreich. Kaisers Laboratorium wurde 1898 zur "Röntgenzentrale des Allgemeinen Krankenhauses" und damit zur Keimzelle des später weltberühmten Zentralröntgeninstituts der Universität Wien.
Guido Holzknecht war von den diagnostischen Möglichkeiten der neuen Strahlen derart fasziniert, dass er aus eigenen Mitteln in der Klinik Nothnagel einen Röntgenapparat installierte. In der so genannten Pestkammer*, in der ein Jahr vorher, 1898 der Laboratoriumsdiener Barisch an der Pest verstorben war, untersuchte er auf engstem Raum und unter schwierigsten Bedingungen, Patienten um Patienten. Bereits 1901 erschien sein erstes Buch: "Die röntgenologische Diagnostik der Erkrankungen der Brusteingeweide", ein Standardwerk der radiologischen Thoraxdiagnostik. 

Therapeutische Erfolge

Die Röntgenstrahlen wurden schon frühzeitig auch therapeutisch eingesetzt. Der Dermatologe Leopold Freund (1868-1943) behandelte bereits im Herbst 1896 einen Tierfellnaevus erfolgreich mit Röntgenstrahlen. Er hatte ein fünfjähriges Mädchen, dessen gesamter Rücken dicht behaart war, durch Tage hindurch täglich 2 Stunden mit Röntgenstrahlen bestrahlt und damit einen Haarausfall erreicht.
Wien war damit die Geburtsstätte der klinischen Strahlentherapie geworden. Im Verlauf der Behandlung kam es aber bei dem Mädchen zu Strahlengeschwüren im Bereich der Lendengegend, die aber chirurgisch korrigiert werden konnten. Bei einem Röntgenkongress in Wien 1973 konnte die Patientin im Alter von 80 Jahren, vorgestellt werden. Der Bestrahlungserfolg war vorhanden, im Bereich der Lendenwirbelsäule bestand aber noch immer ein ausgedehntes, teils vernarbtes Geschwür. 

Schädigende Wirkung erkannt

Die schädigenden Wirkungen der Röntgenstrahlen waren den Röntgenpionieren nicht voll bewusst. Man erkannte aber, dass die Schädigung der Haut mit der Menge der verabreichten Strahlen in Zusammenhang stand. Holzknecht war der Erste, der ein Gerät zur Messung der abgegebenen Strahlenmenge konstruierte: das Chromoradiometer. Mit diesem einfachen, jedoch nicht sehr verlässlichen Gerät, das er 1902 vorstellte, konnten aber die Strahlenschäden an seiner Abteilung um fast 90 Prozent reduziert werden.

Zum Dozent ernannt

Nach dem Ausscheiden Kaisers aus der Röntgen-Centrale - Röntgenschäden an beiden Händen zwangen ihn dazu - wechselte Holzknecht 1902 von der Klinik Nothnagel in die Röntgenzentrale des Allgemeinen Krankenhauses, deren Leiter er 1905 wurde. Zugleich mit Leopold Freund und Robert Kienböck (1871-1953) wurde Holzknecht 1904 zum Dozenten für medizinische Radiologie ernannt. Die Radiologie war somit trotz Widerstand der Fakultät als eigenständige medizinische Disziplin anerkannt. Unter Holzknecht entwickelte sich in Wien eine Röntgenschule, die Weltgeltung erlangte. Aufgrund der zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen bekam die Röntgen-Centrale international einen hervorragenden Ruf. Ausländische Röntgengesellschaften veranstalteten Studienreisen nach Wien, um an der Arbeitsstätte Holzknechts zu lernen. Oft äußerten sie auch ihre Verwunderung darüber, wie unter solch "primitiven Verhältnissen" derartige Forschungsergebnisse möglich sind. Erst nach der Eröffnung der neuen Kliniken in der Lazarettgasse erhielt Holzknecht eine moderne, den damaligen Erfordernissen entsprechende Wirkungsstätte. 

Strahlenschäden

In dieser Zeit traten aber bereits Strahlenschäden an seinen Händen auf. Die zahlreichen Durchleuchtungen - Strahlenschutz war in jenen ersten Tagen der Radiologie noch ein unbekanntes Wort - hatten zu einer Radiodermatitis und zum Röntgenkrebs geführt. 1910 erfolgte die erste Amputation eines Fingers. Zahlreiche Operationen an Händen und Armen folgten. Holzknecht ertrug dieses Martyrium mit stoischem Gleichmut. Er ließ sich sogar speziell geformte Armprothesen anfertigen, um weiter untersuchen zu können. Nach jahrzehntelangem Leiden starb Holzknecht am 31. Oktober 1931. Vierundsechzig verstümmelnde Operationen hatte er hinter sich.  Bereits ein Jahr nach seinem Tod gelang es der Wiener Röntgengesellschaft, ein Denkmal für Guido Holzknecht zusammenzuschnorren. Bei der Bitte um Spenden war die Wiener Gesellschaft für Röntgenkunde nicht gerade zimperlich. In einem kurzen Schreiben formulierte das Denkmal-Komitee so seine "Bitte":

Sehr geehrter Herr Kollege! 
Bei der Durchsicht unserer Spendenliste fiel uns auf, daß von Ihnen bisher kein Betrag eingelangt ist...

"Komme mir keiner und sage, das geht nicht" war der Wahlspruch Holzknechts, der über dem Eingang seines Arbeitszimmers hing. Das Denkmalkomitee mag sich daran orientiert haben, als es trotz der schweren Wirtschaftskrise die Gesamtkosten für das Denkmal zusammenbrachte. Am 6. November 1932 wurde die lebensgroße Bronzebüste von Josef Heu im Bürgerpark, heute Arne Karlsson Park, enthüllt. Unter der Büste steht die Inschrift: "Guido Holzknecht 1872- 1931, Professor der Röntgenologie, Vorkämpfer und Märtyrer der Wissenschaft".

* Auf Spurensuche im Alten Medizinischen Wien: Die letzten Pesttoten Wiens, erschienen in Ausgabe 32 der Ärzte Woche am 15. Oktober 2002. 

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 42/2002

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