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20. Dezember 2005

Ein "wimmelnder Ameisenhaufen" (Altes Medizinisches Wien 15)

Im Viertel um den Universitätsplatz (Dr.-Ignaz-Seipel-Platz) im 1. Bezirk in Wien wurde der Grundstein für die später weltberühmte Wiener Medizinische Schule gelegt. Hier wurde geforscht und gelehrt, hier wohnten und studierten die Studenten und hinterließen ihre Spuren im Erscheinungsbild des Viertels. Vom Mittelalter bis zur Übersiedlung ins neue Gebäude am Ring 1884, also 500 Jahre hindurch, spielte sich hier das universitäre Leben Wiens ab. 

Bärtig und unbärtig

Das heute eher ruhige Viertel war damals "ein wimmelnder Ameisenhaufen", wie Adalbert Stifter in seinen "Studien aus dem Alten Wien", erschienen 1844, erzählt:"Schon unter dem Schwibbogen, der von der Wollzeile aus auf den Universitätsplatz führt, standen Gruppen bärtiger und unbärtiger Leute, sämtlich als Musensöhne erkennbar, und lasen die ungeheuren angeklebten Zettel, auf denen Kost, Wohnung, Unterricht, Theater, Meerschaum, verlorne Gelder, Lehrbücher, verlaufene Hunde, Bälle und Konzerte angeschlagen waren; die nicht lasen, neckten sich oder rauchten gar Zigarren. Der Gang rechts an dem Schwibbogen wimmelte schwarz und grau von denen, die die Philosophie bezogen und sich eben Pfeifen und Röcke und die wichtige Miene angeschafft hatten ..."

Einer der schönsten Plätze 

Der Universitätsplatz ist einer der schönsten Plätze Wiens. Er entstand durch Schleifung des ältesten Wiener Bibliotheksgebäudes, in dem auch für kurze Zeit das Universitätsspital untergebracht war. Das aktuelle Ensemble geht auf die Umbauten der Universität durch die Jesuiten 1629, die Errichtung der Universitätskirche 1631 und zuletzt auf den Bau des Aulagebäudes, der heutigen Akademie der Wissenschaften, im Zuge der theresianischen Reformen von 1756 zurück.

Abgeschlossener Campus

Gegründet wurde die Wiener Universität 1365 durch Herzog Rudolf IV. Der erste Stiftungsbrief vom 12. März 1365 sah ein eigenes Stadtviertel, einen durch Mauern abgeschlossenen Campus vor, die "phaffenstat, da die wirdige schul sein und alle maister und schuler wonen sullen". Dieser Plan kam allerdings durch den frühen Tod des Herzogs, der noch im Jahr der Universitätsgründung starb, nie zur Ausführung. Erst durch den Bau des Collegium Ducale im Jahre 1384 (heute im Komplex des Jesuitenkollegs verbaut) entstand allmählich um den Kern der Universität herum ein "lateinisches Quartier", das so genannte Bursenviertel. Noch bis ins 19. Jahrhundert wurden die Zufahrtsstraßen zum Universitätsviertel während der Vorlesungen mit Ketten abgesperrt, um Störungen des Unterrichts zu vermeiden.

Zusammengepfercht

In den Bursen, einer Art Studentenheim (die Begriffe "Bursch" für Student und "Burschenschaft" leiten sich davon ab), lebten die Studenten des Mittelalters aus Kostengründen auf engstem Raum zusammengepfercht. Durch die engen Gassen flossen Abwasserrinnsale. Der Gestank der Fäkalien und Tierkadaver, die einfach vor die Haustür geworfen wurden, muss unbeschreiblich gewesen sein.  Patrick Süskind schreibt in seinem Roman "Das Parfum" über das alte Paris:
"Es stanken die Straßen nach Mist, es stanken die Hinterhöfe nach Urin, es stanken die Treppenhäuser nach fauligem Holz und nach Rattendreck, die Küchen nach verdorbenem Kohl und Hammelfett; die ungelüfteten Stuben stanken nach muffigem Staub, die Schlafzimmer nach feuchten Federbetten und nach dem stechend süßen Duft der Nachttöpfe. Aus den Kaminen stank der Schwefel, aus den Gerbereien stanken die ätzenden Laugen, aus den Schlachthöfen stank das geronnene Blut. (…) Es stanken die Flüsse, es stanken die Plätze, es stanken die Kirchen, es stank unter den Brücken und in den Palästen." Wien war damals sicher nicht anders.

Saufgelage und Pest

Bei der Bevölkerung hatten die Bursen keinen guten Ruf. Die Akten berichten von Saufgelagen und anderen Ausschweifungen der Studenten, die oft zu schweren Auseinandersetzungen mit der Wiener Bevölkerung führten. Zur Zeit der Gründung der Universität und in den folgenden Jahrhunderten wurde Wien von zahlreichen verheerenden Pestepidemien heimgesucht. In alten Berichten wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Pest besonders unter den Universitätsangehörigen viele Opfer gefordert habe. Die Universität musste sogar zeitweise geschlossen werden. Bei den damals herrschenden sanitären Verhältnissen nicht verwunderlich. Die Studenten zählten zu den gefährdetsten Bevölkerungsgruppen. Die Ärzte standen der Pest völlig hilflos gegenüber. Bis auf Gebete, Aderlass, Abführmittel und eine Handvoll Kräuter hatten sie dem Schwarzen Tod nichts entgegenzusetzen. Den besten Erfolg hatten noch die Wundärzte oder Chirurgen, die allerdings nur Gehilfen der medizinischen Doktoren waren, mit dem Aufschneiden und Ausbrennen der schmerzhaften Pestbeulen. 

Galeazzo di Santa Sofia

Einer der bedeutendsten Ärzte seiner Zeit, der 1394 von Padua nach Wien berufene Galeazzo di Santa Sofia, hielt die Fäulnis der im Meer umgekommenen und wieder ausgeworfenen Heuschrecken gemeinsam mit astralischen und tellurischen Einflüssen für die Ursache der Pest. Allerdings wies Galeazzo in einem Pesttraktat erstmals auf die Einschleppungsgefahr durch den Handel hin. Bis dahin glaubte man, dass die Krankheit an Ort und Stelle, "durch verderbte Luft", entstehen würde.
Galeazzo, der 1401 Dekan der Wiener Medizinischen Fakultät wurde, war es auch, der in Wien die Anatomie als Lehrgegenstand einführte. Unter seiner Leitung wurde am 12. Februar 1404 die erste Leichensektion im deutschsprachigen Raum zur anatomischen Demonstration durchgeführt. Obduziert wurde im Heiligengeistspital, in einer Badstube, nahe beim Spital oder ausnahmsweise im Bibliotheksraum des Fakultätshauses in der Weihburggasse. Das Spital gibt es heute nicht mehr, nur der Name der Apotheke Ecke Operngasse/Nibelungengasse erinnert heute noch an dessen Standort. Es wurden allerdings nur sehr wenige Sektionen vorgenommen. Zwischen 1404 und 1498 sind in Wien nur 14 Sektionen dokumentiert. 1455 forderten die Studenten, "es möge jedes Jahr eine Leiche, abwechselnd eine männliche und eine weibliche, zergliedert werden". Das Problem bestand darin, dass nur Hingerichtete seziert werden durften. Ihre Körper galten als Aas. Viele Ärzte haben damals ihr Studium abgeschlossen, ohne auch nur einmal die inneren Organe eines Menschen gesehen zu haben.

"... kunstgerecht gehenkt"

Leopold Schönbauer berichtet von einem bemerkenswerten Vorfall aus dem Jahre 1492:
"Bei dem gehenkten Diebe Konrad Praitenauer, den die Fakultät zur Zergliederung erhalten hatte, bemerkte man noch Leben, ließ ihn zur Ader, worauf Schaum aus dem Munde trat. Obgleich das nach Hippokrates als sicheres Zeichen des Todes galt, bemühte man sich weiter um ihn und wurde endlich mit Erfolg belohnt. Der Wiener Lektor wollte ihn durchaus umbringen, wurde aber nachdrücklich zurückgewiesen" (die Universität hatte damals das Asylrecht, Anm.). "Praitenauer wurde auf Fakultätskosten in seine Heimatgemeinde Alt-Ötting geschafft und lebte noch manches Jahr, bevor er neuerdings, dann aber kunstgerechter gehenkt wurde." Erst Mitte des 18. Jahrhunderts erhielt die Medizinische Fakultät ihr erstes anatomisches Theater und durch van Swietens Unterstützung nicht nur die Leichen der Hingerichteten, sondern auch Leichen unbekannter und armer Personen aus den Spitälern.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 43/2002

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