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20. Dezember 2005

Das erste anatomische Theater in Wien (Altes Medizinisches Wien 16)

Im Aulagebäude am Universitätsplatz erhielt die Wiener Medizinische Fakultät Mitte des 18. Jahrhunderts ihr erstes anatomisches Theater. 100 Jahre lang war dort das Zentrum des universitären Lebens, vor allem für Mediziner und Juristen. Als die Studenten 1848 aufbegehrten, wurde das Palais kurzfristig zur Kaserne "degradiert". Die anatomische Sammlung musste schnell in Sicherheit gebracht werden, denn die Soldaten interessierten sich sehr für die Konservierungslösungen der Präparate. Heute residiert in dem ehrwürdigen Bau die Akademie der Wissenschaften. Die Adresse lautet Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien.

In Anwesenheit der Kaiserin Maria Theresia 1756 feierlich eröffnet, diente das Gebäude der Universität etwa hundert Jahre als Hauptgebäude. Das Haus sollte vorwiegend der medizinischen und der juridischen Fakultät dienen. Im Erdgeschoss waren das anatomische Theater, der Hörsaal für Chirurgie, der Prüfungssaal und das chemische Laboratorium der medizinischen Fakultät untergebracht. Vom Keller führte ein Leichenaufzug ins anatomische Theater. An warmen Tagen soll sich der Leichengeruch im Haus immer unangenehm bemerkbar gemacht haben.

Heute nicht zu erkennen

Bis ins Revolutionsjahr 1848 wurde der Anatomieunterricht im Universitätspalais abgehalten. Nach mehreren Umbauten sind die Hörsäle heute nicht mehr als solche zu erkennen und werden anderweitig genutzt. Der Leichenaufzug wurde vermauert. Der breite Gang vom Haupteingang führt zur großen Aula im Zentrum des Baus. In der Halle stehen die Büsten verstorbener Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. Darunter auch die des Pathologen Karl Rokitansky (1804 - 1878). Hier promovierte am 31. März 1881 der wohl weltweit, und das nicht nur unter Medizinern, bekannteste österreichische Arzt: Sigmund Freud (1856 - 1939), der Begründer der Psychoanalyse.

Fülle an Dekoration

Der Mittelpunkt des Hauses ist aber der Festsaal im ersten Stock. Im Vergleich zur kühlen Halle überrascht der Raum durch die Fülle an Dekorationen. Das Deckengemälde des italienischen Malers Gregorio Guglielmi ist 1755 entstanden und zeigt die Wissenschaften als allegorische Darstellungen der vier Fakultäten. Gegenüber dem Haupteingang die theologische Fakultät, an der rechten Seite des Saales die Philosophie und über dem Haupteingang die Jurisprudenz. Die Medizin ist an der linken Schmalseite des Festsaals vertreten. Im Mittelpunkt ein Seziertisch mit einer geöffneten, fahlen, grünschimmernden Leiche, umgeben von Studenten und dem Prosektor in farbenfrohen Gewändern. Im Zentrum der Decke die Bildnisse des Herrscherpaares Maria Theresia und Franz Stephan.

Haydn und Beethoven

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden in diesem Festsaal auch Konzerte statt. Haydn und Beethoven haben hier dirigiert. Am 27. März 1808, anlässlich des 76. Geburtstages von Joseph Haydn (1732 - 1909), wurde hier im Rahmen der "adeligen Liebhaberkonzerte" sein Oratorium "Die Schöpfung" feierlich aufgeführt. Der kranke Komponist musste mit einer Sänfte in die Aula getragen werden. Bereits in der Pause musste er wegen großer Schwäche wieder nach Hause gebracht werden. Es war Haydns letzter Auftritt in der Öffentlichkeit. 

"Dicht und schwarz ..."

Fast unvorstellbar in dem heute so stillen und vornehmen Gebäude das studentische Treiben, wie es Adalbert Stifter 1844 beschreibt:
"Dicht und schwarz drängte sich die Menge durcheinander, das Schallen von tausend Fußtritten, das Gewirre der Stimmen, das Klappern der Stöcke, das Rufen, das Lachen, alles wie ein Chaos, wälzte sich durch die Räume; die Saaltüren standen offen, es strömte aus ihnen aus und ein und trieb sich auf den Stiegen auf und nieder." Etwa 100 Jahre diente das Palais der Universität als Hauptgebäude. 1848 war das Aulagebäude das Hauptquartier der von der Akademischen Legion getragenen Freiheitsbewegung. Pressefreiheit, Redefreiheit, Lehr- und Lernfreiheit waren die Forderungen der Studenten. Im Oktober 1848 besetzte das Militär das Gebäude. Die anatomische Sammlung, mehr als 2000 Präparate, kam durch die Truppen des Fürsten Windischgrätz in große Gefahr."Mein sorgsam gehüteter Weingeist-Vorrath labte kriegerische Kehlen", schrieb der berühmte Anatom Josef Hyrtl rückblickend. Damit nicht auch noch der Spiritus aus den Präparaten den Soldaten zum Opfer fiel, verlegte man die Sammlung rasch ins Josephinum in der Währinger Straße.

Zur Kaserne degradiert

Nach Niederschlagung der Revolution wurde der Universtätsbetrieb eingestellt und das Aulagebäude zur Kaserne degradiert. Erst 1857 wurde es Sitz der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Bis zur Übersiedlung der Universität in das neue Gebäude am Ring 1884 diente das mit einem Schwibbogen mit der Universitätskirche verbundene Pedellhaus, "domus antiqua" in der Sonnenfelsgasse 19 als Amtsgebäude der Universität. Hier waren seit 1627 Kanzlei, Archiv, Pedell und Karzer untergebracht. Ein offenes Buch am schmiedeeisernen Geländer des Balkons mit den Buchstaben U und V (für Universitas Viennensis) erinnert daran. Von diesem Balkon wurde im Revolutionsjahr 1848 die Studentenpetition um Pressefreiheit verlesen. 

Karzer

Das Fenster unter dem Balkon gehört zu dem Raum, der einst als Karzer verwendet wurde. Die Universität hatte bis 1783 das Privileg einer eigenen Gerichtsbarkeit. Und noch eine nicht zu unterschätzende Begünstigung genossen die Angehörigen der Universität: Im Falle einer Verurteilung zum Tode hatten sie die Bevorzugung, nicht wie das gemeine Volk gehenkt, sondern durch das Schwert gerichtet zu werden.

Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien
Freie Besichtigung von 08.00 bis 18.00 Uhr.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 44/2002

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