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20. Dezember 2005

Vom Drogenhändler zum Gesundheitsberuf (Altes Medizinisches Wien 17)

Um die 10.000 Exponate dokumentieren im neu eingerichteten Pharma- und Drogistenmuseum im Stiftungshaus für Drogisten in der Währingerstraße im 9. Wiener Gemeindebezirk die Entwicklung eines unglaublich vielfältigen Berufsstands.

Mit Verordnungen, in denen die Preise, die so genannten Taxen, aber auch die Rechte und Pflichten der Apotheker festgelegt sind, setzten sich die Apotheker bereits im 17. Jahrhundert gegen Winkelapotheker, Gewürzhändler, Theriakkrämer und "Drogisten" zur Wehr. Der Grundstein für den Drogistenberuf mit geregelter Ausbildung wird aber erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelegt.

Vom Quacksalber zum Drogisten

Aus Quacksalbern und fahrenden Heilkünstlern, die ihre mehr oder weniger nützlichen Produkte auf Jahrmärkten anpriesen und verkauften, entwickelte sich allmählich ein geregelter Drogenhandel - damals hatte das Wort "Droge" noch eine positive Bedeutung und war noch nicht so negativ besetzt wie heute -, der ursprünglich als Nebengeschäft der großen Apotheken entstand.
Aus den Drogenkleinhandlungen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts bereits ein fester Bestandteil des Einzelhandels waren, entstanden schließlich die Drogerien. Mit der Erweiterung des Sortiments um Chemikalien, Farben, Körperpflegemittel, Pflanzenschutz und Foto war der Grundstein für die Entwicklung eines geachteten Berufsstandes gelegt. Die Drogisten hielten zunächst für ihre Kunden vor allem Rohstoffe auf Lager, begannen aber bald selbst mit der Produktion von fertigen Produkten, wie sie sich die Kunden wünschten. Klassiker wie Coca-Cola®, Nivea Hautcreme® und der Anker Steinbaukasten®, alles Produkte, die von Drogisten entwickelt wurden, zeigen den Erfindungsreichtum und die Vielfalt dieses Berufsstands. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beginnt sich die Drogerie zunehmend als Fachgeschäft für Gesundheit, Wellness und Schönheit zu etablieren. 

Domäne Phytopharmaka

Domäne der Drogisten waren und sind Arzneimittel natürlichen Ursprungs, die Phytopharmaka. Wenn auch oft die reinen Wirkstoffe der Pflanzen in genauen Dosierungen als exakt überprüftes Medikament zur Verfügung stehen, so haben doch auch die ursprünglichen Anwendungsformen - Tees, Tinkturen, Salben -, die ja immer Stoffgemische beinhalten, ihre Berechtigung. Ihre Anwendung beruht zwar oft "nur" auf der Erfahrung von Generationen, aber zunehmend werden heute Anwendungsbeobachtungen und sogar klinische Studien durchgeführt, die die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit dieser Phytotherapeutika bestätigen. Die Untersuchung von Pflanzenkombinationen und Pflanzen, deren Wirkungen zwar lange bekannt sind, aber nicht auf eine ganz bestimmte Substanz zurückzuführen sind, ist auch mit modernster Technologie meist sehr schwierig und manchmal sogar unmöglich. Es konnten aber beispielsweise in der "Teedroge" Kamille und im Baldrian durch verbesserte Analysemethoden Stoffe gefunden werden, die auch im klinischen "Doppelblindversuch" ihre Wirksamkeit bestätigten. Ist auch nicht gegen jedes Übel tatsächlich ein Kraut gewachsen, so werden doch manche dieser alten Heilmittel bei Bedarf sowohl in der "Schulmedizin" als auch vom Laien zur Selbstmedikation bei leichteren Erkrankungen eingesetzt.

Kuriose Exponate

Aufgabe des Drogisten ist es, und dafür ist er ausgebildet und vom Gesetzgeber legitimiert, den Kunden persönlich zu beraten und Produkte zur Gesundheitspflege, zur Ernährung und Nahrungsergänzung, manchmal auch als Unterstützung und Begleitung zur ärztlichen Therapie abzugeben.  Die jahrzehntelang von den Mitgliedern des Vereins angestellter Drogisten und des Österreichischen Drogistenverbandes gesammelten Exponate zeigen die rasante Entwicklung dieser Berufsgruppe. Neben einer umfangreichen Sammlung von Drogen aus Pflanzen, Tieren, Harzen und Mineralien finden sich auch Kuriositäten wie mumia vera, ein Präparat aus mumifizierten menschlichen Leichenteilen, das bis Ende des 18. Jahrhunderts Wundmitteln und Pflastern zugesetzt wurde und Aloe in Affenhaut verpackt, die als Geschenk des bekannten Afrikaforschers Emil Holub in die Sammlung kam.
Eine homöopathische Miniaturtaschenapotheke, Aromatherapieflacons aus dem Jahr 1750 und ein interessanter Tetanus-Impfapparat aus dem 1. Weltkrieg finden sich ebenso wie historische Schaustücke aus den Bereichen Fotografie, Chemie, Farben und Gift. Drogisten sind ja die einzige Berufsgruppe Österreichs, die vom Gesetzgeber legitimiert ist, Gifte abzugeben. Interessenten steht auch eine umfangreiche Bibliothek mit wertvollen Kräuterbüchern und Fachbüchern zu den Themen Fotografie und Chemie zur Verfügung.

Rarität Naturdruck

Besonders stolz ist man hier auf eine Rarität erster Ordnung: Vier Prachtbände mit 585 Tafeln von Gefäßpflanzen des österreichischen Kaiserstaates. Hergestellt wurden diese Tafeln 1850 im so genannten Naturselbstdruck, ein überaus aufwändiges Druckverfahren, bei dem man aus der Pflanze selbst über einen Abdruck auf einem dünnen Bleiblech die Druckformen erzeugte. Bis auf die Farbe bekam man so eine vollkommen naturgetreue Pflanzenwiedergabe, aus der sogar eine wissenschaftliche Bestimmung der Pflanzen möglich war. Das nur in wenigen Exemplaren hergestellte Werk - das Drogistenmuseum besitzt wahrscheinlich die einzigen gebundenen Exemplare - wurde "zufolge kaiserlicher Anordnung" für die Pariser Weltausstellung von 1855 auf Staatskosten hergestellt. Die zum Teil seltenen und wertvollen Exponate, die jahrelang in einem Keller verstaubten, sind jetzt wieder schön und übersichtlich ausgestellt und dokumentieren nicht nur für Fachleute die spannende Entwicklung eines Berufsstands.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 1/2003

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