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20. Dezember 2005

Ein-Blick in den Körper (Altes Medizinisches Wien 19)

In den Körper schauen, ohne ihn zu verletzen, das ist der uralte Traum aller Ärzte. Das Nitze-Leiter-Museum in Wien dokumentiert die Geschichte der Endoskopie, vom Ur-Endoskop bis heute. Weltweit die größte Sammlung seiner Art.

Spezialsammlungen

Das Josephinum in der Währingerstraße 25 beherbergt nicht nur das Institut und das Museum für Geschichte der Medizin mit seiner weltbekannten anatomischen Wachsmodellsammlung, sondern auch Spezialsammlungen, die selbst Fachleuten kaum bekannt sind. Im Jahr 2002 eröffnete die "Sammlung für Geschichte der Anästhesie und Intensivmedizin" (die ÄRZTE WOCHE berichtete am 5. Juni 2002) und seit 1996 besteht dort das "Nitze-Leiter-Museum für Endoskopie". Letzteres ist nach den beiden Pionieren der Endoskopie, dem Dresdner Arzt Maximilian Nitze (1848 - 1906) und dem Wiener Instrumentenmacher Josef Leiter (1830 - 1892), benannt.

Schenkung aus Stuttgart

Bei einem Besuch des Wiener Instituts für Geschichte der Medizin entschloss sich 1995 der Urologe Hans-Joachim Reuter spontan, Teile seiner in Stuttgart befindlichen Endoskopiesammlung dem medizinhistorischen Institut der Universität Wien zunächst als Dauerleihgabe, später dann als Schenkung zu überlassen.
Reuter betreibt in Stuttgart - ein Teil seiner Sammlung bildet auch den Grundstock eines Endoskopiemuseums in Peking - gemeinsam mit seinem Sohn das "Museum für medizinische Endoskopie Max Nitze ev". Zusammen mit den umfangreichen Beständen des Wiener Instituts und zahlreichen Neuerwerbungen entstand hier im Josephinum die wohl weltweit größte Studiensammlung für Endoskopie.

Uralter Traum der Ärzte

Das "In den Körper schauen", ohne den Körper zu verletzen, ist ein uralter Traum der Ärzte. Schon Hippokrates verwendete um 400 v.Chr. starre Rohre zur Diagnostik im Mund-, Vaginal- und Rektalbereich. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts scheiterten aber alle Versuche, weiter vorzudringen, vor allem an der Beleuchtung. Erst 1806 gelang es dem Frankfurter Arzt Phillipp Bozzoni (1779 -1809) erstmals, mit dem Licht einer Kerzenflamme durch ein zweigeteiltes Rohr verschiedene Körperhöhlen zu begutachten. Seinen Apparat nannte er Lichtleiter.
Hier im Josephinum, an der medizinisch-chirurgischen Josephs-Akademie wurde dieses Gerät, sozusagen das Ur-Endoskop, bereits 1807 zunächst an Leichen, dann aber auch an Lebenden zur Rektoskopie und Kolposkopie mit Erfolg erprobt.
Bozzoni verstarb früh und sein Lichtleiter geriet in Vergessenheit. Erst 50 Jahre später verbesserte der französische Arzt Antonin J. Desormeaux die Erfindung Bozzonis, indem er die Kerze durch eine wesentlich hellere Gasogenflamme ersetzte. Sein Instrument nannte er "Endoscope". Diese Konstruktion wurde ein Erfolg und Desormeaux gilt heute als der "Vater der Endoskopie". Mit einem starren Endoskop von Desormeaux versuchte der Internist Adolf Kußmaul 1868 erstmals bei einem Schwertschlucker in die Speiseröhre und in den Magen zu blicken. Der Versuch misslang wegen der schlechten Beleuchtung. 

Strom brachte Durchbruch

Erst die Verwendung von elektrischem Strom brachte den Durchbruch bei der Beleuchtung. Erfolgreich eingesetzt wurde zunächst ein glühender Platindraht, der ein besonders helles Licht spendete.
Max Nitze gelang es gemeinsam mit dem Wiener Instrumentenmacher Josef Leiter 1879 das erste, in der klinischen Praxis wirklich einsetzbare Endoskop zu konstruieren. Den glühenden Platindraht an der Spitze des Endoskops kühlten sie mit zirkulierendem Wasser und das ursprünglich recht kleine Bildfeld der Endoskope erweiterten sie durch eine spezielle Optik.
Am 9. März 1879 demonstrierte Max Nitze sein "Kystoskop" zur Spiegelung der Harnblase in einer Sitzung der "Gesellschaft der Ärzte" in Wien. Wegen der aufwändigen Wasserkühlung und der technisch komplizierten elektrischen Einrichtung setzten sich das Gerät und die Methode zunächst aber nicht durch.

Tests mit Schwertschlucker

Auf der technischen Basis dieses Geräts konnte aber der Wiener Chirurg Johann Mikulicz gemeinsam mit Leiter nach Leichenuntersuchungen und einer Untersuchung ebenfalls an einem Schwertschlucker das erste brauchbare Gastroskop entwickeln.
Erst die Erfindung der Glühbirne 1880 und einige Jahre später des kleinen so genannten Mignonlämpchens, das an der Spitze der Endoskope befestigt werden konnte, brachte eine wesentliche Vereinfachung und Verbesserung der Beleuchtung. Kurz danach begann Max Nitze, angespornt durch seine Erfolge bei der Blasenspiegelung, operative Eingriffe durch sein Kystoskop vorzunehmen. Er legte damit den Grundstein zur endoskopischen Chirurgie, nicht nur in der Urologie. 

Laufende Verbesserungen ...

In der Folge kam es zu zahlreichen Verbesserungen in der Technik der Endoskope. Man installierte bessere Optiken und versuchte biegsame Instrumente zu konstruieren. Mit der Entwicklung des halbflexiblen Gastroskops 1932 durch den Münchner Arzt Rudolf Schindler (1888 - 1968) und den Berliner Instrumentenmacher Georg Wolf (1873 - 1938) fand das Instrument dann rasch weite Verbreitung.
Entscheidend verbessert wurden die Endoskope in den 50er-Jahren durch die Glasfasertechnik, die der südafrikanische Arzt Basil Hirschowitz erstmals klinisch anwendete. Der große Vorteil lag darin, dass gebündelte Glasfasern sowohl lichtleitend als auch biegsam sind.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Wiener Laryngologe Schrötter von Kristelli bereits 1906 ein Patent zu einem nach einem neuen Prinzip konstruierten Broncho- bzw. Oesophagoskop anmeldete. Das neue Prinzip war das des "leuchtenden Glasstabes". Sein Endoskop hatte als Wand ein Glasrohr, durch das die am Okular angebrachten ringförmigen Lampen ihr Licht schicken konnten. 

... durch feinere Technik

Die weitere Entwicklung ist gekennzeichnet durch die immer besser und kleiner werdenden Optiken, die größere Flexibilität und Länge der Geräte, die Endo-Photographie und zuletzt durch die ausgefeilte biegsame Faseroptik, die verbesserten Möglichkeiten der Manipulation und die Videotechnik, die die rasante Entwicklung der minmal-invasiven Chirurgie erst ermöglichten. 
Das Nitze Leiter-Museum für Endoskopie präsentiert die geschichtliche Entwicklung praktisch aller Bereiche der Endoskopie. Der Bogen der Objekte spannt sich vom Urendoskop Bozzonis - seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen und erst im Oktober 2002 aus Chicago nach Wien "heimgekehrt" - über die ersten Instrumente mit Glühdraht - die Entwicklung der Leiter-Cystoskope ist mit etwa 150 Geräten fast lückenlos dokumentiert - bis zu den ersten Instrumenten für Videoübertragungen. 
Schwerpunkt der Sammlung ist sicher die endoskopische Urologie, aber auch die Endoskope der Gastroenterologie, der Oto-Rhino-Laryngologie und der Ophtalmologie sind in allen Entwicklungsstufen im Museum vertreten. Beispiele aus der Technik und Geräte zur Endophotografie, Kinematographie, Television, Mikroskopie und Galvanokaustik runden diese faszinierende Sammlung ab. Für die wissenschaftliche Arbeit stehen eine umfangreiche endoskopische Fachbibliothek mit Monographien, Zeitschriften und einer Porträt- und Autographensammlung aus den Anfängen der Endoskopie zur Verfügung.

Für die Öffentlichkeit

Betreut wird die wissenschaftliche Sammlung durch die Internationale Nitze-Leiter-Forschungsgesellschaft für Endoskopie, die es sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, nicht nur die Entwicklung der Endoskopie von den Anfängen bis in die Gegenwart zu dokumentieren und wissenschaftlich zu bearbeiten, sondern auch der Öffentlichkeit lebendig und spannend zu präsentieren. So wurden im Museum neben eindrucksvollen Video- und Diapräsentationen eine Diagnosestraße installiert, bei der jeder Besucher selbst einmal am Phantom "in den Körper schauen" kann.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 3/2003

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