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20. Dezember 2005

Der verschwundene Kopf des J. P. Frank (Altes Medizinisches Wien 18)

Ein steinerner Sockel ohne Kopf im 1. Hof des Alten Allgemeinen Krankenhauses in Wien erinnert an einen der ersten Direktoren dieses Spitals. Dort sollte die Bronzebüste des Johann Peter Frank (1745 - 1821) stehen. Die Büste wurde jedoch um die Mitte der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts gestohlen und ist bisher nicht mehr aufgetaucht.

Frank war zeitlich zwar nicht der erste, von seiner Bedeutung her aber einer der wichtigsten Leiter dieser Anstalt. Jahrzehnte später erkannte man erst die ganze Tragweite seiner revolutionären Gedanken. Frank gilt heute als Begründer der prophylaktischen Medizin, der Sozialmedizin und der Hygiene. 

Unterricht und Forschung

Als am Montag, dem 16. August 1784, die ersten Patienten ins Allgemeine Krankenhaus in Wien aufgenommen wurden, standen der Bevölkerung 2.000 reguläre Betten zur Verfügung. Das Allgemeine Krankenhaus war damit eines der größten Spitäler der Welt. Von Anfang an diente das "Allgemeine" aber nicht nur als Heil- und Pflegeanstalt, sondern auch dem medizinischen Unterricht und der Forschung. Trotz aller Einwände gegen ein solch riesiges Zentralspital war aber das ungeheuer große und vielfältige "Krankengut" und die unmittelbare Nähe der Forschenden zu den Kranken für den großen Erfolg der Wiener Medizinischen Schule verantwortlich.

Nicht mehr vom Katheder 

Sitz der Medizinischen Universitätsklinik war das freistehende Gebäude, das so genannte "Stöckl" im 1. Hof. Im Gebäude gab es einen Hörsaal, vier Krankenzimmer mit insgesamt 24 Betten, einen kleinen Operationsraum und ein Studierzimmer mit Bibliothek. Die Interne Klinik hatte bereits seit 1754 unter Anton de Haen (1704 bis 1776) - er führte die regelmäßige Temperaturkontrolle, das Fiebermessen in die Medizin ein - und später unter Maximilian Stoll (1742 bis 1787) den Charakter einer medizinischen "Schule". Die neue Methode des Medizinunterrichts, nicht mehr vom Katheder herab vorzulesen, sondern direkt neben dem Krankenbett zu lehren, zog damals Studenten aus ganz Europa an. 

Vor der Schließung

Nach Stolls Tod 1787 verlor die Medizinische Klinik in Wien an Attraktivität. Die ausländischen Studenten blieben aus. Drei Jahre später stirbt auch noch Josef II, der Gründer und größte Förderer dieser damals bereits weltberühmten Institution. Die riesige Anstalt wollte nicht mehr so recht funktionieren. Man überlegte ernstlich, das Krankenhaus aufzulassen und wieder mehrere kleinere Spitäler einzurichten. Pferdeställe unter den Krankenzimmern, schlechte Verpflegung der Kranken und bedenkliches Trinkwasser wären Grund genug gewesen, das "Allgemeine" wieder zu schließen. Nur wegen der großen Kosten, die eine Neuorganisation des Spitalswesens in Wien mit sich gebracht hätte, blieb die Josefinische Stiftung bestehen. 

Organisator und Lehrer

In dieser Situation wurde Johann Peter Frank, der einen glänzenden Ruf als Organisator und Lehrer hatte, 1795 als Direktor des Allgemeinen Krankenhauses und Nachfolger für Stoll an die Medizinische Klinik berufen. Er vermehrte die Bettenzahl der Universitätsklinik und sicherte sich für den Unterricht geeignete Patienten aus dem großen "Angebot" des Allgemeinen Krankenhauses. Frank war vor allem Eklektiker, der sich wertvolle Gedanken aus allen damals herrschenden medizinischen Systemen herausholte, sie kritisch prüfte und dann auch lehrte. Seine Vorlesungen, die wieder mehr Studenten nach Wien lockten, waren verständlich und zeichneten sich durch seine Fähigkeit zur Selbstkritik aus.
Sein Sohn Josef Frank berichtete, "dass er seinen Vater niemals zufriedener gesehen hätte, als wenn er seinen Hörern erklären konnte: Meine Herren, streichen Sie diese oder jene Stelle aus meinen Werken aus! Als ich sie schrieb, hielt ich sie für wahr, nun aber bin ich vom Gegenteil überzeugt."

Eigene Prosektur

Großen Wert legte Frank auf die Kenntnisse der pathologischen Anatomie. Er veranlasste den Bau einer eigenen Prosektur, die Anstellung eines Prosektors und den Aufbau eines pathologisch-anatomischen Museums. Von diesem pathologischen Institut nahm eine Generation später mit Karl Rokitansky die Zweite Medizinische Schule ihren Ausgang. Der Erfolg einer 1801 unter Leitung Franks durchgeführten, kommissionell geprüften Kuhpockenimpfaktion im Allgemeinen Krankenhaus war entscheidend für die Einführung der Impfung im ganzen Land.

"Medicinische Polizey"

Seine Lebensaufgabe sah Frank aber in der Gründung einer "medicinischen Polizey". Zwischen 1779 und 1819 schrieb Frank die sechs Bände seines Lebenswerks "System einer vollständigen medicinischen Polizey", in dem praktisch alle Fragen der modernen sozialen Medizin und der Hygiene unter dem Motto "Vorbeugen ist besser als heilen" behandelt wurden. Frank versuchte die Obrigkeit zu überzeugen, dass der Staat das Volk praktisch von der Wiege bis zur Bahre durch vernünftige hygienische Verordnungen zur Gesundheit zu erziehen habe. 

Im Biedermeier unmöglich

Bereits in Pavia wo er, bevor er nach Wien berufen wurde unterrichtete, hatte er das "Volkselend als die Mutter der Krankheiten" erkannt. Die politische Umsetzung seiner Gedanken war aber im Wien des Biedermeier nicht möglich. Neue Ideen waren unter dem Eindruck der Französischen Revolution nicht nur nicht geschätzt, sondern gefürchtet. Billroth sagte 1876 rückblickend über diese Zeit: "Als Frankreich nach der Entfesselung des geistesfeurigen Elements in hellen Flammen loderte, löschte man hier nach und nach auch die wärmenden und mild leuchtenden Feuer und überwachte etwas später mit ängstlicher Sorgfalt selbst das Feuer von Pfeifen und Cigarren."

Emigration nach Wilna

Intrigen und Anfeindungen vergällten Frank das Leben in Wien. Verbittert emigrierte er schließlich 1804 an die Universität Wilna. Während der Restauration und nach dem Wiener Kongress hatten weder der Staat noch das Bürgertum Interesse am Volkswohl. Auch die Vertreter der Zweiten Wiener Medizinischen Schule setzten sich wenig mit den Problemen der Armut und der Sozialmedizin auseinander. Erst im Gefolge der industriellen Revolution erinnerte man sich wieder an die Gedanken des Johann Peter Frank.

Kopf ab

Ein Ehrengrab am Zentralfriedhof und zwei abgesägte vor sich hinrostende Metallbolzen auf einem Sockel im 1. Hof des Alten Allgemeinen Krankenhauses erinnern heute an den Mann, der mit Recht als Begründer der prophylaktischen Medizin, der Sozialmedizin, der Gerichtsmedizin und der Hygiene gilt. Wo der verschwundene Kopf des Johann Peter Frank steckt, ist unbekannt. Für die Herstellung einer Kopie der Büste fehlte bislang wahrscheinlich nicht nur das Geld, sondern auch das Interesse.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 2/2003

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